Regelchaos in der Formel 1 Die Rückkehr der Fernsteuerung

Das Funkverbot sollte die Leistungen der Fahrer in der Formel 1 in den Vordergrund stellen. Das klappte, bis es um die Sicherheit ging. Nun wurde das Verbot wieder gekippt - das Regelchaos wird immer größer.

AP

Vom Hockenheimring berichten Karin Sturm und


Die Formel 1 möchte gefallen. Dem Fan an der Strecke, aber auch dem Zuschauer am TV-Gerät. Doch die Rennserie tut sich derzeit schwer, kaum jemand weiß das besser als die Macher des Großen Preises von Deutschland am Hockenheimring (Sonntag, 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Fährt das einzig verbliebene deutsche Rennen im Kalender an diesem Wochenende erneut einen Verlust ein, könnte die Formel 1 für lange Zeit aus dem Land der Weltmeister Michael Schumacher und Sebastian Vettel verschwinden.

Um den Fans zu gefallen, hatte der Motorsport-Weltverband Fia zu Beginn der Saison ein umfangreiches Funkverbot für die Fahrer eingeführt. Die Piloten sollten wieder eigenständig entscheiden - und nicht als Marionetten der Ingenieure fungieren. Bei Motoreinstellungen, Spritmanagement oder Strategiefragen ein nachvollziehbares Ziel - in Sicherheitsfragen war die Regel aber von Anfang an umstritten.

Nun hat die Strategiegruppe der Formel 1 auf einer Sitzung in Genf, auf der auch die Einführung des Cockpitschutzes "Halo" abgelehnt wurde, beschlossen, alles wieder auf Anfang zu stellen. Schon ab Hockenheim darf nach der Einführungsrunde nach Herzenslust gefunkt werden - inklusive des umstrittenen Driver-Coachings, das die Macht über das Auto wieder in Richtung Kommandostand umschwenken lässt. Nur bei den Starteinstellungen soll den Fahrern weiterhin nicht geholfen werden.

Die Fälle Rosberg und Button sorgen für Umdenken

Die Chronologie dieser Regel-Posse fand in Silverstone ihre Fortsetzung, als Nico Rosberg eine Zehn-Sekunden-Strafe bekam, weil der damals noch WM-Führende von seinem Team zu detailliert vor Getriebeproblemen gewarnt worden war. Die Fia setzte daraufhin innerhalb weniger Tage eine neue Regel ein, die bei wichtigen Problemen an den Autos zwingend eine Klärung in der Box befahl. Wer sich daran nicht hielt, wurde bestraft.

Die ersten und vorerst auch letzten Opfer waren in Ungarn Jenson Button und McLaren - der Brite erhielt wegen Funkhinweisen zu seinen Bremsproblemen eine Durchfahrtstrafe. "Es ist eine dumme Regel", sagte Button im Anschluss. "Man sollte dafür gelobt werden, wenn man einen Unfall vermeidet. Dieser Sport hat noch einen weiten Weg vor sich, um wieder gut zu werden."

Mark Webber, ehemaliger Teamkollege von Vettel bei Red Bull, der aktuell als Porsche-Fahrer in der Langstecken-WM Funkfreiheit genießt, begrüßt die Kehrtwende der Strategiegruppe. "Man kann nicht die fortschrittlichsten Autos der Welt aus dem 21. Jahrhundert haben", sagte Webber, "und dann aber mit den Funkregeln in die Siebzigerjahre zurückgehen, als es überhaupt noch keinen Funk gab."

Raumschiff bekommt wieder eine Bedienungsanleitung

Pascal Wehrleins Unfall in Baku, ausgelöst durch eine defekte Bremsscheibe, wäre mit einer rechtzeitigen Warnung per Funk zu vermeiden gewesen. "Zum Glück ist das an einer Stelle passiert, wo genügend Auslaufzone vorhanden war", sagte Wehrlein. "Zwei Kurven weiter und das gibt einen Riesencrash." Red Bull musste sich in Österreich sogar vor der Rennleitung rechtfertigen, weil Daniel Ricciardo im freien Training einen Funkhinweis umsetzte. Renndirektor Charlie Whiting verfolgte die Umsetzung sehr rigide - und muss sich nun wieder umstellen.

Denn die Regelhüter scheinen nur Schwarz und Weiß zu kennen. Schon Anfang der Saison, als trotz aller Warnungen aus dem Fahrerlager ein neues Qualifying-System erst eingeführt und dann wieder abgeschafft wurde, handelte sich die Formel 1 ein unnötiges Problem ein. Das Zuschauerinteresse lässt sich mit solchen Operationen am offenen Herzen nicht wieder steigern.

Das gilt auch für die Kehrtwende beim Boxenfunk, obwohl alle Funksprüche offengelegt werden müssen. Die Kritik an den Fahrermarionetten wird wieder aufflammen. Ein Kompromiss ohne Driver-Coaching wäre besser und nachvollziehbar gewesen, auch wenn Fahrer wie Wehrlein wegen der Komplexität der modernen Lenkräder aufatmen dürften. "Der Fahrer verschwendet die Hälfte seiner Runde damit, auf das Lenkrad zu schauen", so der Manor-Pilot vor der Entscheidung. Er müsse Hunderte von Einstellungsmöglichkeiten im Kopf haben. "Das ist einfach nicht mehr machbar."

Der junge Deutsche gab Fernando Alonso und dessen Spruch recht: "Die geben uns ein Raumschiff und keine Bedienungsanleitung dazu."

Formel-1-Saison 2016
Die Teams und Fahrer
Mercedes
Lewis Hamilton und Nico Rosberg
Ferrari
Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen
Williams
Felipe Massa und Valtteri Bottas
Red Bull
Daniel Ricciardo und Max Verstappen
Force India
Nico Hülkenberg und Sergio Pérez
Renault
Kevin Magnussen und Jolyon Palmer
Toro Rosso
Daniil Kwjat und Carlos Sainz jr.
Sauber
Marcus Ericsson und Felipe Nasr
McLaren Honda
Fernando Alonso und Jenson Button
Manor
Rio Haryanto und Pascal Wehrlein
Haas
Romain Grosjean und Esteban Gutierrez
Der Rennkalender
20. März: Australien (Melbourne)
3. April: Bahrain (as-Sachir)
17. April: China (Shanghai)
1. Mai: Russland (Sotschi)
15. Mai: Spanien (Barcelona)
29. Mai: Monaco (Monte Carlo)
12. Juni: Kanada (Montréal)
19. Juni: Europa (Baku)
3. Juli: Österreich (Spielberg)
10. Juli: Großbritannien (Silverstone)
24. Juli: Ungarn (Mogyoród)
31. Juli: Deutschland (Hockenheim)
28. August: Belgien (Spa-Francorchamps)
4. September: Italien (Monza)
18. September: Singapur (Singapur)
2. Oktober: Malaysia (Sepang)
9. Oktober: Japan (Suzuka)
23. Oktober: USA (Austin)
30. Oktober: Mexiko (Mexiko-Stadt)
13. November: Brasilien (Interlagos)
27. November: Abu Dhabi (Yas-Insel)
Die Rekorde
Die meisten WM-Titel
Michael Schumacher (7)
Die meisten Grand-Prix-Siege
Michael Schumacher (91)
Die meisten Siege in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 13)
Die meisten Start-Ziel-Siege
Ayrton Senna (19)
Die meisten Podestplätze
Michael Schumacher (155)
Die meisten Podestplätze in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 17)
Die meisten Polepositions
Michael Schumacher (68)
Die meisten Polepositions in einer Saison
Sebastian Vettel (15)
Die schnellsten Rennrunden
Michael Schumacher (77)
Die meisten Grand-Prix-Starts
Rubens Barrichello (323)
insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
uzsjgb 29.07.2016
1. Rolex
Ich finde es immer wieder sehr bemerkenswert, dass der Sponsor Rolex über so wichtige sportliche Dinge mit entscheiden darf und so gut wie keiner das berichtenswert findet.
blackbike67 29.07.2016
2.
Warum steuert man die Autos nicht gleich aus der Box komplett fern: Es gibt kein Risiko für den Fahrer, man kann noch spektakulärer sich auf der Stecke bewegen: Das sitzen Vettel & Co eben in der Box. Oder man schmeißt die ganze Technik wieder raus: Kupplung, Gas, Bremse und Motor , aber ohne Elektronik kombiniert mit aktueller Sicherheitszelle. Welchen Zuschauer interessiert, ob ein F1-Auto Hybrid hat oder nicht...
Bueckstueck 29.07.2016
3. Idiotie
Es wäre doch so einfach: Anweisungen die die Performance betreffen sind verboten. Anweisungen die einen Ausfall oder Unfall vermeiden helfen, sind erlaubt.
SPONtisprüche 29.07.2016
4. Autonomes Fahren
Alle reden vom autonomen Fahren - die F1 war doch schon immer das Experimetierfeld im Automobilsektor. Also lasst ab nächster Saison die Fahrer einfach komplett weg, die brauchen wir nicht mehr.
Mittelschicht 29.07.2016
5. Interessanter
... wäre es mittlerweile ein paar autonom fahrende Google Cars auf die Rennstrecke zu schicken. Starts hinter dem SaftyCar weils ein wenig regnet, Auslaufzonen die jeden Fahrfehler ohne Konsequenzen vergessen lassen, Boxenfunk und und und. Ja, die Fahrer sind nur noch Marionetten. Zu spät gebremst ? Kein Problem, die Auslaufzone ist fast besser asphaltiert als die Rennstrecke. Mittlerweile hat die Bedeutung des Wortes (Formel1-)Zirkus endlich die Realität erreicht. Es ist nur noch ein langweiliger Zirkus mit ein paar Gockeln die sich präsentieren. Auf Rennstrecken die etwas mehr erfordern würden als der Autoscooter auf einem Rummel drauen die sich eh nicht mehr.
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