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Formel 1: "Raumschiff" ohne Anleitung

Foto: Luca Bruno/ AP

Regelchaos in der Formel 1 Die Rückkehr der Fernsteuerung

Das Funkverbot sollte die Leistungen der Fahrer in der Formel 1 in den Vordergrund stellen. Das klappte, bis es um die Sicherheit ging. Nun wurde das Verbot wieder gekippt - das Regelchaos wird immer größer.

Die Formel 1 möchte gefallen. Dem Fan an der Strecke, aber auch dem Zuschauer am TV-Gerät. Doch die Rennserie tut sich derzeit schwer, kaum jemand weiß das besser als die Macher des Großen Preises von Deutschland am Hockenheimring (Sonntag, 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Fährt das einzig verbliebene deutsche Rennen im Kalender an diesem Wochenende erneut einen Verlust ein, könnte die Formel 1 für lange Zeit aus dem Land der Weltmeister Michael Schumacher und Sebastian Vettel verschwinden.

Um den Fans zu gefallen, hatte der Motorsport-Weltverband Fia zu Beginn der Saison ein umfangreiches Funkverbot für die Fahrer eingeführt. Die Piloten sollten wieder eigenständig entscheiden - und nicht als Marionetten der Ingenieure fungieren. Bei Motoreinstellungen, Spritmanagement oder Strategiefragen ein nachvollziehbares Ziel - in Sicherheitsfragen war die Regel aber von Anfang an umstritten.

Nun hat die Strategiegruppe der Formel 1 auf einer Sitzung in Genf, auf der auch die Einführung des Cockpitschutzes "Halo" abgelehnt wurde, beschlossen, alles wieder auf Anfang zu stellen. Schon ab Hockenheim darf nach der Einführungsrunde nach Herzenslust gefunkt werden - inklusive des umstrittenen Driver-Coachings, das die Macht über das Auto wieder in Richtung Kommandostand umschwenken lässt. Nur bei den Starteinstellungen soll den Fahrern weiterhin nicht geholfen werden.

Die Fälle Rosberg und Button sorgen für Umdenken

Die Chronologie dieser Regel-Posse fand in Silverstone ihre Fortsetzung, als Nico Rosberg eine Zehn-Sekunden-Strafe bekam, weil der damals noch WM-Führende von seinem Team zu detailliert vor Getriebeproblemen gewarnt worden war. Die Fia setzte daraufhin innerhalb weniger Tage eine neue Regel ein, die bei wichtigen Problemen an den Autos zwingend eine Klärung in der Box befahl. Wer sich daran nicht hielt, wurde bestraft.

Die ersten und vorerst auch letzten Opfer waren in Ungarn Jenson Button und McLaren - der Brite erhielt wegen Funkhinweisen zu seinen Bremsproblemen eine Durchfahrtstrafe. "Es ist eine dumme Regel", sagte Button im Anschluss. "Man sollte dafür gelobt werden, wenn man einen Unfall vermeidet. Dieser Sport hat noch einen weiten Weg vor sich, um wieder gut zu werden."

Mark Webber, ehemaliger Teamkollege von Vettel bei Red Bull, der aktuell als Porsche-Fahrer in der Langstecken-WM Funkfreiheit genießt, begrüßt die Kehrtwende der Strategiegruppe. "Man kann nicht die fortschrittlichsten Autos der Welt aus dem 21. Jahrhundert haben", sagte Webber, "und dann aber mit den Funkregeln in die Siebzigerjahre zurückgehen, als es überhaupt noch keinen Funk gab."

Raumschiff bekommt wieder eine Bedienungsanleitung

Pascal Wehrleins Unfall in Baku, ausgelöst durch eine defekte Bremsscheibe, wäre mit einer rechtzeitigen Warnung per Funk zu vermeiden gewesen. "Zum Glück ist das an einer Stelle passiert, wo genügend Auslaufzone vorhanden war", sagte Wehrlein. "Zwei Kurven weiter und das gibt einen Riesencrash." Red Bull musste sich in Österreich sogar vor der Rennleitung rechtfertigen, weil Daniel Ricciardo im freien Training einen Funkhinweis umsetzte. Renndirektor Charlie Whiting verfolgte die Umsetzung sehr rigide - und muss sich nun wieder umstellen.

Denn die Regelhüter scheinen nur Schwarz und Weiß zu kennen. Schon Anfang der Saison, als trotz aller Warnungen aus dem Fahrerlager ein neues Qualifying-System erst eingeführt und dann wieder abgeschafft wurde, handelte sich die Formel 1 ein unnötiges Problem ein. Das Zuschauerinteresse lässt sich mit solchen Operationen am offenen Herzen nicht wieder steigern.

Das gilt auch für die Kehrtwende beim Boxenfunk, obwohl alle Funksprüche offengelegt werden müssen. Die Kritik an den Fahrermarionetten wird wieder aufflammen. Ein Kompromiss ohne Driver-Coaching wäre besser und nachvollziehbar gewesen, auch wenn Fahrer wie Wehrlein wegen der Komplexität der modernen Lenkräder aufatmen dürften. "Der Fahrer verschwendet die Hälfte seiner Runde damit, auf das Lenkrad zu schauen", so der Manor-Pilot vor der Entscheidung. Er müsse Hunderte von Einstellungsmöglichkeiten im Kopf haben. "Das ist einfach nicht mehr machbar."

Der junge Deutsche gab Fernando Alonso und dessen Spruch recht: "Die geben uns ein Raumschiff und keine Bedienungsanleitung dazu."

Formel-1-Saison 2016

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