Formel 1 Warum es auch in Zukunft keine Rennen in Deutschland geben wird

Euphorie in Zandvoort, Millionenverluste in Monza: Die Formel 1 ist in Europa zu einem Risikogeschäft geworden. Der Hockenheimring will da nicht mitmachen.
Ein enges Titelrennen, wie zwischen Lewis Hamilton (l.) und Max Verstappen, garantiert keine vollen Tribünen

Ein enges Titelrennen, wie zwischen Lewis Hamilton (l.) und Max Verstappen, garantiert keine vollen Tribünen

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Andy Hone / imago images/Motorsport Images

Wer in diesen Tagen die Dokumentation über Michael Schumacher schaut, wird in eine Zeit zurückkatapultiert, als die Formel 1 in Deutschland ein Massenphänomen war. Volle Tribünen, exzellente Einschaltquoten im TV, bisweilen waren sieben deutsche Piloten im Starterfeld der wichtigsten Motorsportserie der Welt.

Mittlerweile ist davon nicht mehr viel zu spüren. Mit Sebastian Vettel und Mick Schumacher gibt es zwar immer noch zwei Fahrer aus Deutschland, Mercedes war über Jahre der alles dominierende Rennstall. Und doch tut sich die Formel 1 schwer, im Land des siebenfachen Weltmeisters Michael Schumacher massentauglich zu bleiben.

Nun steht fest, dass auch in der kommenden Saison kein Rennen in Deutschland stattfinden wird.

Das bestätigte Formel-1-Chef Stefano Domenicali der »Sport-Bild«, obwohl mit dem Hockenheimring und dem Nürburgring zwei Rennstrecken zur Verfügung stehen, die eine lange Tradition in der Formel 1 haben. »Ich habe das Gefühl, dass sich die Veranstalter nicht richtig trauen, einen Grand Prix auszutragen«, sagte Domenicali.

Hockenheimring will weiter verhandeln

Auf Nachfrage des SPIEGEL bestätigten die Verantwortlichen des Hockenheimrings, mit Formel-1-Eigentürmer Liberty Media und Domenicali über die Austragung eines Rennens für 2022 verhandelt zu haben. Allerdings konnte keine Einigung erzielt werden, »das gegenseitige Interesse einer erneuten Partnerschaft über 2022 hinaus« soll jedoch bekundet worden sein, wie es in der Stellungnahme der Geschäftsführung heißt.

Stefano Domenicali (r.) bei einem Gang durch das Formel-1-Fahrerlager

Stefano Domenicali (r.) bei einem Gang durch das Formel-1-Fahrerlager

Foto: Bryn Lennon / Getty Images

Großer Streitpunkt ist, wie schon in den vergangenen Jahren, die finanzielle Regelung eines Promoter-Vertrags. In der Vorsaison war die Formel 1 zwar auf dem Nürburgring zu Gast, jedoch nur, weil die Corona-Pandemie viele Rennen unmöglich gemacht hatte und Ersatz-Gastgebern finanziell entgegengekommen wurde. Der letzte reguläre Grand Prix von Deutschland fand 2019 auf dem Hockenheimring statt.

Domenicali will dieses Argument nicht gelten lassen, er schätze das finanzielle Risiko für deutsche Veranstalter als nicht zu groß ein. In der Formel 1 müssen Rennstrecken eine Antrittsgebühr zahlen, die nicht einheitlich ist, aber nach Informationen des SPIEGEL mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag ausmacht. Diese Ausgaben müssen über Ticketverkäufe und Marketingmaßnahmen refinanziert werden. Zu der Höhe der Gebühr will der Hockenheimring keine Angaben machen.

Zandvoort dank Verstappen ausverkauft

Für die Rennstrecke in Baden-Württemberg, auf der Michael Schumacher dreimal in seiner Karriere gewinnen konnte, steht eigenen Angaben zufolge etwas anderes im Vordergrund. Es sei mit Liberty Media über eine Risikobeteiligung gesprochen worden, wobei es dabei nicht um die Saison 2022 gegangen sei. Übersetzt heißt das, wenn nicht genügend Zuschauer kämen, soll die Formel 1 Kosten übernehmen.

Ähnlich äußern sich die Verantwortlichen des Nürburgrings gegenüber dem SPIEGEL, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssten stimmen und das sei derzeit nicht gegeben. Daher habe es keine intensiveren Gespräche über ein Rennen in der Saison 2022 gegeben.

Nur warum sollte sie das tun? Für die kommende Saison sind erneut 23 Rennen geplant, laut Domenicali soll »etwa ein Drittel« in Europa stattfinden. Die Formel 1 findet immer noch genügend Standorte, an denen hohe Antrittsgelder mühelos bezahlt werden, nicht umsonst ist Saudi-Arabien in dieser Saison neu im Kalender – und es halten sich Gerüchte über ein Rennen in Katar. Hohe Antrittsgebühren sind in diesen Staaten keine Hürde. Für den Hockenheimring steht jedoch die Wirtschaftlichkeit eines Rennens im Vordergrund.

»Schauen Sie nur nach Holland, Zandvoort ist für die nächsten drei Jahre ausverkauft«, erwiderte Domenicali und fügte an, auch das für die kommende Saison in Miami geplante Rennen werde schnell ausverkauft sein. In den Niederlanden hat der WM-Führende Max Verstappen allerdings eine Euphorie ausgelöst, die mit dem Schumacher-Effekt in Deutschland in den Neunzigerjahren vergleichbar ist.

Monza macht Millionenverlust

Anders sieht es in Monza aus. Dort fand am vergangenen Wochenende der Große Preis von Italien statt, in der Heimat von Ferrari, dem immer noch wichtigsten Rennstall der Formel 1. Doch an den drei Tagen kamen insgesamt nur 46.000 Fans an die Rennstrecke, Monza-Streckenchef Guiseppe Redaelli gab daraufhin einen Verlust in Höhe von 15 Millionen Euro bekannt.

Über die Gründe kann vorerst nur spekuliert werden. Ferraris Krise könnte ein Faktor sein. Die Eintrittskarten kosteten mindestens 100 Euro. Und die Zuschauerinnen und Zuschauer mussten einen »Grünen Pass« vorzeigen, in dem eine Impfung, ein negativer Test oder ein Nachweis einer Genesung vermerkt worden sein musste.

In Europa scheint es kein Selbstläufer mehr zu sein, sich selbst tragende Formel-1-Rennen zu veranstalten.