Formel 1 in China Cooler Vettel fährt zu Titel-Anwärtern auf

Abgeklärt zum Erfolg: Sebastian Vettel hat mit einem beeindruckenden Sieg beim Formel-1-Grand-Prix von Shanghai seine Konkurrenzfähigkeit bewiesen - und seine Titel-Ambitionen. Doch das Regen-Rennen fand erneut unter nahezu irregulären Bedingungen statt.

Von Frieder Schilling


Still wird es gewesen sein in der Red-Bull-Box, als 15 Runden vor Schluss der Rennfahrer über den Taktiker siegte. Im sicheren Bewusstsein, dass der vor ihm durch den Regen rasende Jenson Button noch einmal würde an die Box fahren müssen, hätte Sebastian Vettel einfach abwarten können. Die Treibstoffnot des Brawn-Boliden hätte ihm die Führung garantiert.

Als der 21-Jährige dann am Ende der Start- und Zielgeraden aus dem Windschatten Buttons ausscherte und sich mit über 200 Stundenkilometern neben den Briten setzte, werden die Gedanken seiner Mechaniker nach Australien abgeschweift sein. In einer ähnlichen Situation hatte Vettel dort beim ersten Saisonrennen einen sicheren dritten Platz vergeben, wertvolle Punkte für das in den letzten Jahren wenig erfolgsverwöhnte Team. Sein Crash mit BMW-Pilot Robert Kubica bedeute kurz vor dem Ziel das Aus, Niedergeschlagenheit herrschte damals in der Box.

In Shanghai aber wurde nach der Kurvenausfahrt gejubelt. Das erfolgreiche Überholmanöver - zumal bei regennasser Fahrbahn - gegen den WM-Führenden war das Meisterstück in einem fehlerfreien Rennen des Sebastian Vettel.

Dass diese Perfektion ("Er hat heute sein großes Talent bewiesen" - Ross Brawn) über nahezu zwei Stunden hinweg, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 155 Stundenkilometern, außergewöhnlich war, zeigten diverse Fehler der restlichen Piloten. Titelträger Lewis Hamilton drehte den McLaren-Mercedes gleich mehrfach von der Strecke, der zweifache Weltmeister Fernando Alonso konnte im Renault Gleiches ebenfalls nicht verhindern und auch Button kam einmal die Kontrolle über seinen hoch gelobten Brawn GP, in China auf Rang drei und vier, abhanden.

Letzter einer langen Reihe kreiselnder Piloten war Adrian Sutil, der scheinbar zunächst die Konzentration und dann die Kontrolle über seinen Boliden verlor und damit drei mögliche Punkte für Force India in den Reifenstapeln versenkte. Neben den Fahrern, die so einen Rang vorrückten, dürfte dieser Abflug des Deutschen einzig Ferrari gut getan haben. Denn hätte Sutil die Zielflagge gesehen, wären die Italiener nach dem Ausfall von Felipe Massa und Kimi Räikkönens zehntem Platz das einzige Team ohne jeden Punkt in der laufenden Saison gewesen. Doch auch so wird jeder Ferraristi den Blick auf die WM-Wertungen vermeiden. Eine Schmach für den dominierenden Rennstall des vergangenen Jahrzehnts.

Vettel und die Red-Bull-Strategen dagegen werden sich die Statistiken des China-Wochenendes einrahmen. Sie sind ein Beweis für die Leistungsfähigkeit des Deutschen, der erst 29 Formel-1-Rennen bestritten hat.

Schon in der Qualifikation hatte er sein Talent bewiesen. Elf Runden konnte er nur absolvieren, deutlich weniger als alle neun anderen, die den dritten Durchgang erreicht hatten. In Abschnitt zwei und drei war ihm jeweils nur ein gezeiteter Umlauf vergönnt. Der Red Bull hatte sich in den Tagen zuvor äußerst fragil gezeigt, die Belastung des Autos sollte möglichst gering gehalten werden. Unter diesem Druck zauberte Vettel zwei Runden auf den Shanghai Circuit, die alleine schon eine Champagnerdusche wert gewesen wären.

Als das Feld dann zu Beginn des Rennens die ersten acht Runden hinter dem Safety Car drehte, zeigte sich erneut die Abgeklärtheit des nach Sebastien Buemi zweitjüngsten Piloten im Formel-1-Zirkus. Während andere Fahrer sich per Funk über schlechte Sicht und Aquaplaning beklagten, sendete Vettel ein lockeres "wir hatten schon schlimmere Bedingungen" an den Red-Bull-Kommandostand. Nach Zieldurchfahrt folgte ein selbstbewusstes "es war so schwierig, aber wir haben es geschafft".

Und doch dürfen die Beschwerden der Piloten nicht überhört werden. Denn auch der dritte Grand Prix der Saison fand nicht annähernd unter optimalen Rennbedingungen statt. Nick Heidfeld sprach gar von "noch schlechteren Bedingungen" als beim Abbruch-Rennen von Malaysia.

Die späte Startzeit in Australien führte aufgrund der tief stehenden Sonne zum Ende des Rennens zu deutlich erschwerten Sichtverhältnissen. Auch die Terminverlegung des China-GP vom Ende des Jahres in eine regengefährdetere Jahreszeit erscheint fragwürdig. Die Sicherheit der Piloten fördern diese Maßnahmen zweifellos nicht. In Shanghai hätte der Crash zwischen BMW-Pilot Robert Kubica und dem Toyota von Jarno Trulli wesentlich dramatischer enden können.

Zudem beraubte der Regen die Zuschauer eines der attraktivsten Elemente eines jeden Formel-1-Rennens: den stehenden Start. Und auch die Regel, nach der ein Rennen in keinem Fall länger als 120 Minuten dauern darf, hätte in China beinahe gegriffen. Die Siegerzeit: 1:57:34 Stunden. In Bahrain, wo der Formel-1-Zirkus bereits in sieben Tagen gastieren wird, darf man auf bessere Bedingungen hoffen. Denn im Schnitt regnet es dort im April nur an einem Tag. Aber das würde ja schon reichen.

Zumindest Sebastian Vettel wäre das nicht unrecht: Im Regen läuft es beim Deutschen, der seine beiden Renn-Erfolge auf nasser Rennstrecke feierte. Für den Titel braucht es jedoch mehr. Viel davon bringt er mit: Seine fahrerischen Qualitäten sind unbestritten. Sein Nervenkostüm scheint stabil, sein Arbeitsgerät war es in Shanghai ebenfalls. Dass der Australier Mark Webber den zweiten Red Bull auf Rang zwei ins Ziel brachte, bestätigt Techniker und Konstrukteure. Aber nicht immer wird es regnen.

Und die großen Teams werden aufholen. McLaren-Mercedes zeigte mit Rang fünf (Heikki Kovalainen) und sechs (Hamilton) bereits einen deutlichen Aufwärtstrend. Und doch hat Vettel eine realistische Chance, bereits in seiner zweiten kompletten Saison um die Krone zu kämpfen. In Melbourne bewies er seine Konkurrenzfähigkeit im Trockenen. Dass er konstant in die Punkte fahren kann, zeigte er zum Ende der Saison 2008. Sechs der letzten sieben Rennen beendete er unter den besten sechs.

Auch die Äußerungen seines Teamchefs Christian Horner kurz nach dem Premierensieg für Red Bull klangen wie eine Kampfansage: "Wir haben ein tolles Auto, wir haben den Einzel-Diffusor und wir bekommen den Doppel-Diffusor."

Gut gebrüllt, Bulle.

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Seite 1
Michael KaiRo 16.01.2009
1.
Zitat von sysopNeue Autos, neue Regeln, neue Technik: Die Formel 1 sieht 2009 ganz anders aus. Doch ändern sich damit auch die Kräfteverhältnisse? Wer ist Ihr Titelfavorit, was halten Sie von den Neuerungen in der Königsklasse?
Die Regeländerungen sehe ich weitgehendst positiv - diese dummen zigfachen Flaps sahen sowieso eher müllig aus. Hätte aber noch das "Umkleiden" der Rückspiegel wie es Ferrari jetzt getan hat, verboten - die waren wohl clever und fanden ne Lücke ;-) Die Kräfteverhältnisse dürften sich wohl eher marginal verschieben. Da bleibe ich Realist. Vor allem wünsche ich mir, dass mehr Entscheidungen auf der Rennstrecke fallen als am grünen Tisch. Aber das dürfte wohl Wunschdenken bleiben. Die Meisterschaft wird immer (nach Möglichkeit) bis zum letzten Rennen offen gehalten werden, egal ob Regelkonfrom oder nicht. Ansonsten: Schade, dass es die Sportwagen-WM der Prototypen nicht mehr gibt :-(
Cholerix, 16.01.2009
2.
Zitat von Michael KaiRoDie Regeländerungen sehe ich weitgehendst positiv - diese dummen zigfachen Flaps sahen sowieso eher müllig aus. Hätte aber noch das "Umkleiden" der Rückspiegel wie es Ferrari jetzt getan hat, verboten - die waren wohl clever und fanden ne Lücke ;-) Die Kräfteverhältnisse dürften sich wohl eher marginal verschieben. Da bleibe ich Realist. Vor allem wünsche ich mir, dass mehr Entscheidungen auf der Rennstrecke fallen als am grünen Tisch. Aber das dürfte wohl Wunschdenken bleiben. Die Meisterschaft wird immer (nach Möglichkeit) bis zum letzten Rennen offen gehalten werden, egal ob Regelkonfrom oder nicht. Ansonsten: Schade, dass es die Sportwagen-WM der Prototypen nicht mehr gibt :-(
Dem würde ich mich nachdrücklich anschlieesen wollen ! Was die 2009er F1 anbelangt: Potthäääässlich. Bislang hatten Autorennen auch stets ein ästhetisches Element. Das Thema ist in der F1 nun aber durch. Bedingt durch die Regeländerungen ist da nun was entstanden, was noch grauenhafter aussieht als in den Vorjahren diese ganzen angepappten aerodynamischen Hilfkonstruktionen. Ich fürchte, das könnte mein verbliebenes Interesse an der F1 beenden. Ich hätte zudem eine Rückbesinnung auf die "Bastelstuben" früherer Jahre bevorzugt. Die Konzerne haben letztlich noch jede gute Motorsportserie mit Geld kaputtbekommen. Gerade auch Mercedes (u.a. FIA GT97 und Gruppe C)
lynx2 16.01.2009
3. Geld kaputt machen?
Zitat von CholerixDem würde ich mich nachdrücklich anschlieesen wollen ! Was die 2009er F1 anbelangt: Potthäääässlich. Bislang hatten Autorennen auch stets ein ästhetisches Element. Das Thema ist in der F1 nun aber durch. Bedingt durch die Regeländerungen ist da nun was entstanden, was noch grauenhafter aussieht als in den Vorjahren diese ganzen angepappten aerodynamischen Hilfkonstruktionen. Ich fürchte, das könnte mein verbliebenes Interesse an der F1 beenden. Ich hätte zudem eine Rückbesinnung auf die "Bastelstuben" früherer Jahre bevorzugt. Die Konzerne haben letztlich noch jede gute Motorsportserie mit Geld kaputtbekommen. Gerade auch Mercedes (u.a. FIA GT97 und Gruppe C)
Wieso? Mercedes hat's doch! Wenn Chrysler abschmiert müssen sie nochmals eine schlappe Mrd. nachschießen. Für F1 reicht es noch dicke. Das zeigt nur, daß die Autohersteller immer noch genügend Geld haben für diesen Firlefanz. Wo ist da eine Autokrise? Daimler kann über seine Autofinanzierungstochter ja eine 100 Mio oder mehr einsacken an Staatsknete und damit weiter auch F1 finanzieren. Ist doch schön!
myspace 16.01.2009
4. .
Einheitsreifen, keine Schlupfkontrolle mehr - diese Jahr kommt es wieder auf das fahrerische Können an. Plus: Durch die neuen Aerodynamikregeln wird der Abtrieb deutlich gesenkt, gut möglich, daß es wieder ein bißchen Action mit richtige Überholmanövern gibt.
metbaer 17.01.2009
5.
Ich bin gespannt, was die neuen Regeln bringen. Vielleicht schaue ich die Formel 1 dann auch wieder mit etwas mehr Freude... die letzten Jahre machte die NASCAR- Serie in den USA dann doch mehr Spaß. Warum? Weniger Aerodynamik, weniger Elektronik, weniger Schnickschnack und einfach mehr fahrerisches Können.
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