Formel 1 in Frankreich Absurder Streit um die Sicherheit

Die Sicherheitsdiskussion nach dem Unfall von Ralf Schumacher dreht sich allenfalls vordergründig um den Schutz der Formel-1-Piloten. Fia-Chef Max Mosley nutzt die Situation, um Regeländerungen im Eiltempo durchzusetzen – und stößt ausgerechnet bei Schumachers Arbeitgeber BMW-Williams auf heftigen Widerstand.

Von Jörg Schallenberg


Schumacher-Unfall in Indianapolis: Zwei Frakturen an der Wirbelsäule
DPA

Schumacher-Unfall in Indianapolis: Zwei Frakturen an der Wirbelsäule

Sicher ist sicher, dachte sich die Allianz-Versicherung und verschickte vor wenigen Tagen eine Pressemitteilung unter dem Titel "Sicherer Arbeitsplatz". Wenn man, neugierig geworden, weiterlas, stellte man überrascht fest, dass damit der Fahrersitz in der Formel 1 gemeint war. Fürsorglich beigelegt war eine detaillierte Skizze, die genau beschrieb, wie gut ein Pilot in so einem Rennwagen untergebracht ist. Vor allem, wenn der mit Allianz-Werbung unterwegs ist, so wie - ja, so wie beispielsweise Ralf Schumacher im BMW-Williams. Nicht dass der auch nur mit einem Wort im Text erwähnt worden wäre.

Hätte vielleicht doch komisch gewirkt, nachdem der kleine Schumi gerade ein paar Tage im Krankenhaus verbracht hat, weil ihn auch die "aus dem Kohlefaserverbundstoff Karbon gefertigte Sicherheitszelle eines Formel-1-Boliden" (Allianz-Text) beim Aufprall mit über 300 km/h auf eine Betonmauer nicht vor zwei Frakturen an der Wirbelsäule schützen konnte. Hoffentlich war er wenigstens gut versichert.

Die Sicherheitsdiskussion, die nach dem schweren Schumacher-Unfall von Indianapolis eingesetzt hat, trägt mitunter absurde und auch zynische Züge - nicht nur, wenn sich die Allianz einschaltet. So beklagte sich etwa BMW-Motorsportchef Mario Theissen heftig, dass die Helfer nicht rechtzeitig eingegriffen hätten.

So viel Einsatz für das Wohl der eigenen Fahrer ist natürlich löblich. Vor allem wenn man bedenkt, dass BMW und insbesondere Theissen sonst gerne auf die Bremse treten, wenn es um tief greifende Veränderungen in der Formel 1 geht - auch wenn die mehr Sicherheit für ihre Fahrer bedeuten würden.

So ist Theissen ganz und gar nicht begeistert von den Vorschlägen, die Max Mosley, Präsident des für die Formel 1 zuständigen internationalen Automobilverbandes Fia, jetzt - wieder - auf den Tisch gelegt hat. Sein Vorschlag: Schon ab der Saison 2005 sollen die gängigen Zehnzylinder-Motoren mit drei Litern Hubraum verboten und stattdessen Achtzylinder-Aggregate mit 2,5 Litern eingeführt werden. Was mal eben 200 PS weniger bedeutet. Diese Änderungen hatte die Fia ursprünglich erst für 2008 vorgesehen, doch nun nutzte Mosley die Gelegenheit und begründete seine Eile mit Gefahr im Verzuge: "Die Leistung der Autos ist in einem unakzeptablem Maß gestiegen, die letzten Unfälle gingen an das Limit unserer jüngsten Sicherheitsmaßnahmen."

Denn die größte Gefahr für die Piloten besteht in der irrsinnigen Verzögerung, die bei Frontal-Crashs - wie jenem von Schumi II oder von Sauber-Pilot Felipe Massa - auf die Fahrer einwirkt und leicht zu inneren Verletzungen führen kann. Gegen die hilft weder das Monocoque noch die zum Schutz der Halswirbelsäule eingeführte Nackenstütze "Hans", die die Fahrer seit der vergangenen Saison tragen müssen.

Weil aber die Geschwindigkeiten in dieser Saison so rasant angestiegen sind wie lange nicht mehr und Streckenrekorde teilweise um zwei bis drei Sekunden unterboten werden, könnte der nächste schwere Unfall nur eine Frage der (Runden-)Zeit sein. Selbst Michael Schumacher als schnellster und bester Fahrer sagt: "Im Moment können wir noch damit umgehen, aber wahrscheinlich muss die Leistung irgendwie gesenkt werden." So gesehen lässt sich Mosleys plötzliche Aktivität tatsächlich bestens begründen - auch wenn der Verdacht nahe liegt, dass es ihm im Kern nicht unbedingt um die Gesundheit der Piloten geht.

Fia-Chef Mosley: Gefahr im Verzug
AP

Fia-Chef Mosley: Gefahr im Verzug

Tatsächlich flackert pünktlich zur Rückkehr der Formel 1 nach Europa der Dauer-Konflikt zwischen Fia, Chef-Vermarkter Bernie Ecclestone und den kleinen Traditions-Rennställen einerseits und den großen Automobilkonzernen wie BMW, Mercedes oder Renault andererseits auf. Alle Beteiligten sind zwar längst über diverse Vereinbarungen, Beteiligungen, Absprachen und Verträgen völlig undurchschaubar miteinander verwoben, dennoch verstehen sich die Fia und - je nachdem, wie es seinen Geschäften gerade passt - meistens auch Bernie Ecclestone als Verfechter eines für die Zuschauer attraktiven Formel-1-Spektakels, bei dem zumindest annähernd eine Chancengleichheit zwischen den Teams besteht. Denn nur ein solcher Wettbewerb lässt sich aus ihrer Sicht auf lange Zeit erfolgreich vermarkten.

Die großen Autohersteller hingegen betrachten die Königsklasse des Motorsports als Werbeplattform für ihre mit allen erdenklichen Mitteln hochgerüsteten Produkte. So mault BMW-Mann Theissen über Mosleys Vorschläge: "Wenn man den Faktor Technologie wegnimmt, verkommt die Formel 1 zu einer Art Formel 3000." Der Fia-Chef spottet angesichts solcher Einwände allerdings nur über "ultrateure Materialien, die keiner sieht und die keinen interessieren". Außerdem gebe es auch bei strengen Auflagen "immer gute Autos und weniger gute Autos". Und für BMW die Chance, ausgeklügelte kleine Motoren zu entwerfen, die der Konkurrenz eine Nasenlänge voraus sind - statt immer neue Monster-Triebwerke heranzuzüchten. Wo doch Mittelklasse-Produkte von gehobenen Marken längst als Nische auf dem weltweiten Auto-Markt entdeckt worden sind.

Allerdings dürfte man sich nicht nur bei BMW, sondern auch bei Mercedes über Mosleys Eile grämen. Da stellen die Silbernen am Sonntag in Magny-Cours tatsächlich ihr neues, seit anderthalb Jahren angekündigtes Renn-Modell auf die Piste - und müssen es womöglich zum Saisonende schon wieder zurückbauen.

Was das alles noch mit der Sicherheit der Fahrer zu tun hat? Sehr viel. Denn Max Mosley kann unter diesem Vorwand auf den Artikel 7.5 des so genannten "Concorde Agreement" zwischen Fia und den Rennteams zurückgreifen - und der besagt, dass die Fia Regeländerungen aus Sicherheitsgründen auch ohne die Zustimmungen der Teams anordnen kann. Zwar würden Beschränkungen für die Formel-1-Wagen früher oder - eher - später sowieso kommen. Aber Mosley weiß: sicher ist sicher.



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