Kuriose Titelverteidigung Wenn selbst Verstappen nicht weiß, dass er die WM gewonnen hat

Durch einen Fehler seines Konkurrenten Charles Leclerc wurde Max Verstappen im Regen von Suzuka zum zweiten Mal Formel-1-Champion. Das Problem: Es bekam erst mal keiner mit. Pierre Gasly erlebte einen Schreckmoment.
Erst feierten sie nur den Rennsieg, später auch die Titelverteidigung: Max Verstappen (l.) mit seinem Team und Angehörigen

Erst feierten sie nur den Rennsieg, später auch die Titelverteidigung: Max Verstappen (l.) mit seinem Team und Angehörigen

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Clive Mason / Getty Images

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Der Moment der Saison: Max Verstappen gab gerade ein Interview zu seinem Rennsieg beim Großen Preis von Japan, als die Information kam, dass Ferrari-Pilot Charles Leclerc wegen Verlassens der Strecke in der letzten Runde eine Fünf-Sekunden-Strafe bekam. Noch während des Live-Interviews wurde Verstappen plötzlich zur Titelverteidigung gratuliert, was zunächst für reichlich Verwirrung sorgte: Da das Rennen wegen einer langen Unterbrechung verkürzt worden war, hätte Verstappen eigentlich nicht genug Punkte gesammelt – selbst dann nicht, als Leclerc wegen der Strafe seinen zweiten Platz verlor. Das dachten zumindest die internationalen Kommentatoren – und auch Red Bull selbst. »Unsere Strategen haben gesagt, dass uns ein Punkt fehlt«, sagte Motorsportchef Helmut Marko bei Sky. Verstappen sagte, er habe es selbst erst nach dem Rennen vom Weltverband Fia erfahren, dass er den Titel geholt habe.

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Der Grund: Der Internationale Automobilverband vergab die volle Punktzahl, obwohl nicht die vorgeschriebenen 75 Prozent der 53 Runden absolviert worden waren, sondern nur 28. Diese Regel gelte aber nur, wenn das Rennen nach einer Unterbrechung nicht wieder aufgenommen werden könne, erklärten die Regelhüter mit Verspätung. Während des Rennens wurde dies nicht kommuniziert. Es ist nicht das erste Mal, dass die Fia mit komplexen Regeln oder undurchsichtigen Entscheidungen für Verwirrung sorgt. Der Verband hatte die Punkteregelung, wonach nur noch ein bestimmter Prozentsatz der Punkte vergeben wird, wenn ein Rennen nicht über die volle Distanz gefahren wird, erst im letzten Jahr nach dem Regenrennen in Spa überarbeitet.

Das Ergebnis: Verstappen wurde Erster vor seinem Teamkollegen Sergio Pérez, Leclerc wurde offiziell Dritter. Sebastian Vettel landete bei seinem letzten Japan-Grand-Prix auf Platz sechs, eine Position hinter Rekordweltmeister Lewis Hamilton. Lesen Sie hier den Rennbericht.

Der Start: Das Rennen begann turbulent. Der von Position zwei gestartete Leclerc kam zunächst besser weg, doch Verstappen hielt dagegen und verteidigte in der ersten Kurve sehenswert auf der Außenlinie. In Runde drei wurde das Rennen dann unter roter Flagge bereits wieder unterbrochen. Auf regennasser Strecke war es zu turbulenten Szenen gekommen, unter anderem kollidierte Vettel beim Start mit Fernando Alonso, Carlos Sainz rutschte im Ferrari heftig ab, der Spanier konnte seinen Rennwagen aus eigener Kraft verlassen. Allerdings waren längere Aufräumarbeiten vonnöten.

Der Schreck: Wegen des teils starken Regens und der Gischt beschwerten sich mehrere Fahrer über schlechte Sicht. Besonders Pierre Gasly schimpfte in seinem AlphaTauri, als ihm ein Bergungsfahrzeug auf der Strecke entgegenkam. Gasly war zuvor in der Box gewesen und fuhr zu dem Zeitpunkt dem Feld hinterher. Erinnerungen an den schweren Unfall in Suzuka 2014 wurden wach, bei dem Gaslys Freund Jules Bianchi ums Leben gekommen war. »Das ist inakzeptabel«, wütete Gasly im Funk. Die Fia teilte mit, der Alpha-Tauri-Pilot sei »mit hoher Geschwindigkeit« unterwegs gewesen, obwohl die Rote Flagge bereits gezeigt war. Nach dem Rennen erhielt Gasly eine Zeitstrafe von 20 Sekunden und zwei Strafpunkte, er sei mehrfach mit über 200 km/h unterwegs gewesen. Dadurch fiel er auf Platz 18 hinter Mick Schumacher zurück.

Pierre Gasly (hinten) und Sebastian Vettel im Aston Martin in der Gischt von Suzuka

Pierre Gasly (hinten) und Sebastian Vettel im Aston Martin in der Gischt von Suzuka

Foto: TOSHIFUMI KITAMURA / AFP

Der Re-Start: Nach rund zwei Stunden Regenpause ging das Feld hinter dem Safety Car wieder auf die Strecke, hinter Verstappen und Leclerc folgte Pérez als neuer Dritter, vor Esteban Ocon (Alpine) und Hamilton (Mercedes). Mick Schumacher war in der Startphase auf Platz zehn nach vorne gekommen. Vettel wurde nach dem Dreher in Kurve eins schon wieder auf Rang 16 notiert. Sainz war nach seinem Unfall nicht mehr dabei, genauso wie Alexander Albon, der wohl ein technisches Problem an seinem Williams hatte. Nachdem das Rennen freigegeben wurde, änderte sich an der Spitze zunächst nichts.

Ausgerechnet Leclerc: Verstappen fuhr auch weiterhin souverän an der Spitze, kurz vor Schluss war sein Vorsprung bereits auf über 18 Sekunden angewachsen. Hinter ihm kämpfte Leclerc mit seinen Reifen und wurde von Pérez unter Druck gesetzt. Zunächst sah es so aus, als könne der Monegasse seinen Vorsprung knapp ins Ziel retten, doch dann rutschte er in der letzten Schikane von der Strecke und kürzte ab. Zwar blieb er auf der Strecke vor Pérez, doch auf dem Papier sollte sein zweiter Platz dann keinen Bestand haben. »Ich hatte keine Reifen mehr«, sagte der Ferrari-Pilot und gratulierte Verstappen zum Titel. Zu Saisonbeginn hatte es noch nach einem Zweikampf beider Fahrer um den Titel ausgesehen, nun verhalf ausgerechnet Leclerc seinem Konkurrenten ungewollt zum Erfolg.

Binotto verärgert: Ferrari-Teamchef Mattia Binotto zeigte sich angesichts der Zeitstrafe für seinen Fahrer verärgert. »Es ist lächerlich und inakzeptabel«, sagte er bei Sky, dass Leclerc ohne Anhörung nach wenigen Minuten sanktioniert wurde, schließlich habe er auch keinen Vorteil durch den Ausritt gehabt. Einen Protest gegen die Strafe gab es allerdings nicht – ganz im Gegensatz zum Finale im letzten Jahr, als Mercedes mit dem unterlegenen Hamilton die WM angefochten hatte.

Verhaltene Party: Seit elf Jahren, damals war es Sebastian Vettel, hat niemand mehr so früh die WM entschieden wie Verstappen in Suzuka. Durch die Konfusion über den Regelentscheid wurde bei Red Bull zunächst aber eher wenig gefeiert. »Es ist Wahnsinn, ich habe gemischte Gefühle«, sagte er nach dem Rennen. Bei der anschließenden Pressekonferenz sagte er, er habe die Vorgänge auch als »ziemlich lustig« empfunden.

Sebastian Vettel wird auf seiner Lieblingsstrecke verabschiedet

Sebastian Vettel wird auf seiner Lieblingsstrecke verabschiedet

Foto: IMAGO/Zak Mauger / IMAGO/Motorsport Images

»Ich bin traurig«: Die japanischen Fans bereiteten Sebastian Vettel einen emotionalen Abschied aus Suzuka. Der 35-Jährige war am Samstagabend auf einer Bühne vor der fast voll besetzten Haupttribüne aufgetreten. In der einsetzenden Dunkelheit glühten hunderte grüne Lichter in den Farben von Vettels Rennstall Aston Martin. »Danke für die wunderbaren Jahre, ihr seid die Besten. Ich bin traurig, dass ich euch jetzt verlassen muss«, sagte Vettel sichtlich gerührt. Für seine Worte auf Japanisch bekam er viel Applaus. Viermal hatte er den Großen Preis von Japan auf seiner Lieblingsstrecke gewonnen, 2011 machte er dort den zweiten von insgesamt vier WM-Titeln perfekt. Vettel beendet im November nach dem Saisonende seine aktive Formel-1-Karriere. Der sechste Platz zum Abschluss dürfte ein kleines Trostpflaster sein.

Wie geht's weiter: Am Sonntag in zwei Wochen (23. Oktober, 21 Uhr, TV: Sky) mit dem Großen Preis der USA in Austin, Texas.

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