Ferrari nach Monza-Erfolg Die Befreiung

Ferrari hat sich mit dem zweiten Saisonsieg in Folge erfolgreich aus der Sommerpause zurückgemeldet. Charles Leclerc konnte die Mercedes-Dominanz erneut brechen. Was heißt das für Sebastian Vettel?

Charles Leclerc feiert mit seinem Team den Sieg in Monza
AFP/Andrej ISAKOVIC

Charles Leclerc feiert mit seinem Team den Sieg in Monza


Monza sah rot am Sonntagnachmittag: Der Autodromo Nazionale di Monza war in roten Rauch getaucht. Flaggen mit dem "Cavallino rampante", dem Logo der Scuderia, wehten, Tausende rotgekleidete Tifosi bejubelten ihren Star Charles Leclerc auf dem Siegerpodium - dazu die Klänge der italienischen Hymne. Auf der Rennstrecke des kleinen Städtchens nordöstlich von Mailand feierte Ferrari den ersten Heimsieg seit 2010 - und gleichzeitig eine überaus erfolgreiche Rückkehr aus der Sommerpause.

Der 21-jährige Monegasse Leclerc hatte mit seinem Doppelerfolg von Spa und Monza für die ersten Saisonsiege des italienischen Rennstalls gesorgt. Nach der drückend langen Dominanzphase von Mercedes, deren Siegesserie bis zum Grand Prix von Belgien nur durch Red-Bull-Pilot Max Verstappen unterbrochen wurde, meldete sich Ferrari zurück.

Ursache Nummer eins dafür war die Konstanz von Leclerc, der - ebenso wie in Spa - seine Poleposition ins Ziel retten konnte. Über 30 Runden verteidigte er seine Führung vor Lewis Hamilton und Valtteri Bottas. Dabei sorgte seine Fahrweise für Diskussionen: In Runde 23 versuchte Hamilton den Monegassen in einer Linkskurve zu attackieren, nachdem beide Fahrer Nico Hülkenberg überholt hatten. Der Weltmeister probierte es außen und kam von der Strecke ab.

Schnell und lernfähig

Hamilton beschwerte sich im Anschluss, dass Leclerc von der Rennleitung nur verwarnt worden war. Während des Rennens funkte er an seine Box, der Ferrari-Pilot hätte ihn ins Gras geschoben. Im vergangenen Jahr sei Verstappen in Monza für eine ähnliche Aktion gegen Bottas mit einer Fünf-Sekunden-Strafe belegt worden. Gleichwohl gab es nach Rennende von Mercedes-Seite versöhnliche Worte: "Wir hatten zwar ein paar Momente, in denen es eng war, aber darüber können wir eher unter vier Augen sprechen. Es ist nichts Großes, und wir werden weiter gegeneinander Rennen fahren. Ich freue mich darauf, noch viele Rennen mit ihm zu haben", sagte Hamilton. Leclerc habe verdient gewonnen.

Die Szene zeigte auch, dass Leclerc schnell lernt: In Österreich hatte er sich nach langer Verfolgung von Verstappen den Sieg kurz vor Rennende von dem Niederländer noch aus der Hand nehmen lassen.

In Monza ist die Mercedes-Jagd auf Leclerc an Details gescheitert. Er war auf den Geraden schnell, Hamilton und Bottas leisteten sich Fahrfehler in der Schlussphase. Aber auch mittels Strategie konnte der ansonsten clevere deutsche Rennstall Ferrari an diesem Tag nicht beikommen: In Runde 20 versuchte Mercedes mit Hamilton einen Undercut gegen Leclerc. Die Scuderia reagierte schnell und holte ihn eine Runde später in die Box, durch die geringere Standzeit kam der Ferrari-Pilot knapp vor Hamilton zurück auf die Strecke. Bottas kam erst in der 27. Runde zum Reifenwechsel und hatte danach acht statt zwei Sekunden Rückstand auf die Führenden.

Mercedes bleibt Titelanwärter

Der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel lieferte Ferrari mit seinem gefährlichen Fahrfehler und der anschließenden Zeitstrafe hingegen einen erneuten Grund, die Hierarchiefrage eindeutig für Leclerc zu beantworten. Musste er Vettel in China noch ziehen lassen, wurde Vettel in Spa zum Bremsklotz degradiert. In Monza brauchte es keine Stallorder dazu, das besorgte der 32-Jährige gleich selbst.

Zwar sagte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto hinsichtlich Vettels Status im Team nach dem Rennen: "Nein, da wird sich nichts ändern." Doch der Umgang mit Streitigkeiten beider Piloten nach dem Qualifying spricht eine andere Sprache. Der Rennstall hatte angeordnet, dass Leclerc Vettel auf dessen zweiter schnellen Runde Windschatten geben sollte, aber der Monegasse verweigerte die Unterstützung. Binotto sagte dazu nach dem Rennen: "Ja, es gab ein paar Diskussionen mit Charles. Aber jetzt haben wir ihm schon wieder alles vergeben, was er getan hat."

Charles Leclerc bei der Siegerehrung auf dem Podium
Getty Images/Mark Thompson

Charles Leclerc bei der Siegerehrung auf dem Podium

Sieben Rennen sind noch zu fahren in der aktuellen Formel-1-Saison, 175 Punkte zu vergeben. Lewis Hamilton, der als einziger Fahrer bei jedem Großen Preis Punkte geholt hat, führt die Gesamtwertung weiterhin souverän an - und hat 102 Zähler Vorsprung vor Leclerc, der seinen Teamkollegen Vettel mit insgesamt 182 Punkten nun auch in der Fahrerwertung überholt hat. Die beiden Vollgas-Kurse von Belgien (rund 60 Prozent) und Italien (rund 80 Prozent), die Ferrari liegen, sind vorbei. Und bei aller Euphorie rund um den Heimsieg: Mercedes bleibt Titelanwärter, und auch der derzeit WM-Dritte Verstappen fährt eine starke Saison.

Doch der Rennstall hat gezeigt, dass das Team die Sommerpause genutzt hat, um sich erfolgreich zurückzumelden und die ersten Siege einfahren zu können. Vor allem mit einem Charles Leclerc, der sich in seinem zweiten Jahr in der Königsklasse des Motorsports weiter verbessert, kann Ferrari auf weitere Rennerfolge hoffen. Ein Umstand, der nach dem Rennen auf dem Hungaroring, bei dem Vettel und Leclerc mit über einer Minute Rückstand ins Ziel kamen, kaum noch denkbar war.

Und so kommentierte Leclerc seinen Sieg in Monza mit einem Wort. Es lautete: "Befreiung".

insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
coyote38 09.09.2019
1. Was bedeutet das für Vettel ...?
Das bedeutet für Vettel, dass er genau als _die_ bestenfalls mittelmäßige Imitation eines Rennfahrers demaskiert wird, die er schon immer war, wenn er nicht mit teils regelwidrigen Autos alle anderen in Grund und Boden fahren konnte. Vettel war noch nie in der Lage ein Auto entscheidend zu verbessern und besonderes fahrerisches Talent hatte er auch noch nie ... von seinem äußerst labilen Nervenkostüm mal ganz zu schweigen. In der Formel 1 gibt's buchstäblich Dutzende, die besser sind als Vettel.
raddy 09.09.2019
2. Leclerc hat den Sieg nicht verdient
Ich bin kein Vettel Fan. Ich kann nicht verstehen warum bei der F1 die Fahrer neben der Strecke fahren dürfen ohne Nachteile zu haben. Es müsste wie in Hockenheim, oder wie früher mit den Kiesbetten sein. Verlässt ein Fahrer die Strecker muss er Zeit verlieren. Leclerc fährt in der Schikane geradeaus und bleibt vor Hamilton. So was ist ein Unding. Es sollte sein wie in GP1, eine verlängerte Kurve nach dem verlassen der Strecke zu fahren.
cindy2009 09.09.2019
3. @coyote38
Ähm, wie oft wurde Vettel nochmal Weltmeister? Und das auch noch gegenüber einem Fahrer mit identischer Ausrüstung? Man, man, man ... Bleiben Sie bitte dabei, Ihre persönlichen Aversionen zu pflegen und nehmen niemals an einem Event teil, der Ihre Fähigkeiten live zur Schau stellt.
Humanfaktor 09.09.2019
4. Zweifel an Vettel liegen auf der Hand
Ich wünsche Sebastian Vettel, dass es sich selbst wieder besser unter Kontrolle bekommt. Dass er zurzeit viele Fehler macht, auch absurd unverständliche, wie sein katastrophaler Entschluss, sich derart gefährlich wieder auf die Strecke zu manövrieren - ist ja nicht zu übersehen. Sowas darf einem erfahrenen Piloten wie ihm einfach nicht passieren. Da hätte auch viel Schlimmeres passieren können, als nur eine schlechte Performance. Und das ausweichende Lamentieren hinterher, oder Schuldzuweisungen, bringen auch nichts. Diese enorme Fehlerquote macht es unmöglich, besser abzuschneiden. Im Auto unterscheiden sich eben die Einen von den Anderen. Wenn zwei das gleiche Material haben und einer den anderen in Grund und Boden fährt, gibt es doch keinen Raum für 'hätte', 'wenn' und 'aber' ... . Da ist etwas nicht so, wie es sein sollte. Für die Meriten der Vergangenheit kann im Leistungssport bleibt der Bonus nur sehr begrenzt. Nichts ist für das Rennen heute so uninteressant wie die Erfolge von vor fünf Jahren. Letztlich zählen nur aktuellen Ergebnisse. Und die stimmen bei Sebastian Vettel seit geraumer Zeit nicht mehr, und sie entsprechen vor allem nicht den an Ihn gestellten Erwartungen. Und das ist es, was ganz besonders gewichtig zählt.
mikeww 09.09.2019
5.
Zitat von coyote38Das bedeutet für Vettel, dass er genau als _die_ bestenfalls mittelmäßige Imitation eines Rennfahrers demaskiert wird, die er schon immer war, wenn er nicht mit teils regelwidrigen Autos alle anderen in Grund und Boden fahren konnte. Vettel war noch nie in der Lage ein Auto entscheidend zu verbessern und besonderes fahrerisches Talent hatte er auch noch nie ... von seinem äußerst labilen Nervenkostüm mal ganz zu schweigen. In der Formel 1 gibt's buchstäblich Dutzende, die besser sind als Vettel.
1. Top Autos bewegten sich schon immer im Grenzbereich der Regeln, nach dem Motto "Alles was nicht ausdrücklich verboten ist wird ausprobiert". 2. Wer vier Weltmeistertitel holt kann nicht so schlecht sein, auch wenn das Auto eine Rolle spielt. Und wenn ein Rennstall es nicht schaft das Fahrzeug entsprechend den Anforderungen des Fahrers zu entwickeln muss man diskutieren ob das nur am Fahrer liegt. 3. Beispiel Fernando Alonso: War 2 mal Weltmeister, hat es auf Ferrari aber auch nicht geschafft. Gilt aber als einer der besten Fahrer seiner Epoche. 4. Wenn man nicht das absolute Spitzenauto hat und unter Druck steht neigt man dazu das Auto zu überfahren und Fehler häufen sich. Oder man gibt sich mit 3. und 4. Plätzen zufrieden, den Eindruck habe ich bei Vettel nicht. 5. Zählen Sie bitte mal die "Dutzende" unter den 20 Fahrern in der Formel 1 auf. die besser sind als Vettel. Ich sehe da höchstens ein halbes Dutzend das in der Lage ist mehr oder weniger regelmäßig aufs Podest zu fahren, egal mit welchem Auto. Also bitte fair bleiben.
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