Drei Thesen zur Formel 1 Wer Reifen wechselt, verliert

Das schnellste Auto hat Mercedes, aber Ferrari hätte die Silberpfeile bereits schlagen können. Es kommt auf die Wahl der Reifen an. Und auf was noch? Drei Diagnosen zur Lage der Formel 1.

Ferrari-Pilot Sebastian Vettel
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Ferrari-Pilot Sebastian Vettel


Über Reifen wird in der Formel 1 eigentlich immer diskutiert. Schon oft musste Pirelli daher Kritik einstecken - nicht immer zu Recht. Seit dieser Saison stellen die Italiener drei statt zwei Mischungen pro Rennen zur Verfügung. Viel verändert hat sich dadurch nicht.

1) Die Pirelli-Reifen sind zu lange haltbar

In Kanada hatte sich Ferrari verzockt: Die supersoften Reifen, die Sebastian Vettel bei seinem ersten Stopp aufgezogen wurden, brachten im Vergleich zu Lewis Hamiltons softer Mischung keinen Vorteil. Im Gegenteil: Sie fuhren sich schneller ab, Vettel musste nochmals wechseln - und Hamilton konnte ohne weiteren Stopp ungestört zum Sieg fahren.

Das lässt zwei Schlüsse zu:

  • Die supersoften Reifen bringen gegenüber den soften nicht den gewünschten Geschwindigkeitsvorteil.
  • Die soften Reifen halten dafür zu lange.

Egal, was davon nun zutreffender ist. Fakt ist: Das Verhältnis stimmt nicht.

Ursprünglich wurden die verschiedenen Mischungen eingeführt - ja, die Verwendung von zwei Reifentypen sogar vorgeschrieben - um die Rennen spannender zu machen und mehr taktischen Spielraum zu schaffen. Das hat nicht funktioniert: In fünf der acht Rennen dieser Saison kam der Sieger mit dem einem Pflicht-Boxenstopp aus.

Wer einen zweiten brauchte, wie Vettel in Kanada, war chancenlos. Kaum vorstellbar, dass sich das beim Großen Preis von Österreich am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ändert. Im Vorjahr haben dort die gesamten Top Ten nicht mehr als einmal gestoppt. Die Pirelli-Reifen sind einfach zu gut.

2) Regeln sind da, um gebrochen zu werden

Neben den Reifen sind Motoren und Getriebe sehr wichtig am Formel-1-Auto. Deshalb ist auch der Umgang mit diesen ähnlich strikt geregelt. Zum Beispiel darf ein Getriebe nicht gewechselt werden. Wenn doch, wird das bestraft. Weil ein solcher Getriebewechsel für die Teams aber oft unumgänglich ist, wird diese Strafe in Kauf genommen - ein Regelverstoß mit Happy End.

Nehmen wir das Beispiel Sergio Pérez. Der Mexikaner fuhr in Baku ein starkes Qualifying, wurde Zweiter hinter Nico Rosberg. Allerdings mit neuem Getriebe, die Folge: Er wurde um fünf Plätze strafversetzt. Die hatte er im Rennen schnell wieder aufgeholt. Am Ende wurde Pérez Dritter, sicher auch dank des neuen Getriebes.

Sergio Pérez stand in Baku schon zum zweiten Mal auf dem Podium
AFP

Sergio Pérez stand in Baku schon zum zweiten Mal auf dem Podium

Im Fall Lewis Hamilton war das kniffliger. Der hatte offensichtlich technische Probleme. Die Techniker wussten das, durften ihm aber über Funk nicht helfen. Hätten sie das getan, wäre Hamilton seinen fünften Platz sicher wieder losgeworden. Bleibt die Frage, warum es diese Techniker dann gibt, wenn sie in solchen Situationen nicht helfen dürfen.

Es gibt also Regeln, an die sich keiner hält, weil die Strafe in Kauf genommen wird. Und es gibt Regeln, bei denen man sich fragt, warum es sie gibt. Vielleicht sollten die Formel-1-Bosse das noch mal überdenken, denn zurzeit sind viele ihrer Regeln einfach nur da, um gebrochen zu werden.

3) Red Bull wird weiter an Boden verlieren, aber...

Red Bull braucht auch nach dem Motorupdate kurvenreiche Kurse, um erfolgreich sein zu können. Auf Strecken mit wenigen oder überwiegend schnellen Kurven und langen Geraden haben sie dagegen keine Chance.

Der Kurs in Österreich mit den langen Zwischengeraden und vorwiegend schnellen Kurven wird Daniel Ricciardo und Max Verstappen wieder Probleme bereiten. Das dürfte in der Konstrukteurs-WM zur Folge haben, dass Red Bull gegenüber Ferrari weiter an Boden verliert. Derzeit steht es 140 zu 177 Punkte.

Jetzt kommt das große Aber: Mit den Rennen in Singapur, Malaysia, Japan, USA und Abu Dhabi folgen noch einige kurvenreiche Kurse. Strecken, auf denen die Red Bulls sogar um den Sieg mitfahren können. Allesamt gegen Ende der Saison. Ist der Rückstand zu Ferrari dann noch nicht zu groß, wird der Positionskampf noch einmal spannend. Wohlgemerkt: Natürlich der um Platz zwei.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
uzsjgb 01.07.2016
1.
Vettel musste in Kanada nicht nochmal Reifen wechseln, weil die supersoften Reifen sich schneller abnutzten, sondern weil es vorgeschrieben war, auch den soften Reifensatz zu nutzen. Das mit dem Getriebe verstehe ich nicht. Niemand möchte in der Startaufstellung nach hinten versetzt werden. Aber Getriebe gehen nun mal kaputt. Die Regel ist ja nicht, dass Getriebe nicht kaputt gehen dürfen, sondern, dass man bestraft wird, wenn diese kaputt gehen.
alois.hingerl 01.07.2016
2.
wer verzapft eigentlich eine solche Kaffeesatzleserei?
Nabob 01.07.2016
3. Mercedes trixt mit Reifentemperaturen
und Ferrari stolpert bislang strategisch zu oft über die eigenen Füße. Vom Speed her sind sie nicht so weit auseinander, aber Mercedes ist stets besser vorbereitet als Ferrari. Aber insgesamt ist es eigentlich recht langweilig geworden, zu kompliziert zu verstehen, von dem Teams wie von den Zuschauern - und immer nur Mercedes, Mercedes, Mercedes - das haut doch letztlich den härtesten F1-Fan vom Schlitten.
thrust26 01.07.2016
4. Reifen zu gut?
Die ganze Reifenthematik bräuchte man nicht, wenn man nicht gezwungen wäre künstliche Spannung zu erzeugen. Die Aerodynamik spielt eine viel zu große Rolle, das Racing bleibt dabei auf der Stelle. Und nächstes Jahr könnte das noch schlimmer werden. Dazu kommen die Werksteams mit viel Geld und viel Egoismus, unfairer Verteilung der Einnahmen, langweilige, künstliche Rennstrecken etc. pp. DAS ist das Problem der F1, nicht die Reifen.
Freidenker10 01.07.2016
5.
Ich hatte in den vergangenen Jahren die den Eindruck dass Ferrari auch nur den Hauch einer Chance hatte oder hat. Wenn Ferrari Mercedes näherkommt, drücken die einfach aufs Gas und schon ist die Sache erledigt. Mercedes hat einfach noch viel mehr Reserven und Ferrari fährt längst am absoluten Limit! Vielleicht lässt man auf Ecclestons Wunsch Ferrari mal gewinnen um das ganze nicht ganz so langweilig werden zu lassen, aber eine echte Chance haben die derzeit nicht!
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