Formel-1-Talent Norris in Sotschi Er schrie »Shut up!« und vergab den Sieg

Es fehlte nicht viel, und Lando Norris hätte seinen ersten Formel-1-Erfolg gefeiert. Dann traf er im Regen von Russland eine folgenschwere Entscheidung. Lewis Hamilton profitierte – und lobte den 21-Jährigen.
Lewis Hamilton und Lando Norris: »Es wäre schwierig geworden, an Lando vorbeizukommen«

Lewis Hamilton und Lando Norris: »Es wäre schwierig geworden, an Lando vorbeizukommen«

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Pool / Getty Images

Zweikampf gegen den Weltmeister – und das Wetter: Lando Norris gilt als Jahrhunderttalent in der Formel 1. Den Großen Preis von Russland führte der 21-jährige Brite im McLaren lange an, steuerte auf seinen ersten Sieg in der Rennserie zu. Doch nachdem die Motoren abgestellt waren, stand er betrübt vor dem »Sky«-Mikrofon und wischte sich im rechten Auge herum. Was war passiert? Auf den letzten Runden setzte Regen ein in Sotschi, die Teams mussten entscheiden, ob sie ihre Piloten zum Reifenwechsel in die Box rufen. Norris wurde gefragt, ob er hereinkommen wolle. »Nein!«, schrie er über Funk und »Shut up« auf den Hinweis, dass die Strecke rutschig sei. Zu diesem Zeitpunkt wurde er von Lewis Hamilton gejagt, es waren nur noch vier Runden zu fahren. Der Weltmeister fuhr in die Box, Norris drehte sich und wurde durchgereicht. Aus der Traum.

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Das Ergebnis: Seit acht Jahren gastiert die Formel 1 in Sotschi, nie konnte ein anderes Team als Mercedes dort gewinnen. Hamilton machte seinen 100. Grand-Prix-Sieg perfekt, auf Platz zwei landete überraschend der von hinten gestartete Max Verstappen (Red Bull) vor Carlos Sainz (Ferrari). Lesen Sie hier den Rennbericht.

Der Start: War für Hamilton so wichtig wie unerfreulich. Als Einziger aus der WM-Spitzengruppe begann er das Rennen im vorderen Teil des Felds, vom vierten Platz. Weil das Überholen auf dem Sotschi Autodrom schwer ist, musste Hamilton direkt beim Start vorfahren, um sich eine gute Ausgangsposition zu sichern. Doch dies misslang gründlich. Während Sainz Norris die Führung abnahm, verlor Hamilton drei weitere Plätze.

Bottas leistet keine Gegenwehr: Besser machte es WM-Konkurrent Verstappen, der sich in Runde zwei schon auf Rang 17 vorgearbeitet hatte – zwei Plätze hinter Bottas, dessen Auto Mercedes einen Antriebswechsel verordnet hatte und der sich deswegen zum Start ebenfalls am Ende des Felds wiederfand. Zwei Runden später fuhr der Red-Bull-Pilot direkt hinter dem Finnen, in Runde sieben ging er bei seinem ersten Überholmanöver Ende der zweiten DRS-Zone in Kurve 13 innen vorbei. Bottas war dabei, seine Batterie aufzuladen und setzte gar nicht erst zur Verteidigung an.

Die Aufholjagd des Max Verstappen: Und der Red-Bull-Pilot nahm Kurs auf die Punkteränge: Nach einem Viertel der Renndistanz schnappte Verstappen sich Vettel und war Zehnter. Durch Boxenstopps der Konkurrenz rutschte er noch weiter vor, war dann schnellster Fahrer im Feld und lag plötzlich nur noch drei Plätze und fünf Sekunden hinter Hamilton – zu Beginn des Rennens hatten die beiden Rivalen 16 Positionen getrennt.

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Der Chef schaltet sich ein: Zur Halbzeit gingen beide gleich hintereinander an die Box (Runde 27), für Hamilton brachte das die Wende. Er kam auf freier Strecke wieder raus, Verstappen dagegen geriet in Verkehr und wurde ausgebremst. In Runde 30 schaltete sich Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff selbst via Funk ein: »Lewis, wir können das Rennen gewinnen«, sagte er. Und Hamilton begab sich auf die Jagd auf Norris.

Der einsetzende Regen veränderte alles: Er zeigte eine schnellste Runde nach der anderen und kam dicht an den McLaren-Piloten heran. Doch der Youngster konterte seinerseits mit Bestzeiten. Wenige Runden vor Schluss war der Rennausgang komplett offen. Dann begann es zu regnen, und Mercedes spielte seine Erfahrung aus. Zwar sträubte sich auch Hamilton zunächst, dem Ruf nach Regenreifen zu folgen, doch er gab schließlich nach – und konnte im Anschluss den im Nassen von der Strecke rutschenden Norris passieren. Auch Verstappen profitierte und fuhr auf Intermediates noch aufs Podest. »Als ich heute aufgewacht bin, habe ich dieses Ergebnis definitiv nicht erwartet«, sagte der Niederländer.

70 Tage Warten: »Es hat lange gedauert, die 100 zu schaffen«, sagte Hamilton zu seinem besonderen Sieg, mit dem er zugleich die WM-Führung von Verstappen übernahm. Lob hatte er indes auch für seinen jungen Konkurrenten übrig: »Es wäre schwierig geworden, an Lando vorbeizukommen, ohne Verkehr oder einem Fehler, und Fehler hat er keine gemacht«, sagte Hamilton.

Lando Norris vor dem Rennen

Lando Norris vor dem Rennen

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MAXIM SHEMETOV / REUTERS

Norris zerknirscht: Bei McLaren haderte man indes mit der Reifenentscheidung, man habe die Regenmengen nicht richtig eingeschätzt. »Wir haben die Info nicht richtig bekommen oder richtig verarbeitet, und die anderen haben einen besseren Job gemacht«, sagte Norris nach dem Rennen. »Wir haben uns verzockt, zusammen mit Lando«, sagte McLaren-Teamchef Andreas Seidl bei Sky. »Wir waren überzeugt, dass mit unserer Prognose noch eine Runde möglich war. Das ist nicht aufgegangen.« Das Team hätte Norris »überstimmen« können. »Aber letztendlich haben wir gemeinsam diese Entscheidung getroffen, draußen zu bleiben«, ergänzte er.

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