Formel 1 Konstante Enttäuschungen

Fehlerhaft und unterhaltsam: In dieser Formel-1-Saison haben sich die Top-Fahrer bisher ungewohnt viele Patzer geleistet. Für die nach Perfektion strebenden Teams ein Horror, den Fans jedoch garantiert es Spannung im Kampf um den Titel.

Von Frieder Schilling


"Konstanz ist der Schlüssel zum Erfolg", hat McLaren-Mercedes-Pilot Lewis Hamilton vor wenigen Tagen "Motorsport-Total" gesagt. Konstanz, ein Begriff, der die Formel 1 seit Jahren prägt. Die Technik muss konstant funktionieren, der Motor konstant laufen - und halten. Doch die Optimalvorstellungen der Fahrer, Ingenieure und Teamchefs sind kaum zu erreichen. Denn diese grenzen, in der hochtechnologisierten Formel 1 wenig überraschend, an Perfektion.

Enttäuschter Hamilton: Nach einem Trainingscrash in Bahrein
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Enttäuschter Hamilton: Nach einem Trainingscrash in Bahrein

Im bisherigen Saisonverlauf konnte keines der drei Top-Teams eine konstante, geschweige denn perfekte Performance bieten. Zu viele Fehler haben ihre Fahrer auf den bisher acht Rennstrecken auf vier Kontinenten gemacht. Zu oft versagte die fragile Technik. Aber "wer sich am obersten Limit bewegt, macht auch mal einen Fehler", sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug zu SPIEGEL ONLINE, der zweifellos auf einige Patzer seiner zwei Piloten lieber verzichtet hätte. Speziell Mercedes-Jungstar Hamilton fährt bisher eine unkonstante Saison.

Konnte der 23-jährige Brite in seiner Premierensaison in den ersten acht Rennen immer einen Podestplatz erfahren, so gelang ihm das 2008 erst viermal. Nach seinem vielversprechenden Sieg beim Saisonauftakt in Australien folgte ein einziges Auf und Ab. In Bahrein fiel er aufgrund von Kupplungsproblemen beim Start von Rang drei auf zehn zurück, fuhr wenige Kilometer später bei einem Überholversuch seinem früheren Teamkollegen Fernando Alonso ins Heck und musste sich an der Box einen neuen Frontflügel holen. Am Ende stand Rang 13.

Darauf folgte in Spanien, der Türkei und Monaco die Wiederauferstehung. Dritter in Barcelona, zweiter in Istanbul und Sieg im Fürstentum. Doch dann beendet er unversehens zwei Grand Prix in Folge erstmals in seiner Karriere nicht unter den ersten acht. Er fuhr in Kanada bei roter Ampel in der Boxengasse dem an der Ausfahrt wartenden Weltmeister Kimi Räikkönen ins Heck und kassierte in Frankreich eine Durchfahrtstrafe, die ihn alle Siegchancen kostete.

Teamkollege Heikki Kovalainen fährt dagegen eine eher unauffällige Saison - abgesehen von seinem Horrorcrash in Barcelona, als ihm aufgrund eines Fabrikationsfehlers die Felge des linken Vorderreifens brach und er mit hoher Geschwindigkeit in einen Reifenstapel raste. Nur einmal beendete er einen Grand Prix auf einem Podestplatz - als dritter in Malaysia. Zuletzt in Frankreich fuhr er als vierter sein zweitbestes Saisonergebnis ein.

Auch das BMW-Team, das sich in dieser Saison einen ernsthaften Angriff auf den Konstrukteurstitel zum Ziel gesetzt hatte, lässt Konstanz vermissen. Während Robert Kubica einzig zum Saisonauftakt in Melbourne die Punkteränge verpasste, fehlen Nick Heidfeld dauerhaft Top-Ergebnisse. Außer einem begeisternden Melbourne-Rennen und toller Performance in Kanada (jeweils zweiter) kann er keinen Podestplatz vorweisen. In Monaco fuhr er als letzter ins Ziel, in Frankreich wurde er 13. Außerdem fünfter, neunter, vierter und sechster.

Ferrari, in den vergangenen Jahren Meister der Konstanz, kann seine gewohnte Zuverlässigkeit bisher auch nicht auf den Asphalt bringen. Beim Saisonauftakt in Melbourne erreichte kein Auto der Scuderia das Ziel. Der Brasilianer Massa kollidierte schon in der Startphase mit Kovalainen, fiel weit zurück und schied bereits nach 31 Runden aus. Räikkönen, nach technischen Problemen in der Qualifikation von Rang 15 gestartet, blieb vier Runden vor Ende in der Boxeneinfahrt stehen. Nicht die einzige Enttäuschung in Rot.

Massa kam nach einem erneuten Fahrfehler auch beim zweiten Grand Prix der Saison nicht ins Ziel. Räikkönen schoss im Regenrennen von Monaco geradezu anfängerhaft Force-India-Fahrer Adrian Sutil ab und blieb ohne Punkte. In Frankreich wurde die potentielle Siegesfahrt des Finnen zuletzt von einem lockeren Auspuffendstück gestoppt.

Und doch macht diese fehlende Konstanz die laufende Saison zu einer der attraktivsten der vergangenen Jahre - jedenfalls für die Fans. Vier verschiedene Fahrer haben die WM-Wertung bereits angeführt - und alle vier haben schon als erster die Zielflagge gesehen. Die vielen Fehler stehen auch für den höheren Konkurrenzdruck an der Spitze. Ein Umstand, der attraktiven Motorsport garantiert, Überholversuche auf Strecken bietet, auf denen die Rennen in den vergangenen Jahren oft eher an eine Fahrerparade erinnerten - Attackieren verboten.

Aber nur "durch Fehler kommt man nicht an die Tabellenspitze", sagt Haug. Dort thront aktuell der nach zwei Rennen punktlose Massa. Doch auch der Brasilianer glaubt noch nicht an Konstanz: "Es ist schön, deinen Namen an der Spitze des Tableaus zu sehen, aber um ehrlich zu sein, das bedeutet zurzeit kaum etwas."

Das hoffen auch die britischen Motorsportfans, die am Wochenende (Samstag 14 Uhr Qualifying, Sonntag 14 Uhr Rennen, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Massen an die Strecke kommen. Der auf einem ehemaligen Militärflughafen liegende Kurs lässt sich in zwei Teile splitten. Die erste Hälfte kennzeichnet ein hoher Vollgasanteil, dabei wird die "erste Kurve praktisch gleichförmig im sechsten Gang" durchgefahren, so Toyoto-Pilot Timo Glock. "Motorsport-Total" schreibt von "290 Stundenkilometer schnellen Mutkurven". Zum Ende hin wird die Strecke dann im Schnitt immer langsamer.

Seit Wochen ist das Rennwochenende ausverkauft. Und gäbe es noch Tickets, so würden diese spätestens seit einer Meldung vom Freitag ihre Abnehmer finden. Denn die Formel 1 verliert eine ihrer größten Konstanten. Silverstone, auf der am 13. Mai 1950 der erste Formel-1-Lauf der Geschichte ausgetragen wurde, wird aus dem Rennkalender gestrichen. Ab 2010 findet der Große Preis von Großbritannien auf dem Donington Park Circuit statt.



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