Titelkampf in der Formel 1 Das Rennen ist noch nicht gelaufen

Miserabler Start, defekte Stoppuhr - für Nico Rosberg lief beim Heimrennen fast alles schief. Nun ist Teamkollege Lewis Hamilton Top-Favorit auf den WM-Titel. Doch dem Briten drohen harte Strafen.

Lewis Hamilton
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Vom Hockenheimring berichtet


Das größte Lob für Lewis Hamilton kam von der TV-Regie. Denn der Formel-1-Weltmeister war beim Großen Preis von Deutschland am Hockenheimring nahezu gar nicht zu sehen. Der Brite machte sein eigenes Rennen. Ungefährdet fuhr er an der Spitze, niemand konnte ihm folgen und so feierte der Mercedes-Pilot seinen sechsten Saisonsieg vor den beiden Red Bulls von Daniel Ricciardo und Max Verstappen.

Dass zum insgesamt siebten Mal in dieser Saison nicht beide Mercedes-Piloten auf dem Podium standen, lag in erster Linie am schlechten Start von Nico Rosberg - aber auch an einem banalen Fehler seines Teams. Den Kampf um den Sieg verlor Rosberg bereits vor der ersten Kurve, als sein Auto ungewohnt reagierte und sein Teamkollege spielend leicht vorbeiziehen konnte. "Ich weiß noch nicht, was am Start passiert ist", sagte der Deutsche nach dem Rennen. "Meine Räder drehten durch und ich kam nicht weg."

Weil Ricciardo und Verstappen auch noch überholten, hing Rosberg auf dem vierten Platz fest. In der 29. Runde wollte der Vize-Weltmeister zumindest den 18-jährigen Niederländer überholen, drängte ihn dabei aber in die Auslaufzone - und erhielt von der Rennleitung eine Fünf-Sekunden-Strafe. Eine harte, aber vertretbare Entscheidung. "Ich war überrascht", sagte der 31-Jährige.

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Formel 1 in Hockenheim: Hamilton siegt, Rosberg patzt

Und das Rennen hatte noch eine Überraschung für ihn parat. In der 43. Runde kam Rosberg an die Box, blieb allerdings gut acht statt der geforderten fünf Sekunden stehen, ehe seine Mechaniker die Reifen wechselten. Der Grund war eine defekte Stoppuhr - eine peinlichere Begründung kann es in dieser technisierten Sportart kaum geben. Letztlich fehlten Rosberg genau diese drei Sekunden, um am Ende womöglich Verstappen und das Podium noch mal angreifen zu können. "Der Vorfall mit der Stoppuhr war nur ein kleiner Aspekt in einem verkorksten Rennen", zeigte sich der WM-Zweite versöhnlich.

Alles in allem muss Rosberg sein Heimrennen als misslungen abhaken, obwohl er Hamilton in allen Trainingsläufen und auch im Qualifying distanziert hatte. Nach den vier Siegen zu Beginn der Saison leisten sich er und sein Team derzeit zu viele Fehler, Rosberg liegt nach einer verspielten 43-Punkte-Führung nun 19 Punkte hinter seinem Teamkollegen - und macht Hamilton zum Top-Favoriten auf den dritten WM-Titel in Folge.

Hamilton drohen von mehreren Seiten Probleme

Doch zu sicher darf sich Hamilton nach vier Siegen in Serie nicht sein. Nun folgt die vierwöchige Sommerpause, womöglich verwendet er im Urlaub aber auch ein paar Gedanken auf die ab Spa-Francorchamps (28. August) drohenden Stolpersteine:

  • Motor-Strafe: Es gibt insgesamt sechs Motor-Komponenten, von denen die Fahrer jeweils fünf einsetzen dürfen. Hamilton hat bei zwei Komponenten bereits das Limit erreicht. Ersetzt Mercedes vor einem der kommenden Rennen einen Bestandteil, verliert Hamilton zehn Startplätze, werden beide ausgetauscht, geht es sogar 15 Startplätze zurück. Teamchef Toto Wolff kündigte diesen Schritt bereits für die Hochgeschwindigkeitskurse in Spa oder Monza an - weil dort leicht überholt werden kann und das Team hofft, Hamilton trotzdem weit vorne platzieren zu können. Ein Risiko bleibt - wenn Rosberg gewinnen und 25 Punkte einstreichen sollte.
  • Verwarnungs-Strafe: In der Formel 1 verlieren die Fahrer bei der dritten Verwarnung durch die Fia zehn Startplätze - und Hamilton steht derzeit bei zwei Verwarnungen. Schon am Hockenheimring war der Brite kurzzeitig von einer schlechten Ausgangsposition für das Rennen bedroht, die Rennleitung ermittelte nach einem "unsafe release" aus der Box gegen ihn. Letztlich wurde nur das Team mit einer Strafe von 10.000-Euro-Strafe belegt, aber Hamilton könnte in den verbleibenden neun Rennen ein zweites Startdesaster ereilen.
  • Stimmung im Team: Hamilton hatte vor einer Woche in Ungarn mit einem Anruf bei der Rennleitung indirekt dafür gesorgt, dass die Fia nach dem Qualifying gegen Rosberg ermittelte - sehr zum Ärger bei Mercedes. Technikchef Paddy Lowe bezeichnete das Vorgehen mit etwas Abstand als "bedauerlich". Aus dem Umfeld des Teams war allerdings zu hören, dass es in Budapest sogar Stimmen gab, die Hamilton gerne gesperrt gesehen hätten. Das könnte den Titelverteidiger im weiteren Saisonverlauf noch begleiten.

Wohl auch deshalb will Hamilton die 19-Punkte-Führung nicht überbewerten. "Das bedeutet keine Erleichterung für mich", sagte er, "auch wenn es gut zu wissen ist. Es reicht ein richtig schlechtes Rennen." Das stimmt - aber nur, wenn Rosberg seine Krise überwindet.

insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
wasnulos 31.07.2016
1. Nunja,
ein "Geschmäckle" hat es durchaus, wenn NR eine Zeitstrafe bekommt weil ihm das "Team" einen unerlaubten und nicht angeforderten Tipp gibt, LH aber fast einen seines Teams umfahren muss (aus der Box) und das "Team" eine Strafe bekommt. Aber so ist es halt in der Bernie Welt, passt schoa. Nicht, dass ich hier LH irgendwie etwas vorwerfen will, er ist der bessere Fahrer der Beiden und verdient auch wieder Weltmeister zu werden. Nur das "drumherum" ist schon sehr merkwürdig.
antares56 31.07.2016
2. Lächerlich!
Hamilton ist klar die Nr1 bei Mercedes! Alle Entscheidungen fallen zu seinen Gunsten aus - Rosberg ist klar nur die Nr2 und wird von Mercedes auch so behandelt! Und mit echtem Sport hat die Formel1 seit Jahren nichts mehr zu tun! Webber durfte auch nicht gegen Vettel gewinnen - das wurde vom Rennstall schon so geregelt. Ähnlich ergeht es jetzt Rosberg. Bei Wolff und Lauda ist eben Hamilton als Nr1 gesetzt!
shoper34 31.07.2016
3. showbizz 2.0
Mediale Inszenierung für Werbeindustrie, Autokonzernen und Bernie Ecclestones Konto....
antares56 31.07.2016
4. P.s.
Ich würde fast sagen: Rosberg darf aus Mercedes-Sicht gar nicht Weltmeister werden - das hat man Hamilton schon versprochen!
mc_os 31.07.2016
5.
Da wird künstlich Spannung herbei geredet. Rosberg hat unter Druck bisher kein Rennen fehlerfrei gefahren, wichtige Pool Positions ausnahmslos durch miserable Starts verloren. Er verkrampft. Vorhersagbar! Anders Lewis Hamilton: Immer gut gelaunt, locker - und in wichtigen Situationen erfolgreich.
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