Formel-1-Talent Verstappen Wie eine Bowlingkugel

Wenn es in dieser Formel-1-Saison kritische Szenen gab, war Max Verstappen meist mittendrin. Das Riesentalent des 19-Jährigen ist unbestritten. Doch sein Fahrstil wird heftig kritisiert.
Von Christian Menath
Max Verstappen und Bernie Ecclestone

Max Verstappen und Bernie Ecclestone

Foto: Mark Thompson/ AFP

Gleich zweimal stand der Red-Bull-Pilot Max Verstappen beim Rennen in Mexiko im Mittelpunkt, beide Male ging es gegen einen deutschen Kontrahenten. Zunächst griff der Niederländer direkt nach dem Start WM-Spitzenreiter Nico Rosberg in der ersten Kurve an, es kam zu einer Berührung.

"Aggressives Racing ist wunderbar, aber nur in Kombination mit etwas Hirn, mit Kontrolle und mit Respekt", kommentierte Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve die Szene später. Der Kanadier hat sich in den vergangenen Monaten zu einer Art Chefkritiker des jungen Fahrers entwickelt. "Für Verstappen ist es nur ein Videospiel. Er schießt durch die Mitte wie eine Bowlingkugel und schaut, wie es ausgeht. Und der Höhepunkt ist: Er greift dabei den Piloten an, der gerade um die Weltmeisterschaft kämpft."

Auch für TV-Experte Christian Danner war der Angriff auf Rosberg ein Tick zu viel. "Ich gönne ihm seine Aggressivität, aber Rosberg ist der WM-Führende. Damit greift Verstappen direkt in den Zweikampf zwischen Hamilton und Rosberg ein. Das finde ich zumindest grenzwertig."

"Er sieht eine Lücke und sticht dann rein"

Rückendeckung erhält Verstappen wenig überraschend von seinem Teamchef Christian Horner. "Nicos Weltmeisterschaft ist nicht Max' Verantwortung. Er hat eine Lücke gesehen und es versucht", sagte Horner. "Das macht ihn zu so einem aufregenden Fahrer. Er sieht eine Lücke und sticht dann rein."

Für Villeneuve und Danner sind die Gründe für Verstappens Verhalten nicht unbedingt nur bei dem Fahrer zu suchen. "Das Hauptproblem ist, dass die FIA es bis jetzt immer durchgehen ließ", kritisiert Danner. Tatsächlich fiel Verstappen in dieser Saison bereits mehrfach durch seine harte Fahrweise auf - Sanktionen gab es bis zum Rennen in Mexiko jedoch nie, nun kam er mit einer Fünf-Sekunden-Strafe davon. "Diesmal hat er die mildeste Strafe bekommen, die es gibt", fährt Danner fort. "Das reicht aber sicher nicht aus, um ihm beizubringen, dass man einen gewissen Respekt gegenüber den anderen 21 Fahrern aufbringen muss."

Dass Verstappen ein Könner ist, von dem seit seinem Formel-1-Einstieg die Experten und Medien schwärmen, ist unumstritten. "Er hat unglaubliches Talent", sagt selbst Niki Lauda, der nach der Attacke auf seinen Titelkandidaten Rosberg wenig Grund hatte, Verstappen zu loben. "Aber er ist ein Großkopf, der meint, er macht alles richtig. Diese Arroganz verstehe ich nicht."

Rennfahrer müssen auf der Strecke Egoisten sein, um es bis nach ganz oben zu schaffen. "Ich bewundere und schätze diese Respektlosigkeit sehr", sagt Danner. "Das ist Bestandteil eines zukünftigen Weltmeisters. Aber er braucht nicht immer die fiesen Tricks auszupacken."

Verstappen kann auch anders

Neben seinem Zweikampfverhalten zählt dazu auch, dass Verstappen in den Schlussrunden nicht auf die Idee kam, seinen Platz an Vettel zurückzugeben. Dies wäre die logische Konsequenz gewesen, nachdem er über die Wiese abgekürzt hatte. Sein Team soll ihm davon in einem nicht im Fernsehen übertragenen Funkspruch abgeraten haben. Aber schon bei Toro Rosso fiel Verstappen auf, als er sich einer Teamorder widersetzte und seinen Teamkollegen Carlos Sainz nicht vorbeiließ. "Ich fände es sehr schade, wenn Verstappen als ein furchtbar unfairer Fahrer in die Geschichte eingehen würde", so Danner. "Das hat er nicht verdient, da er eigentlich viel besser ist."

Verstappens Uneinsichtigkeit brachte Vettel in Mexiko zunächst einen Podestplatz ein, vier Stunden nach Rennende verlor der viermalige Weltmeister den dritten Platz doch wieder. Die Rennkommissare versahen ihn nachträglich mit einer Zehn-Sekunden-Zeitstrafe für einen "unnormalen Spurwechsel" im Duell mit dem zweiten Red-Bull-Fahrer Daniel Ricciardo.

Während Vettel das Fahrerlager fluchtartig auf einem Golf-Kart verließ, holte der Australier zu später Stunde seine ganz persönliche Siegerehrung auf dem Podium nach. Den Pokal für den dritten Platz überreichte Ricciardo bei dieser improvisierten Zeremonie ausgerechnet sein gescholtener Teamkollege: Max Verstappen.

So verbittert Verstappen während des Rennens auf der Strecke um jeden Zentimeter kämpft, so viel Größe zeigte der junge Niederländer hinterher abseits des Asphalts.

Formel-1-Saison 2016

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