McLaren-Teamchef über Formel-1-Saison Der finale Weckruf

Die Formel 1 benötigt 15 Saisonrennen. Nun soll der Starttermin feststehen - doch die Hürden bleiben groß. McLaren-Teamchef Andreas Seidl befürchtet, dass gleich mehrere Teams werden aufgeben müssen.
McLaren-Teamchef Andreas Seidl: "Das Schwierigste in meinen 20 Jahren Motorsport"

McLaren-Teamchef Andreas Seidl: "Das Schwierigste in meinen 20 Jahren Motorsport"

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Dan Istitene/ Getty Images

Andreas Seidl kennt die Formel 1 dank seiner Zeit bei BMW seit 20 Jahren. Seit Anfang Mai 2019 steht der 44-Jährige als Teamchef an der Spitze des Traditionsrennstalls McLaren - und muss das Team gerade aus dem Homeoffice durch die Coronakrise führen. Seidl macht sich Sorgen, um McLaren, aber auch um die Zukunft der Formel 1: "Wir müssen alle gemeinsam aufpassen, dass die Formel 1 nicht sehr bald einige Teams verliert."

Namen nennt er keine, doch es ist klar, wen die Coronakrise mit den Rennabsagen und den daraus resultierenden Einnahmeausfällen besonders hart treffen wird:

  • Alfa Romeo, das in erster Linie von Investitionen eines Geldgebers abhängig ist, der schwedischen Tetra-Pak-Familie um Finn Rausing.

  • Haas, wo Teambesitzer Gene Haas - ein amerikanischer Unternehmer - schon mehrmals die Frage nach dem Sinn des Engagements bei sportlicher Chancenlosigkeit mangels finanzieller Gerechtigkeit stellte.

  • Williams, ein zweiter britischer Traditionsrennstall, der seit Jahren finanzielle Schwierigkeiten hat und sportlich chancenlos ist.

Hinzu kommt noch der französische Autohersteller Renault, wo die Formel 1 intern schon längere Zeit auf dem Prüfstand steht. Jetzt, wo der Konzern davon spricht, Staatshilfen von vier bis fünf Milliarden Euro in Anspruch nehmen zu müssen, natürlich erst recht.

Ein Formel-1-Ausstieg droht McLaren vorerst wohl nicht. Allerdings musste Seidl auch harte Entscheidungen treffen: McLaren war das erste Team, das einen großen Teil seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit schickte - fast alle anderen zogen inzwischen nach. "Wenn du Leute in die Kurzarbeit schicken musst", sagt Seidl, "und der Belegschaft erklären musst, dass das Geld gekürzt wird, ist es ganz klar das Schwierigste, was ich bisher machen musste in meinen 20 Jahren Motorsport." Dank Kurzarbeit sowie des Gehaltsverzichts von Führungsspitze und Fahrer tragen geht Seidl davon aus, die momentane Situation zu überstehen. Selbst bei einen "Worst Case", wenn 2020 überhaupt nicht mehr gefahren werden könnte. 

Formel-1-Saisonstart in Österreich?

Das will die Formel 1 mit allen Mitteln verhindern. F1-Boss Chase Carey weiß: Um zumindest die Fernsehgelder kassieren zu können, müssen 15 Rennen gefahren werden. Notfalls auch ohne Publikum. Dafür wäre man dann eventuell auch bereit, auf Antrittsgelder zu verzichten, die gerade bei den Rennen in Europa ohnehin nicht so hoch sind wie bei vielen Überseerennen. Ohne Antrittsgelder dürften jedoch die Prämien für die Teams geringer ausfallen.

Nachdem die österreichische Politik angekündigt hatte, ein Rennen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu erlauben und Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz wohl bereit wäre, Verluste des Veranstalters auszugleichen, denkt man nun an einen Saisonstart Anfang Juli in Spielberg. Das größte Problem der Formel 1 bleibt die Minimal-Besetzung eines Grand Prix in einer Größenordnung von 1000 Leuten, die anreisen und aus Sicherheitsgründen regelmäßig getestet werden müssten. Seidl warnt deshalb: "Wir müssen sehr vorsichtig sein, bevor wir wieder mit unserem Zirkus aufschlagen. Es kann nicht sein, dass wir etwa Testkapazitäten verbrauchen, die anderswo notwendiger wären."

Der Wunsch nach Nachhaltigkeit

Generell müsse die Formel 1 die Krise als eine Chance zum Umdenken begreifen. "Wir ignorieren in unserer Blase grundsätzlich vieles, was außen herum passiert. Wir haben auch lange Zeit ignoriert, dass wir alle Jahr für Jahr Geld verlieren durch die Teilnahme", sagt Seidl. "Ich hoffe, dass die Krise ein finaler Weckruf ist, dass wir dringend etwas ändern müssen. Die Formel 1 muss für alle Teilnehmer gesünder und nachhaltiger werden. ”

Seidl wünscht sich ein Limit der Budgetobergrenze in Richtung 100 Millionen Dollar. Die Bereitschaft ist in der Krise größer, auch bei den großen Teams. Ganz so weit wird es aber wohl nicht kommen. Letzter Stand der Dinge nach einer Videokonferenz zwischen Teamchefs, Carey und Fia-Präsident Jean Todt: Von den vor Wochen festgelegten 175 Millionen Dollar soll es nun wohl für 2021 auf 135 und 2022 auf 120 Millionen Dollar heruntergehen.  

Der Windkanal als entscheidender Baustein

Dann, so der Plan, will McLaren in der WM wieder vorne mitmischen. "Aber wir haben als Team noch einen langen Weg vor uns, dorthin zu kommen, wo die Großen aktuell sind", sagte Seidl schon vor Saisonbeginn dem SPIEGEL. "Da geht es um Infrastruktur, Prozesse, Methoden - nicht nur um Geld allein. Aber natürlich haben die großen Teams ganz andere Ressourcen, und das in Kombination macht den Unterschied aus."

Der neue Windkanal der Briten, ein elementarer Baustein bei der Entwicklung eines Autos, wird erst im Vorfeld der Saison 2022 fertig. Das wäre vor Wochen noch ein Jahr zu spät gewesen, um den ersten Rennwagen im neuen Reglement zu testen und entwickeln. Nun wurden die neuen Regeln mit komplett umgekrempelter Aerodynamik aus Kostengründen um ein Jahr verschoben. Deshalb könnte McLaren sogar ein Profiteur der Krise sein.

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