Nachfolgesuche für Charlie Whiting Der Herr der Regeln

Der Tod des Rennleiters Charlie Whiting hinterlässt in der Formel 1 eine riesige Lücke. Die Fahrer schätzten sein Wissen und die Art, es zu vermitteln. Die Fia tendiert zu einer Lösung mit mehreren Nachfolgern.

Charlie Whiting
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Charlie Whiting

Von Karin Sturm


Der Schock über den Tod des langjährigen Fia-Rennleiters Charlie Whiting sitzt in der Formel-1-Welt noch tief. Ganz einfach zur Tagesordnung überzugehen, fällt vielen im Fahrerlager von Melbourne schwer. Zu beliebt war der 66-jährige Brite, der seit über vier Jahrzehnten fest zur Szene gehörte.

Dennoch muss das Thema der Nachfolge für Whiting vom Motorsport-Weltverband angegangen werden. Kurzfristig, für den Saisonauftakt in Australien, aber vor allem langfristig. In Melbourne hat die Fia schnell eine Lösung gefunden:

  • Der US-Amerikaner Scot Elkins, offiziell stellvertretender Rennleiter, war wegen anderer Verpflichtungen nicht angereist.
  • Stattdessen wird Michael Masi in seiner Heimat als Whiting-Nachfolger fungieren - er assistierte Whiting bereits im vergangenen Jahr und wird in der Fia-Hierarchie als Mann mit Perspektive gehandelt.

Die Frage nach einer langfristigen Lösung ist komplizierter. Elkins gilt zwar als erfahrener Mann, wird aber nicht immer zur Verfügung stehen. Der Grund: Er ist auch Chef-Rennleiter der Formel E - und da gibt es einige Terminüberschneidungen.

"Es ist nicht einfach, Charlies Job zu machen"

Eigentlich hatte die Fia ja über die Jahre schon Nachfolger für Whiting aufbauen wollen. Doch Marcin Budkowski und Laurent Mekies, ursprünglich für diese Funktion für die Zukunft vorgesehen, wurden von Teams abgeworben:

  • Budkowski arbeitet inzwischen für Renault, Mekies für Ferrari.
  • Ihre Nachfolger sind heute Nikolas Tombazis, Ex-Aerodynamiker bei Benetton, Ferrari und McLaren, und Fia-Sport-Generalsekretär Peter Bayer.

Sie führten zusammen mit Whiting das operative Geschäft - aber keiner von beiden verfügt über die umfassenden Kompetenzen und auch die Anerkennung bei Fahrern, Teamchefs und Medien.

Charlie Whiting (l.) und Lewis Hamilton
Getty Images

Charlie Whiting (l.) und Lewis Hamilton

"Es ist nicht einfach, Charlies Job zu machen", sagt Ex-Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, in dessen Brabham-Team Whiting in den Achtzigerjahren als Chefmechaniker mitverantwortlich war für zwei WM-Titel von Nelson Piquet. Als er das Team verkaufte, verschaffte er Whiting 1988 einen Job bei der Fia. "Keiner ist dafür besser geeignet als Du, weil Du alle Tricks kennst", sagte Ecclestone damals.

"Er sah alles, hörte alles, wusste alles, tat alles"

Noch heute erinnern sich Formel-1-Urgesteine an die Pole Position von Piquet in Monaco 1981. Bevor das Auto zur technischen Abnahme ging, wurde noch schnell ein neuer, deutlich schwererer Heckflügel aufgeschraubt. Nur so kam der Brabham über das vorgeschriebene Mindestgewicht. "Charlie sah alles, hörte alles, wusste alles, tat alles", sagte Ecclestone. "Er hat die verschiedenen Aufgaben gebündelt. Ich weiß nicht, ob sich jemand finden lässt, der dies auf Whitings Weise erledigen kann. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das Ganze funktioniert, wenn du seinen Job auf vier Fachkräfte aufteilst."

Dieser Weg scheint aber nicht ausgeschlossen. Ecclestones Promoterjob wurde von Liberty Media auch auf mehrere Personen aufgeteilt. Und bei der Fia gab es vor Jahren schon einmal solche Überlegungen, als intern Befürchtungen aufkamen, Whiting selbst würde als Einzelperson innerhalb der Institution zu mächtig.

Das ist genau der Punkt, den sein Weggefährte Ecclestone jetzt als besonders positiv beschreibt: "Letztlich hatte doch keiner eine echte Ahnung davon, was Charlie alles geleistet hat. Er hat so unfassbar viel getan. Die Leute wären baff, wenn sie erfahren würden, woran Whiting überall beteiligt war." Auch Formel-1-Technikchef Ross Brawn sagt: "Die Arbeit an den GP-Wochenenden hat vielleicht fünf Prozent seiner Arbeitslast ausgemacht."

Ein Nachfolger ist unwahrscheinlich

Regelerstellung, Regelüberwachung, Regelanfragen der Teams, Mitwirkung bei der Planung neuer Strecken, Streckenabnahme und regelmäßige Streckenkontrolle - all das gehörte zu Whitings Aufgaben. Unsichtbar für die TV-Zuschauer, die ihn meist nur als Rennstarter im Bild wahrnahmen.

Die Piloten schätzen Whiting, auch wenn es immer mal Diskussionen gab. Sebastian Vettel, Max Verstappen, Lewis Hamilton und viele andere waren da involviert. Aber Vettel sagt auch: "Charlie ist der Mann der Fahrer gewesen. Es gibt die Regeln und uns, er war die Verbindung. Jeder konnte ihn jederzeit fragen, seine Tür war immer offen. Er war ein Racer und einfach ein sehr netter Mensch."

Charlie Whiting und Sebastian Vettel
Getty Images

Charlie Whiting und Sebastian Vettel

Nach Australien soll die Entscheidung fallen, wie es weitergeht. "Wir haben uns zwar schon mal vor geraumer Zeit damit beschäftigt und hatten Charlie selbst eingebunden, weil wir wussten, dass er seine Rolle nicht für immer ausüben würde", sagte Fia-Präsident Jean Todt in Melbourne vorerst nur. "Jetzt arbeiten unsere Leute in Genf an einem Plan für die Zukunft, den wir leider früher in die Tat umsetzen müssen, als wir gehofft hatten."

Das klingt doch eher nach einer Verteilung auf mehrere Personen aus dem Kreis der bisherigen Helfer im Hintergrund. Etwa Eliot und Masi gemeinsam für den sportlichen Bereich, Tombazi für die Technik. Sie könnten die Aufgaben von Charlie Whiting übernehmen - ersetzen können sie ihn nicht.

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