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Bianchi-Crash in Suzuka "Es war einfach zu gefährlich"

Der Unfall des Franzosen Jules Bianchi in Suzuka hat die Formel 1 schockiert. Erstmals seit 20 Jahren hat es wieder ein so schweres Unglück gegeben. Hätte man es verhindern können? Die wichtigsten Antworten.

Wie geht es dem verunglückten Jules Bianchi?

Die Lage des 25-jährigen Franzosen bleibt unverändert ernst. Französische Zeitungen berichten von einer zweiten Operation in der Nacht. Die sei nötig geworden, weil erneute Blutungen im Kopf aufgetreten seien. Das Krankenhaus im japanischen Yokkaichi selbst bat in einer Presseerklärung "um Geduld und Verständnis", keine Angaben zum aktuellen Zustand des Franzosen zu machen.

Am Sonntag hatte Bianchis Vater gesagt, sein Sohn befinde sich "in einem schlimmen Zustand". Meldungen, Bianchi habe nach seiner ersten OP direkt nach dem Rennen wieder selbstständig angefangen zu atmen, hatten zunächst für leichte Entwarnung gesorgt. Aber von einer deutlichen Besserung kann offenbar noch keine Rede sein.

Wie konnte es zu dem Unfall kommen?

Der Dauerregen in Suzuka hatte von Beginn an für schwierige Bedingungen gesorgt. An der rutschigen Strecke lag es dann auch, dass der Deutsche Adrian Sutil in der 42. Runde die Kontrolle über seinen Sauber verlor und in einen Reifenstapel rutschte. Als Bergungskräfte mit einem Radlader versuchten, Sutils Wagen von der Strecke zu entfernen, geschah das Unglück: Bianchi rutschte mit seinem Marussia mit Wucht in das Bergungsfahrzeug, das Sutils Wagen gerade auf dem Haken hatte.

Hätte man den Unfall verhindern können?

Die Strecke in Suzuka weist ihre Eigenheiten auf: So gibt es Passagen, wo die Bergungsfahrzeuge nicht wie anderswo hinter einer Absperrung stehen und von dort ihre Arbeit tun, sondern auf die Strecke müssen. Genau dies war auch auf dem betroffenen Streckenteil so. Es blieb also keine Alternative, Sutils Wagen auf diese Weise zu bergen.

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Formel 1: Angst um Bianchi überschattet Hamiltons Sieg

Foto: Clive Mason/ Getty Images

Allerdings haben die Verantwortlichen das Safety-Car nicht unverzüglich nach Sutils Ausrutscher ins Rennen geschickt. Das Safety-Car, der sich vor die Fahrer setzt und so das Tempo aus dem Rennen nimmt, hätte mit großer Wahrscheinlichkeit verhindert, dass Bianchi aus der Kurve fliegt.

Welche Verantwortung hat die Rennleitung?

Wenn es Verantwortliche für den tragischen Unfall gibt, sind sie dort zu suchen. Das Safety-Car kam nach Ansicht vieler Formel-1-Kenner zu spät auf die Strecke, zudem erhob zum Beispiel Williams-Pilot Felipe Massa den eindeutigen Vorwurf, die Rennleitung habe die Gefahr durch das schlechte Wetter unterschätzt. Zu dem Regen kam die einbrechende Dunkelheit. "Ich habe über Funk fünf Runden vor dem Unfall schon gerufen, dass zu viel Wasser auf der Strecke sei", sagte Massa: "Es war zu gefährlich."

Mercedes-Aufsichtsrat Niki Lauda merkte an: "Man hätte früher starten können, da gibt es keine Frage." Lauda selbst war 1976 nach seinem Comeback nach seinem Unfall auf dem Nürburgring beim Großen Preis von Japan bei ähnlichen Witterungsbedingungen aus dem Auto gestiegen, weil ihm das Risiko zu groß erschien. Aber das war eine andere Zeit.

Ist die Formel 1 so sicher, wie immer behauptet wird?

Wenn in den vergangenen Jahren von schweren Unfällen von Rennfahrern zu hören war, passierten sie außerhalb der Formel 1, teilweise sogar außerhalb des Motorsports: Michael Schumacher erlitt seinen schweren Unfall beim Skifahren, Robert Kubica verunglückte beim Rallyesport und verletzte sich schwer. Alessandro Zanardi zog sich seine schweren Beinverletzungen bei einem Rennen der unterrangigen Champ-Car-Serie zu. In der Nacht nach Suzuka erreichte die Formel 1 die Nachricht, dass der frühere Star Andrea De Cesaris beim Motorradfahren tödlich verunglückt ist.

Die Formel 1 hingegen ist in den vergangenen 20 Jahren von solchen Unfällen verschont geblieben. Nach dem traumatischen Wochenende von Imola 1994, als Ayrton Senna und Roland Ratzenberger starben, wurde einiges zur Sicherheit der Piloten unternommen. Auslaufzonen wurden erweitert, das Material bei Crashtests optimiert. Dass danach kein tödlicher Unfall mehr passierte, schien den Verantwortlichen Recht zu geben. Bis zum Sonntag von Suzuka.

Wird es Konsequenzen aus dem Unfall geben?

In der Formel-1-Szene hatte man sich nach dem Unfall auf den Sprachgebrauch der "Verkettung unglücklicher Umstände" geeinigt. Rennsieger Lewis Hamilton hielt das Rennen für sicher, insgesamt seien die Bedingungen "nicht zu schlecht" gewesen. Das klingt nicht, als würde man sofortige Konsequenzen aus dem Unfall ziehen. Einen Radlader auf der Strecke ohne sofortigen Safety-Car-Einsatz dürfte es nach Suzuka dennoch vorerst nicht mehr geben.

Ob man den Großen Preis von Japan allerdings zwingend in der Taifunzeit veranstalten muss - in Suzuka musste vor zehn Jahren bereits das Qualifying verschoben werden, weil das Wetter zu schlecht war - darf auch einmal gefragt werden.

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