Debatte um neue Regeln Verlierer sind die kleinen Teams - und die Formel 1

Schneller, breiter, aggressiver - so will die Formel 1 das Vertrauen der Fans zurückgewinnen. Dabei wird dann noch weniger überholt. Ungeklärt ist auch die Motorenfrage. Das Regelchaos geht weiter.

Nico Rosberg dürfte mit den neuen Regeln noch schwerer zu überholen sein
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Nico Rosberg dürfte mit den neuen Regeln noch schwerer zu überholen sein

Von Karin Sturm, Sotschi


In einem Punkt hat sich die Formel 1 geeinigt: Es wird 2017 "neue" Autos geben. Breiter, schneller und mit veränderter Aerodynamik - drei bis fünf Sekunden wird das bringen. Die zuletzt so heftig kritisierte Königsklasse des Motorsports soll wieder attraktiver werden - und den anderen Teams die Möglichkeit geben, schneller auf Mercedes aufzuschließen. Doch schon jetzt gibt es massive Zweifel, dass dieser Weg der richtige ist. Nicht nur Mercedes, auch mehrere andere Teams und vor allem nahezu alle Fahrer sind inzwischen gegen das neue Konzept.

Ihre Befürchtung: Die Rennen werden dadurch nicht interessanter, das Gegenteil werde passieren. "Was nützen uns schnellere Autos, wenn damit das Überholen noch schwieriger wird, weil man noch schlechter knapp am Vordermann dranbleiben kann?", fragt WM-Spitzenreiter Nico Rosberg stellvertretend für alle. "Schnellere Autos ja, aber über die Reifen, verbesserten mechanischen Grip", sagt Formel-1-Neuling Pascal Wehrlein. "Nicht über die Aerodynamik, das ist es, was wir Fahrer wollen, was Spaß macht und auch für die Fans attraktiv ist."

Die Regeländerung begünstigt zudem die großen, reichen Teams, die viel investieren und so deutlich schneller entwickeln können. Schon seit Monaten laufen dort parallel zur Arbeit für die diesjährige Saison die Entwicklungsprogramme für 2017. Die "Kleinen" wie Force India oder Sauber haben keine Chance, da auch nur annähernd mitzuhalten - die Abstände dürften im kommenden Jahr eher größer als kleiner werden.

Die kleinen Teams sparen 2017 eine statt acht Millionen Euro

Und ob sich die Hoffnung von Red Bull - den größten Verfechtern des neuen Regelwerks - über das neue Chassis leichter auf Mercedes aufschließen zu können, erfüllt, steht auch noch in den Sternen: Erstens sitzen inzwischen bei den Silbernen auch ein paar gute Aerodynamiker, zweitens ist in Sachen Mechanik und Fahrwerk der Mercedes im Moment sogar besser. Und drittens ist da noch die Motorenfrage, wo Red Bull derzeit immer noch auf der Verliererstaße zu sein scheint.

Dieser zweite große Komplex, über den es noch keine endgültige Einigung gibt und über den die Formel-1-Komission am Freitag noch vor dem vierten Saisonrennen in Russland (Sonntag, 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) per Fax-Votum abstimmen soll, ist immer noch ungeklärt: Einiges aus dem Vorschlag, den die Strategiegruppe zur Abstimmung vorlegen will, ist inzwischen durchgesickert - und es spricht nicht viel für das ursprüngliche Ziel, Kosten zu sparen. Zwölf Millionen Euro statt der bisherigen 20 lautete die Forderung von Fia-Präsident Jean Todt, "ab 2017" hatten die kleinen Teams verlangt. Was jetzt kommen soll, ist eine Preisreduzierung um eine Million Euro für 2017 und dann um weitere drei Millionen für 2018. Dafür sollen dann alle mit nur noch drei Motoren pro Saison auskommen.

Fia-Präsident Jean Todt
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Fia-Präsident Jean Todt

Eine echte Erleichterung für die kleineren Teams sieht anders aus. Die Frage der "Verfügbarkeit" ist auch nicht wirklich geklärt, solange etwa Mercedes und Ferrari sich aussuchen können, welche anderen Teams ihre Motoren bekommen und nur die Minimalzahl der Kunden festgelegt ist. Denn die Möglichkeit, einen starken Konkurrenten - beispielsweise Red Bull - auszuschließen, ist so ja immer noch gegeben.

Todt hatte im vergangenen Jahr den "Alternativmotor", einen einfacheren Turbo ohne Hybridsystem, den ein unabhängiger Hersteller hätte bauen können, ins Spiel gebracht. Nur auf Grund dieser Chance ließ sich Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz überhaupt damals überreden, in der Formel 1 zu bleiben - jetzt ist vom Alternativmotor überhaupt nicht mehr die Rede.

"Diktator" Ecclestone zieht im Hintergrund die Strippen

Noch ist nicht sicher, ob die Kommission dem aktuellen Vorschlag zustimmt. Bernie Ecclestone, so hört man, macht hinter den Kulissen Stimmung dagegen. Angeblich habe er sogar absichtlich "vergessen", die Rennpromoter zur Kommissionssitzung am vergangenen Dienstag in England einzuladen. Wegen der Sorge, dass die, die er wohl im Moment auf seine Seite gezogen hat, umfallen könnten, wenn die in einem langen Meeting den Argumenten der Hersteller "ausgesetzt" wären. Bei einer Fax-Abstimmung besteht da weniger Risiko.

Ecclestones Ziel: Gibt es keine Übereinkunft, dann bliebe im Motorenreglement alles beim Alten. Dann würde ersichtlich, dass Todt nichts erreicht hat. Und dann, so hofft der Brite, würde der Druck von vielen Seiten auf Todt steigen, eventuell doch noch einmal auf den "Alternativmotor" zurück zu kommen.

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Schumacher, Lauda und Co.: Die Ferrari-Weltmeister

In einem Punkt hat der zuletzt viel kritisierte Formel-1-Napoleon, den gerade die großen Hersteller lieber heute als morgen absetzen würden, sicherlich recht: In dem derzeitigen Machtkonstrukt der Formel 1 herrscht insofern zu viel Demokratie, als das die großen Hersteller, allen voran Mercedes und Ferrari, mit ihren Eigeninteressen zu viel Macht ausüben. "Es kann nur mit einem Diktator funktionieren", sagt der 85-Jährige.

Nur: Diesen großen, weisen Herrscher, der sich alle Seiten anhört und dann im Gesamtinteresse der Formel 1 richtig entscheidet, den gibt es im Moment nicht. Ecclestone selbst kann es auch aufgrund seines Alters nicht mehr sein - und Todt, der es als Chef des Weltverbandes sein könnte, will es offenbar gar nicht. Der 70-Jährige Franzose, der einst als Ferrari-Teamchef Michael Schumacher zu fünf WM-Titeln führte, hat ganz andere Ziele. Er möchte sich viel lieber mit der Fia "Road Safety" Kampagne zur Verkehrssicherheit unsterblich machen, als sich wirklich intensiv mit der Formel 1 zu beschäftigen. Und somit bleibt der Sport mal wieder auf der Strecke.

insgesamt 12 Beiträge
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ekel-alfred 28.04.2016
1. Wehrlein hat recht!
Da gebe ich Pascal Wehrlein recht. Reduziert die blöden aerodynamischen Hilfmittel auf ein Minimum, lasst die elektronischen Fahrhilfen weg und baut schöne klebrige Reifen. Das würde reichen und für Spannung sorgen. Monsterflügel und Diffusoren gehören abgeschafft.
Referendumm 28.04.2016
2. Sauber gibts bald eh nicht mehr
Erst kürzlich wurde die Satzung der Sauber AG dahingehend geändert, dass ein Konkurs nunmehr schneller möglich ist: http://www.handelszeitung.ch/unternehmen/peter-sauber-holt-seine-holding-nach-hinwil-962836 Seit Monaten werden die Gehälter verspätet ausgezahlt und das neue Auto ist lt. dem Fahrer Nasr unfahrbar. Da werden Punkte und damit Geld für 2016 sehr, sehr unwahrscheinlich. Zum Thema: Alle, auch der große bzw. kleine Bernie Ecclestone hatten damals für die Hybrid-Antriebe gestimmt. Honda kam sogar nur wegen diesen Hybrid-Antrieben in die F1. Renault wollte aussteigen, wenn diese nicht kämen. Nur Ferrari war nicht so dafür. Sie setzten sich allerdings damit durch, dass 6-Zylinder statt 4-Zyl. Rasenmähermotörchen kamen. Dass man nun über die Hybrid-Antriebe meckert (dass die teuer werden, war ALLEN klar) ist bezeichnend. Man wirft Mercedes vor zu dominieren - vor allem solche Teams wie Red Bull oder Ferrari, die selber über Jahre hinweg dominierten und alles in Grund und Boden fuhren. Schneller, breiter, aggressiver - hatten wir das nicht schon mal? War nicht ein Grund zur schmaleren Bauweise, weil man nicht so gut überholen konnte? Erst kein Nachtanken, dann die Nachtank-Pflicht, nun wieder kein Nachtanken - und schon fordern wieder Experten ob der Spannung die Nachtank-Pflicht usw. usf. Die F1 weiß doch gar nicht, was sie will. Trotzdem sacken Teams wie Red Bull und Ferrari die meisten Preisgelder ein. Diesen Gral hüten sie wie ihren Augapfel und die kleinen Teams gehen Pleite (Manor, Lotus, HRT etc.). Das aber wiederum interessiert weder Todt (die FIA hatte ja zig Millionen zusätzlich erhalten) noch der Greis Bernie Ecclestone. Und wenn ein neuer, einfacherer Antrieb zusätzlich käme, freue ich mich schon jetzt riesig über die anschließenden BoP-Diskussionen. Die kennen wir zur Genüge aus anderen Rennserien. In der F1 dagegen wird dann bis aufs Blut drum gekämpft, einen kleinen Vorteil zu bekommen.
rmuekno 28.04.2016
3. Die Hybrid Motoren
und die überhöhten gebühren die Eccleston verlangt sind der Tod der F1. Wie lange werden die Zuschauer noch die enormen Eintrittspreise für immer langweiliger Rennen zahlen? Und wenn wie vorauszusehen noch ein paar Teams mangels Geld rausfliegen, fahren bald nur noch 6 oder 8 Autos im Kreis.
wakaba 28.04.2016
4.
Zitat von ekel-alfredDa gebe ich Pascal Wehrlein recht. Reduziert die blöden aerodynamischen Hilfmittel auf ein Minimum, lasst die elektronischen Fahrhilfen weg und baut schöne klebrige Reifen. Das würde reichen und für Spannung sorgen. Monsterflügel und Diffusoren gehören abgeschafft.
Sag ich schon lange. Das Konzept F1 muss auf den zukunftsträchtigen Stand 1970 gebracht werden. 3 Autos, kleiner Front- und Heckflügel, Seitenkästen für Kühlung und Tanks. Keine Abtriebshilfen am Chassis. Alu, Stahl, drehzahlbegrenzte 6l Sauger, Handschaltung, superbreite Slicks, keine Telemetrie. Signaltafeln statt Funk. Schmale Strassenstrecken, Hillclimbs, Salzsee, Oval muss mit dem gleichen Wagen befahrbar sein. Budgetbegrenzung auf 10 Mio. p.A. F1 ist eine sinnlose Marketingaktion.
trompetenmann 28.04.2016
5. null Interesse mehr an der F1
Viel zu langweilig. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Zu Zeiten Sennas, Prosts und Schumachers war die F1 noch spannend, aber heute? Schade...
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