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11. Mai 2018, 13:33 Uhr

Renault-Pilot Nico Hülkenberg

"Formel 1 ist wie Tennis ohne Schläger"

Ein Interview von und Karin Sturm

Man könnte Mitleid haben mit Nico Hülkenberg: Der Formel-1-Pilot ist ein exzellenter Fahrer - aber weil sein Team Renault mit den Großen nicht mithalten kann, schafft er es nie aufs Podest. Jetzt will er angreifen.

Nico Hülkenberg fährt nach seinen Stationen bei Williams, Sauber und Force India aktuell für das Werksteam Renault. Dabei hält der Deutsche mit 139 Rennen ohne Podestplatzierung einen traurigen Formel-1-Rekord. Im Qualifying stellt Hülkenberg dagegen regelmäßig sein großes Talent unter Beweis, er dominiert seine Teamkollegen, aber in den Rennen ist an den Top-Rennställen Mercedes, Ferrari und Red Bull kein Vorbeikommen.

Die fehlende Chancengleichheit missfällt den Formel-1-Besitzern von Liberty Media, sie wollen ab der Saison 2021 mit einer neuen Motorenregelung und einer Budgetobergrenze für eine breitere Spitze sorgen. Ferrari und Mercedes wehren sich gegen diese Pläne; für Hülkenberg könnten sie die Chance sein, tatsächlich mal ein Rennen zu gewinnen. Oder ist es angesichts des großen Engagements von Renault sogar schon früher möglich?

SPIEGEL ONLINE: Herr Hülkenberg, ist für Renault auch mehr möglich als der Titel "Best-of-the-rest" hinter den großen drei Top-Teams?

Nico Hülkenberg: Da ist einiges möglich - wenn wir einen guten Job machen und die richtigen Entscheidungen treffen. Renault hat wie auf einem weißen Blatt Papier einen Neuanfang gewagt und da braucht es in dieser technischen Formel 1 einfach drei bis fünf Jahre, um an die derzeitigen Top-Teams heranzukommen. Es ist zu komplex, um das in ein paar Monaten aufzuholen. Ich habe Vertrauen in das Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Kann Renault denn schon vor den geplanten Regeländerungen in Sachen Motor und Budgetdeckelung 2021 um Siege oder Podestplätze mitfahren?

Hülkenberg: In der Formel 1 ist alles möglich. Wir müssen hart arbeiten, um den Erfolg zu uns zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Beitrag zu diesem ehrgeizigen Projekt, abgesehen von der fahrerischen Leistung?

Hülkenberg: Als Fahrer kann man tatsächlich mehr tun. Zwischen den Rennen treibt man die Mitarbeiter in der Fabrik an, man stellt unbequeme Fragen, man tritt den Leuten auf die Füße.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das aus, wenn Sie auf die Füße treten?

Hülkenberg: Ich organisiere Meetings und stelle dann Fragen. Was ist der Plan für die kommenden Wochen, was und wie soll längerfristig verbessert werden? Wenn der Plan für das letzte Rennen nicht aufgegangen ist, frage ich nach und will dann wissen, was wir anders machen werden.

SPIEGEL ONLINE: Die finanziellen Möglichkeiten spielen eine große Rolle. Kann Renault da bereits mit Mercedes oder Ferrari mithalten?

Hülkenberg: Das Budget von Mercedes und Ferrari haben wir aber sicher noch nicht und deshalb wäre eine Obergrenze für Renault eine kleine Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Sie begrüßen somit die Pläne von Liberty Media?

Hülkenberg: Das ist der richtige Weg. Man muss die finanziellen Rahmenbedingungen unter Kontrolle halten. Aktuell geht die Schere zwischen den Top-Teams und den anderen Rennställen zu extrem auseinander.

SPIEGEL ONLINE: Unter normalen Bedingungen können Sie derzeit nicht um Siege mitfahren. Brauchen nicht auch die Fahrer aus dem Mittelfeld mehr Chancengleichheit?

Hülkenberg: In der Formel 1 wird es nie Chancengleichheit geben. Es ist ein technischer Sport und kein Tennis. Es wird immer Vorteile für bestimmte Teams geben. Aber: Derzeit ist es sehr ungleich und sich einer Balance anzunähern, ist wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig wäre es Ihnen als Sportler, Ihre starken Leistungen in den Qualifyings auch mal gegen die besten Fahrer unter Beweis stellen zu können?

Hülkenberg: Ich bin überzeugt davon, dass es für mich auch gegen die Top-Fahrer funktionieren würde. Aber ich bin seit so vielen Jahren dabei. Ich muss niemandem mehr beweisen, dass ich in die Formel 1 gehöre. Sicher würde ich lieber um Siege als um sechste oder siebte Plätze kämpfen, aber dafür braucht man das richtige Arbeitsgerät. Ich habe es noch nicht in ein Top-Team geschafft, aber mit Renault bin ich nun auch bei einem Hersteller und wir versuchen, uns Stück für Stück nach oben zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wäre ein Wechsel zu einem der drei Top-Teams eine Option für Sie?

Hülkenberg: Aktuell nicht. Ich habe hier einen mehrjährigen Vertrag unterschrieben und bin sehr zufrieden. Aber wir sprechen über die Formel 1. Ich habe gelernt: Sag niemals nie.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind zufrieden, wenn Sie um Platz sieben fahren?

Hülkenberg: Auch wenn man nicht um Siege fährt, geht es im Mittelfeld um Leistung. Das ist für den Zuschauer vielleicht weniger sichtbar, aber wenn ich als Sechster weiß, dass ich das beste Rennen meiner Karriere gefahren bin, gibt mir das ein gutes Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Hat Renault aktuell bereits alle Voraussetzungen, um ganz nach vorne zu kommen?

Hülkenberg: Noch nicht, unsere Infrastruktur muss noch mehr wachsen - sowohl technisch als auch personell.

SPIEGEL ONLINE: Was muss die Formel 1 allgemein verbessern, um wieder attraktiver zu wirken, beispielsweise in Fragen der Sicherheit?

Hülkenberg: Die Formel 1 wird sich in der heutigen Welt nicht mehr in Richtung Unsicherheit bewegen, das ist undenkbar. Die Autos müssen einfach wieder spektakulärer werden, das Racing muss mehr in den Vordergrund, dafür muss die Aerodynamik aus dem Fokus genommen werden. Die Aerodynamik verhindert Zweikämpfe und Rad-an-Rad-Duelle. Aktuell verhungern wir im Windschatten und sind machtlos. Das ist, als würde man einem Tennisspieler den Schläger wegnehmen.

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