Formel-1-Saisonvorschau Der liebe Gott und die Boxenluder

Ein russischer Milliardär als neuer Teambesitzer, ein deutsches Talent, das lange um ein Cockpit kämpfen musste und einschneidende Änderungen im Reglement: Aufreger gibt es in der Formel 1 genug - vor dem Saisonstart. Doch wenn in Melbourne Anfang März das erste Rennen des Jahres startet, wird alles wie immer sein.

Von Jörg Schallenberg


BMW-Fahrer Heidfeld: Welch ein Drama
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BMW-Fahrer Heidfeld: Welch ein Drama

Der dramatischste Showdown der Formel 1 im Jahr 2005 liegt möglicherweise schon ein paar Wochen zurück: Die Entscheidung fiel in letzter Sekunde, für die beiden Piloten stand nicht weniger auf dem Spiel als ihre gesamte Karriere. Kein Wunder, dass der sonst wortgewandte Sieger hinterher stammelte: "Es ist schwer zu sagen, wie glücklich ich bin. Erst wollte ich es gar nicht glauben."

Fast zwei Monate, von Anfang Dezember bis Ende Januar, ließ man bei BMW-Williams den Mönchengladbacher Nick Heidfeld und den Brasilianer Antonio Pizzonia um die Wette rasen - als Belohnung winkte das begehrteste freie Cockpit im gesamten Rennsport. Lange Zeit lag Heidfeld vorn, dann plötzlich fuhr Pizzonia Bestzeiten. Welch ein Drama. Und weil Teamchef Frank Williams gern mal den Sadisten raushängen lässt, informierte er die Piloten erst Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe, wer gewonnen hatte.

Mit den Worten "You have the drive" beförderte Williams den Deutschen Heidfeld vom Mitläufer der Formel 1 zu einem der aussichtsreichsten Fahrer der kommenden Jahre - auch wenn der britische Teamchef mittlerweile einschränkt, dass sich Pizzonia bereithalten solle, falls Heidfeld "uns enttäuscht". Mehr als ein Trostpflaster für den Brasilianer sind solche Worte nicht.

Welcher Druck aber vor der Entscheidung auf Heidfeld gelastet haben muss, lässt sich kaum in Worte fassen - schließlich war es die letzte Chance für den 27-Jährigen, ein Top-Auto zu ergattern. Fünf Jahre, nachdem ein Engagement bei McLaren-Mercedes knapp scheiterte, darf "Quick Nick" ab dieser Saison seinem Spitznamen endlich Ehre machen und beweisen, dass er nicht als ewiges Talent in die Annalen eingeht. Ob er nun allerdings tatsächlich "jeden schlagen" kann, wie er frohgemut tönte, bleibt abzuwarten.

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Denn abgesehen vom geradezu existenziellen Duell bei BMW-Williams blieb es in der Winterpause verdächtig ruhig bei den Favoriten für die kommende Saison - also bei Ferrari, B.A.R-Honda und McLaren-Mercedes. Dramatische Unfälle, platzende Motoren, pöbelnde Fahrer, tobende Teamchefs - alles Fehlanzeige. Mal abgesehen von Kimi Räikkönens kleiner Sauftour, die aber nur bedingt zum Skandal taugte. Spektakuläre Neuentwicklungen gab es bis auf den nunmehr stierhörnigen - weil mit zwei neuen Flügeln am Luftstutzen verzierten - Silberpfeil ebenfalls nicht zu bewundern.

Weltmeister Schumacher: Alles beim Alten
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Damit war allerdings auch kaum zu rechnen, denn die einschneidenden Regeländerungen für 2005 verlangen vor allem intensives Tüfteln im Motorraum und eine völlig neue Gummimischung der Reifen - schließlich müssen die Motoren nun zwei Rennen lang halten, zudem darf für jedes Qualifying und das anschließende Rennen nur ein Reifensatz verwendet werden. Damit soll eigentlich das zuletzt rasend schnell gestiegene Tempo auf der Piste abgebremst werden - tatsächlich aber könnte die Frage, welches Team am besten mit den neuen Rahmenbedingungen zurechtkommt, am Ende über den Titel entscheiden. Wer sich davon steigende Spannung verspricht, wird wohl enttäuscht werden: Betrachtet man die technische Zuverlässigkeit der vergangenen Jahre, so scheint diese Regeländerung vor allem Ferrari zu nutzen - trotz mancher Zipperlein, die von den Testfahrten der Scuderia vermeldet werden.

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Auch sonst bleibt an der Spitze voraussichtlich alles beim alten: Als härteste Konkurrenten für Michael Schumacher werden wohl erneut Jenson Button im B.A.R-Honda und ein nüchterner Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes beim Saisonstart am 6. März in Melbourne auf die Piste gehen. Die Rolle des Geheimfavoriten übernimmt wie immer Renault, während Heidfeld und Mark Webber in ihrer blau-weißen Wundertüte mit Problemen bei der Aerodynamik kämpfen - Frank Williams hatte allzu lange an einem neuen Windkanal gespart.

McLaren-Pilot Räikkönen: Nüchtern auf die Piste
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Wieder nicht allzu weit vorn ist hingegen jenes Team zu erwarten, das mit 320 Millionen Euro über den zweithöchsten Etat nach Ferrari verfügt und jetzt sogar einen Schumacher ins Auto setzen darf. Die Testergebnisse von Toyota lassen nämlich vermuten, dass die Gegner eher Sauber-Petronas und Jordan als BMW-Williams und Renault heißen werden. Die bei Ferrari abgekupferte Idee, rund um Ralf Schumacher als Cheffahrer - und mittels ein paar gezielter Abwerbungen von Fachkräften bei der Konkurrenz - ein weltmeisterliches Team aufzubauen, verspricht allenfalls langfristig Erfolg.

Minardi-Boss Stoddart: "Wir haben kein Geld"
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Minardi-Boss Stoddart: "Wir haben kein Geld"

Bei Ferrari dauerte es vier Jahre bis zum Titel. Toyota ist demnach ein heißer Titelkandidat - für 2009. Falls es die Formel 1 dann noch gibt, denn die ewigen Geldstreitigkeiten zwischen Teams, Auto-Herstellern und dem lieben Gott, also Bernie Ecclestone, werden 2005 ebenso sicher zu den unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Rennzirkus gehören wie - ja, wie beispielsweise die Querschüsse von Minardi-Boss Paul Stoddart.

Der hat bereits lauthals verkündet, dass gemäß einer von ihm in Auftrag gegebenen juristischen Expertise eigentlich noch das Reglement von 2004 gelte - und er somit noch seine alten Rennwagen einsetzen dürfe, die nicht den neuen technischen Anforderungen in Sachen Aerodynamik entsprechen. Die Botschaft hinter diesem eigenartigen Vorstoß lautet natürlich wie immer: "Wir haben kein Geld, wer hilft uns? Dafür muss auch keiner von Euch Letzter werden." Ergebnis: In Australien dürfen die gebrauchten Minardi wohl mit einer Sondergenehmigung starten, die alle anderen Teams unterzeichnet haben.

Als großer Unbekannter geht in diesem Jahr Red Bull Racing an den Start, die immerhin David Coulthard nach dessen Abgang bei McLaren-Mercedes verpflichtet haben. Flügel werden dem österreichischen Team deshalb aber kaum wachsen.

Jordan mit Boxenluder: Sensation aus ungeahnter Richtung
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Jordan mit Boxenluder: Sensation aus ungeahnter Richtung

So kommt die dramatischste Meldung vor dem Beginn der Formel-1-Saison aus einer völlig ungeahnten Richtung: Der russische Milliardär Alex Shnaider, der mal eben den Jordan-Rennstall gekauft hat, will laut wohlinformierter Boulevard-Kreise die Boxenluder abschaffen. Also noch mal: Es geht um einen russischen Milliardär, der im Team von Eddie Jordan keine wogenden Busen und Champagnergelage in der Boxengasse (und dahinter) sehen will.

Sage niemand, es fehlten die Sensationen in der Formel 1.



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