Wohl letztes Formel-1-Rennen Anarchie in Hockenheim

Womöglich war die Formel 1 zum letzten Mal in Hockenheim zu Gast. In einem spektakulären Rennen fuhr Sebastian Vettel noch auf den zweiten Platz. Mercedes erlebte dagegen ein "Armageddon-Wochenende".

Vettels Qualifying war noch katastrophal gelaufen, sodass er von Platz 20 ins Rennen ging
Jan Woitas / DPA

Vettels Qualifying war noch katastrophal gelaufen, sodass er von Platz 20 ins Rennen ging

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Sequenz des Rennens: In der 54. Runde hatte Sebastian Vettel gerade Alexander Albon überholt und peilte den dritten Platz an. Um diesen lief ein Dreikampf zwischen Valtteri Bottas, Carlos Sainz und Lance Stroll. Kurz darauf kam Bottas von der Strecke ab und Vettel überholte Sainz und Stroll. Als wäre das nicht schon genug, verdrängte der Ferrari-Pilot in der vorletzten Runde sogar noch Daniel Kvyat von Rang zwei. Eine denkwürdige Aufholjagd war perfekt.

Ergebnis: Max Verstappen gewann den Großen Preis von Deutschland. Ebenfalls auf dem Treppchen landeten Vettel und Kvyat im Toro Rosso, dessen dritter Platz die zweitbeste Platzierung seiner Karriere ist. Hier geht es zum Rennbericht. In der WM-Gesamtwertung tat sich durch das Rennen nicht viel, Lewis Hamilton ist weiterhin komfortabel in Führung.

"Started From the Bottom": Im Qualifying hatte sich der nächste Rückschlag in Vettels desaströser Saison angebahnt. Wegen technischer Probleme war bereits im ersten Durchgang Schluss gewesen, sodass er von Platz 20 ins Rennen ging. Jede Menge Safety-Cars, gewagte Reifenexperimente auf einer nassen Strecke und eine exzellente Fahrleistung in den letzten 16 Runden ergaben ein Rennen, an das sich Vettel noch lange erinnern dürfte. Als Letzter fuhr er los, als Zweiter kam er an. "Das hat Sebastian gebraucht. Das gibt ihm wieder Ansporn", sagte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto.

Regenroulette: Verstappen legte in der vordersten Reihe einen Stotterstart hin und fiel um mehrere Positionen zurück. Währenddessen zog Vettel noch vor der ersten Kurve auf der Innenseite an sechs Autos vorbei. Das restliche Feld wurde durchgemischt, durch frühe Reifenwechsel, Überholmanöver und Fahrfehler. Als hätte man die Startreihenfolge noch einmal neu ausgewürfelt. Nur Hamilton fuhr zunächst unbedrängt an der Spitze der Konkurrenz davon.

Rutschpartie: Trotz Regenreifen kam Sergio Pérez im Racing Point bereits in der dritten Runde ins Rutschen und krachte in die Streckenbegrenzung. Nach rund 20 Runden war die Piste ein wenig getrocknet, sodass sich die Fahrer nach und nach Slicks abholten. Mit den profillosen Reifen konnten nicht alle umgehen, Verstappen etwa schaffte keine ganze Runde vor seinem ersten Dreher, den der Niederländer jedoch schadlos überstand.

In dieser Phase schlidderte auch Charles Leclerc von der Piste und demolierte seinen Wagen. Hamilton hatte Glück, nach einem Ausrutscher touchierte der Brite die Wand und musste bloß einen neuen Frontflügel bekommen. Das Experiment mit den Slicks nahm ein schnelles Ende, schon in der 30. Runde hatten alle Fahrer wieder Intermediates. Erst in der 48. Runde wagten die Teams wieder die schnelleren, weichen Reifen ohne Profil.

Mercedes-Ecke: Für den deutschen Rennstall war es ein gebrauchter Tag. Dass dem WM-Führenden Hamilton auf der nassen Strecke zwei Fahrfehler unterliefen, er für eine illegale Einfahrt in die Boxengasse auch noch eine Zeitstrafe verpasst bekam und schließlich auf dem elften Platz ins Ziel rollte, war schon schlimm genug. Dann crashte auch Teamkollege Bottas in der 56. Runde. Mit zu viel Tempo fuhr der Finne auf Slicks in eine Rechtskurve, kam ins Rutschen und schlug in der Mauer ein. In der gleichen Kurve war zuvor Hamilton von der Strecke abgekommen.

Es ist das erste Rennen in dieser Saison ohne einen Mercedes-Piloten auf dem Treppchen. Hamilton sagte: "Leben bedeutet Lernen", sein Chef Toto Wolf fand drastischere Worte: "Wenn die Dinge so laufen, wie sie gelaufen sind, dann endet es in einem Armageddon-Wochenende für uns."

Versöhnlicher Abschied: Rund 50 Kilometer entfernt vom Hockenheimring ist Vettel zur Welt gekommen. Beim Rennen in seiner Heimat war dem 32-Jährigen zuletzt nicht viel gelungen. Vergangenes Jahr hatte er in Führung bei Regen einen Unfall gebaut, davor zweimal in Folge das Podium verpasst. Der zweite Platz wird sich angesichts der schlechten Ausgangslage wie ein Sieg anfühlen, und das zu einem besonderen Zeitpunkt, denn wahrscheinlich war dies das vorerst letzte Formel-1-Rennen auf deutschem Boden. Aus wirtschaftlichen Gründen steht der Große Preis von Deutschland vor dem Aus, mehr dazu können Sie hier lesen.

Mit Material des SID



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spon-facebook-1797242984 28.07.2019
1. wie?
Das erste wirklich interessante Rennen. Mehr davon. Ich hab nur eingeschaltet weil Regen in Sicht war der die ganze F1 Perfektionslangeweile zu Stören versprach.
wandfarbe 28.07.2019
2.
Ist Hamilton wirklich in der gleichen Kurve wie Bottas abgeflogen? Ich meine nicht: HAM ist dich in Turn 16/17 gecrasht und BOT in Turn 1....
TS_Alien 28.07.2019
3.
Bei wechselnden Wetterbedingungen machen auf einmal viele Fahrer gravierende Fehler. Vermutlich weil sie nicht mehr die passenden Informationen aus der Boxengasse erhalten. Oder weil ihr Auto und sie überfordert sind. Man kann die F1 interessant machen. Wenn wieder die Fahrer zählen und wenn die Autos vergleichbar schnell sind. Aber das wird nicht passieren. Und so muss man dieses Rennen als große Ausnahme bezeichnen. Die F1 ist ansonsten sterbenslangweilig. Vettel hat Glück gehabt. Mit einem solchen Auto werden viele Rennfahrer die letzten Runden auf dem zweiten Platz beenden. DRS und ERS sind großer Schrott. Ebenfalls die vielen aerodynamischen Anbauteile. So etwas hat im Motorsport nichts verloren.
der-junge-scharwenka 28.07.2019
4. gesundheitlich angeschlagen
Es tut gut, endlich einmal keinen silbernen Fahrer auf dem Podest zu sehen: weder den einen noch den anderen und erst recht nicht beide zusammen. Und dass Silber dieses Desaster ausgerechnet zu Hause und vor den Augen des eigenen Managements erleben musste, mag für den einen oder anderen Zuschauer die Sahne auf dem Kuchen gewesen sein. Es gibt aber noch viele andere Dinge, über die man sich jenseits der puren Schadenfreude hatte freuen können: Vettels gelungene Aufholjagd zum Beispiel, der Sieg eines richtig guten Rennfahrers oder die Tatsache, dass gleich zwei Fahrer mit Honda-Motoren auf dem Podest standen, was für die Mannschaft aus dem fernen Osten nach den demütigenden Jahren mit McLaren eine Erleichterung gewesen sein muss. Alles schön, alles gut. Aber: Nichts davon bedeutet ein Ende der Hamilton-Daimler-Dominanz. Hamilton war an diesem Wochenende schlicht nicht auf der Höhe. Er war gesundheitlich stark angeschlagen. und im Grunde nicht einsatzfähig. In vier Wochen sieht die Lage wieder anders aus. Dann gibt es keinen Grund zur Freude mehr.
Stereo_MCs 28.07.2019
5.
Man sieht wer gerade der schnellste und beste Fahrer ist, 26 Punkte, Max Verstappen. Sieht man auch an seinen Trainings. Setzt ihn das (mit) beste Auto und er wird WM. Auch wenn die Unterschiede der Fahrer natürlich gering sind, schnell sind die alle. Schönes Chaos Rennen.
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