Drei Thesen zur Formel 1 Sie wollen nicht nur fahren

Sebastian Vettel steht vor dem Großen Preis von Bahrain im Mittelpunkt. Der Formel-1-Pilot führt eine Fahrerrevolte an. Kommt es wegen des neuen Qualifying-Formats wieder zum Eklat? Alles Wichtige zum Rennen in Bahrain.

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Mitten in einer der größten Krise ihrer Geschichte reist die Formel 1 zum politisch umstrittenen zweiten Saisonrennen nach Bahrain. 2011 war der Große Preis nach der blutigen Niederschlagung pro-demokratischer Demonstrationen abgesagt worden, auch vor der insgesamt zwölften Auflage am Persischen Golf kritisieren Menschenrechtsorganisationen die Rennansetzung.

Auch sportlich steckt viel Brisanz im Wüstenrennen. Im Chaos um den neuen Qualifying-Modus, undurchsichtige Regeländerungen und fallendes Zuschauerinteresse stemmen sich die Fahrer gegen fehlendes Mitspracherecht. Doch wie weit werden die Piloten gehen?

1. Die Fahrer steigen im Qualifying wieder vorzeitig aus

Der neue Qualifying-Modus ist weiterhin der große Streitpunkt der Formel-1-Saison. Mittlerweile gipfelt das in einem Machtkampf zwischen den Fahrern und den Verantwortlichen um Promoter Bernie Ecclestone. Doch was ist eigentlich bisher passiert?

  • Aufgrund rückläufiger Zuschauerzahlen wurde vor dieser Saison ein veränderter Modus beschlossen. In jeweils drei Qualifikationsphasen sollte im 90-Sekunden-Takt der langsamste Fahrer ausscheiden, was zu Beginn zu mehr Verkehr auf der Strecke und am Ende zu einem direkten Duell um die Poleposition führen sollte.
  • Beim ersten Rennen in Australien führte das aber dazu, dass nur die langsamen Fahrer im Fokus standen. Zudem beendeten viele Piloten das Qualifying vorzeitig - offiziell, um Reifen zu schonen.
  • Die Teamchefs reagierten noch in Melbourne. Die Rückkehr zum bewährten Modus der vergangenen Jahre wurde beschlossen - und auch so kommuniziert.
  • Die Fahrergewerkschaft GPDA mit Sebastian Vettel an der Spitze verfasste wenige Tage später einen offenen Brief, in dem die Regelhüter der Formel 1 kritisiert wurden.
  • Das wiederum verärgerte Ecclestone und vor allem Fia-Präsident Jean Todt, der sich in der Formel-1-Kommission gegen eine erneute Modusänderung einsetzte.

Offiziell wollen Ecclestone und Todt in Bahrain weitere Eindrücke sammeln, um erst dann über den Qualifying-Modus für den weiteren Saisonverlauf zu entscheiden. Tatsächlich ging es aber um eine Zurechtweisung der Fahrer.

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff scheint zu ahnen, was der Konflikt heraufbeschwören könnte. "Die Fans wünschen sich enges Racing, einen Modus, den sie verstehen, sowie Duelle zwischen den besten Fahrern und Autos der Welt", sagte er.

Nun sind also die Piloten wieder am Zug, die in der Qualifikation am Samstag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nur einen Grundsatz beachten müssen: Wer in den drei Phasen jeweils eine Runde zu Ende fährt und dabei nicht sieben Prozent über der schnellsten Zeit liegt, kann nicht bestraft werden und darf im Rennen starten. Wenn es die Fahrer ernst meinen, steigen sie wie in Australien vorzeitig aus ihren Rennwagen und lassen die Uhr ohne Rennaction runterlaufen.

2. Ferraris Rückstand auf Mercedes ist immer noch riesig

Die Bilanz des ersten Rennwochenendes in Australien war eindeutig: Ferrari war im Qualifying deutlich langsamer als Mercedes, profitierte im Rennen dann vom schlechten Start der beiden Silberpfeile - und holte dank eines Strategiefehlers am Ende doch nur den dritten Platz durch Sebastian Vettel. Kimi Räikkönen schied wegen eines Defekts aus und die Silberpfeile feierten einen Doppelsieg.

Trotzdem liest man im Vorfeld des Rennens in Bahrain am kommenden Sonntag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) häufig von einem engen Titelrennen, von Ferraris geringem Rückstand auf Mercedes, gar von einer realistischen WM-Chance für Vettel. Mehr als Wunschdenken ist das aber nicht.

Tatsächlich war die Scuderia schon in Melbourne deutlich unterlegen. Im Umfeld des Fahrerlagers war zuletzt sogar mehrfach zu hören, Mercedes sei noch stärker, noch dominanter als in der Vorsaison. Für WM-Spannung kann deshalb vorerst nur Mercedes-Fahrer Nico Rosberg sorgen. Nach seinem Sieg in Melbourne könnte er in Bahrain seinen fünften Erfolg in Serie feiern - und Weltmeister Lewis Hamilton weiter unter Druck setzen. Und Ferrari wird erneut zuschauen.

3. Toro Rosso wird die Überraschung in Bahrain

Eigentlich soll der italienische Rennstall im Schatten von Red Bull stehen. So will es die Konzernmutter in Salzburg, Toro Rosso soll talentierte Piloten ausbilden. Doch in dieser Saison könnte es anders laufen, auch wenn Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo in Australien mit Platz vier überzeugen konnte.

Anders als die große Schwester fährt Toro Rosso in dieser Saison mit Vorjahres-Motoren von Ferrari. Die werden zwar nicht mehr weiterentwickelt, sind aber sehr leistungsstark und zudem zuverlässig. Wenn die beiden Piloten Max Verstappen und Carlos Sainz, anders als in Melbourne, ihre persönliche Rivalität außen vor lassen, kann Toro Rosso auf dem Hochgeschwindigkeitskurs in die Top Fünf fahren.

Formel-1-Saison 2016
Die Teams und Fahrer
Mercedes
Lewis Hamilton und Nico Rosberg
Ferrari
Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen
Williams
Felipe Massa und Valtteri Bottas
Red Bull
Daniel Ricciardo und Max Verstappen
Force India
Nico Hülkenberg und Sergio Pérez
Renault
Kevin Magnussen und Jolyon Palmer
Toro Rosso
Daniil Kwjat und Carlos Sainz jr.
Sauber
Marcus Ericsson und Felipe Nasr
McLaren Honda
Fernando Alonso und Jenson Button
Manor
Rio Haryanto und Pascal Wehrlein
Haas
Romain Grosjean und Esteban Gutierrez
Der Rennkalender
20. März: Australien (Melbourne)
3. April: Bahrain (as-Sachir)
17. April: China (Shanghai)
1. Mai: Russland (Sotschi)
15. Mai: Spanien (Barcelona)
29. Mai: Monaco (Monte Carlo)
12. Juni: Kanada (Montréal)
19. Juni: Europa (Baku)
3. Juli: Österreich (Spielberg)
10. Juli: Großbritannien (Silverstone)
24. Juli: Ungarn (Mogyoród)
31. Juli: Deutschland (Hockenheim)
28. August: Belgien (Spa-Francorchamps)
4. September: Italien (Monza)
18. September: Singapur (Singapur)
2. Oktober: Malaysia (Sepang)
9. Oktober: Japan (Suzuka)
23. Oktober: USA (Austin)
30. Oktober: Mexiko (Mexiko-Stadt)
13. November: Brasilien (Interlagos)
27. November: Abu Dhabi (Yas-Insel)
Die Rekorde
Die meisten WM-Titel
Michael Schumacher (7)
Die meisten Grand-Prix-Siege
Michael Schumacher (91)
Die meisten Siege in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 13)
Die meisten Start-Ziel-Siege
Ayrton Senna (19)
Die meisten Podestplätze
Michael Schumacher (155)
Die meisten Podestplätze in einer Saison
Michael Schumacher und Sebastian Vettel (je 17)
Die meisten Polepositions
Michael Schumacher (68)
Die meisten Polepositions in einer Saison
Sebastian Vettel (15)
Die schnellsten Rennrunden
Michael Schumacher (77)
Die meisten Grand-Prix-Starts
Rubens Barrichello (323)

insgesamt 3 Beiträge
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rips55 01.04.2016
1. Laaangweiliig
noch nie so ein langweiliges Qualifying gesehen wie vor zwei Wochen in Melbourne. Gebt den Teams doch wenigstens mehr Reifen, dann wird auch mehr gefahren. Überhaupt hat die F1 seit Einführung der neuen Antriebe mit Motorsport nichts mehr zu tun. Sprit limitiert, Reifen limitiert, Leistung limitiert, Reparaturen limitiert - diese Rennserie wird kaputt limitiert. Zum Glück gibt's für Racingfans wenigstens einmal im Jahr noch ein echtes Rennen - in Le Mans.
Lügenimperium 01.04.2016
2. bad news is good news
Langsam könnte man ja meinen, dass die alle unter einer Decke stecken. Die einen reglementieren alles kaputt seit Jahren, die anderen geben jeden Tag ihren Senf dazu ab damit die Leute auf die Formel 1 aufmerksam werden. Eier hat da niemand mehr in der Hose, nicht nur das eine Rennen in Bahrain hätte man absagen müssen sondern viel mehr. USA mit dem Reifendesaster? Andere Länder, die ihr Volk unterdrücken? Hätten die Beteiligten Eier, dann würde morgen einfach niemand beim Qualifying rausfahren. Aber Mercedes wäre wohl das erste Team, dass trotzdem rausfahren würde... Seit Haug nicht mehr bei Mercedes an der Strecke steht mag Mercedes vielleicht erfolgreicher sein, aber die einstigen Silberpfeile schimmern langweiligst grau in grau.
patrick6 02.04.2016
3. Es war mal spannender...
...mit nur einer Session und freier Reifenwahl (auch im Rennen). Ich verstehe überhaupt nicht, warum das alles irgendwie kaputt-reglementiert wurde. Der aktuelle Status ist eine Katastrophe - das heutige Qualifying war ein Witz: Wer will denn wissen, wer der Langsamste ist? Richtig - niemand.
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