Fünf Erkenntnisse der Formel-1-Saison Es gewinnt nicht immer der Schnellste

Ferrari hat den stärksten Motor - und ist chancenlos. Denn Lewis Hamilton und Mercedes bilden eine perfekte Symbiose. Und Max Verstappen ist nicht der einzige Jungstar. Der Rückblick auf die Formel-1-Saison.

Thaier Al-Sudani/ REUTERS

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Zwei Rennen sind in der Formel-1-Saison 2019 noch zu fahren. Doch in Brasilien und Abu Dhabi wird es nur noch um die Tagessiege gehen, die beiden WM-Titel gingen an Mercedes. Mal wieder, sagen Kritiker, die sich mehr Spannung erhoffen. Im Saisonfazit geht der Blick auch Richtung 2020.

Eine Formel-1-Saison beginnt traditionell mit Testfahrten. Seit Jahren wird dafür die Rennstrecke in Barcelona genutzt. Auch 2019 waren im Februar auf dem Circuit de Catalunya die ersten Runden gedreht worden, nicht nur der SPIEGEL hatte Ferrari im Anschluss zum Favoriten auf den WM-Titel erklärt.

1. Hamilton und Mercedes sind die perfekte Kombination

Doch es kam alles anders, was an Versäumnissen des italienischen Rennstalls, vor allem aber an der tadellosen Symbiose zwischen Weltmeister Lewis Hamilton und Mercedes lag. Die Gründe für die andauernde Dominanz der Silberpfeile sind vielfältig:

  • Hamilton leistet sich auf der Strecke nahezu keine fahrerischen Fehler.
  • Der sechsfache Champion fährt sowohl im Qualifying als auch in Renndistanzen stets am Limit.
  • Hamilton kann am besten mit dem sensiblen Material eines Formel-1-Rennwagens umgehen, wie in Mexiko seine 48 Runden auf einem Reifensatz gezeigt haben.
  • Mittlerweile hat Ferrari den stärksten Motor, aber Mercedes stellt auch im sechsten Jahr in Folge das beste Paket aus Motorleistung, Zuverlässigkeit und Aerodynamik.
  • Die Boxencrew der Silberpfeile liefert zuverlässig Bestleistungen und verpatzt keine Reifenwechsel.
  • Hamiltons Renningenieur Peter Bonnington und Mercedes-Stratege James Vowles reagieren flexibel auf die Anforderungen eines Rennens und taktieren die Gegner regelmäßig aus.
  • Nach Jahren der harten Rivalität zwischen Hamilton und Nico Rosberg profitiert Mercedes seit drei Jahren von der Rollenverteilung zwischen Hamilton und Valtteri Bottas als klare Nummer zwei.

2. Langeweile bleibt Bestandteil der Formel 1

Aus Perfektion kann in einem Sport wie der Formel 1 schnell Langeweile entstehen. Dieses Thema begleitet die Königsklasse des Motorsports, seit 2014 die Hybridtechnologie eingeführt wurde und Mercedes seitdem alle Fahrer- und Konstrukteurstitel einfuhr. In dieser Saison war der Höhepunkt des Überdrusses in Le Castellet erreicht. Beim Großen Preis von Frankreich fuhr Hamilton im achten Rennen von der Poleposition aus zum sechsten Saisonsieg und auch das restliche Feld bot keine bemerkenswerten Motorsport-Aktionen.

Es folgten zwar spektakuläre Rennen wie in Spielberg dank Überraschungssieger Max Verstappen oder in Hockenheim aufgrund der Wetterkapriolen, doch der Eindruck verfestigt sich seit Jahren: Die Formel 1 braucht mehr Abwechslung, Unterhaltung und sportlichen Wert. Die neuen Regeln samt Budgetobergrenze ab der Saison 2021 sollen die Langeweile vertreiben, doch es gibt viele Experten, die die Topteams Mercedes, Ferrari und Red Bull auch nach den Veränderungen überlegen sehen. Und 2020? In der kommenden Zwischensaison ohne große Regeländerungen wird sich ohnehin nichts ändern. Selbst wenn die großen drei hauptsächlich an der Entwicklung der neuen Boliden ab 2021 arbeiten.

3. Vettel wird auch 2020 kein Weltmeister

Ferrari hatte in dieser Saison nach Jahren der Unterlegenheit das schnellste Auto im Feld. Das klingt gut, Rennen werden aber nicht nur auf Geraden gewonnen. Die Scuderia ging im Laufe des Jahres sechsmal von der Poleposition aus ins Rennen, ohne zu gewinnen. Stattdessen reihten sich Strategie-, Boxen- und Kommunikationsfehler aneinander. Ferrari war im Vergleich mit Mercedes das deutlich schlechtere Team.

Mittendrin in diesem Spannungsfeld: Sebastian Vettel. In seinem fünften Jahr bei den Roten wollte er endlich seinen insgesamt fünften WM-Titel gewinnen, doch der 32-Jährige war mit diversen Fahrfehlern und dem insgesamt eher verlorenen Duell mit Teamkollege Charles Leclerc ein entscheidender Faktor für Ferraris zwölftes Jahr in Serie ohne Fahrertitel. Vettel schafft es nicht mehr, aus einem sehr guten ein Siegerauto zu machen. Und derzeit spricht nichts dafür, dass sich das 2020 ändern wird.

Max Verstappen (l.) ist nach Charles Leclercs Aufstieg nicht mehr der einzige Jungstar in der Formel 1
Dan Istitene/ Getty Images

Max Verstappen (l.) ist nach Charles Leclercs Aufstieg nicht mehr der einzige Jungstar in der Formel 1

4. Verstappen wird von Leclerc bedroht

Max Verstappen galt als die Zukunft der Formel 1. Der Niederländer ist schnell. Er fährt instinktiv. Seine Überholmanöver sind oft am Limit. Verstappen hat, vergleichbar mit Michael Schumacher in den Neunzigerjahren, seiner Heimat den Motorsport ans Herz gelegt. Dank Verstappen kehrt die Formel 1 in der kommenden Saison nach Zandvoort zurück. Er könnte zum jüngsten Weltmeister der Geschichte aufsteigen.

Doch der Hype um Verstappen ist ins Stocken geraten. Er fuhr auch im fünften Jahr in der Formel 1 zu wenig konstant, zu ungestüm, zudem ist sein Red Bull nur auf wenigen Strecken siegfähig. Und mit Charles Leclerc gibt es nun einen Fahrer, der nur wenige Tage jünger als Verstappen ist - und über ein vergleichbares Potenzial verfügt. Leclerc fährt kontrollierter, der Monegasse ist in direkten Duellen auf der Strecke aber ähnlich unnachgiebig wie Verstappen. Das Duell dieser beiden Ausnahmetalente könnte die Formel 1 über viele Jahre prägen. Die Zukunft gehört jetzt zwei Jungstars.

5. Schumacher wird erst 2021 in die Formel 1 aufsteigen

Die Antwort ließ nostalgische Fans aufhorchen. "Ich würde es nehmen", sagte Mick Schumacher vor Wochen im Podcast der Formel 2 auf die Frage, ob er im kommenden Jahr einen Platz in der Formel 1 annehmen oder ablehnen würde. Der Sohn von Michael Schumacher wird dank seines Nachnamens in jedem Fall in der Formel 1 landen - erste Testfahrten im Ferrari gab es bereits im April. Doch sein erstes Jahr in der Nachwuchsklasse hat gezeigt, dass er noch Zeit braucht. Ein Sieg und sieben weitere Platzierungen in den Punkten in 20 Rennen machen auch aus einem Schumacher noch keinen Formel-1-Fahrer.

insgesamt 30 Beiträge
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scsimodo 04.11.2019
1. Irgendein Rennfahrer
hat mal gesagt (sinngemäß), dass derjenige Weltmeister wird, der am schnellsten so langsam wie möglich fährt. Ich finde, da ist was dran! Die heutige Technik kann schon gar nicht mehr über 1h45 voll ausgefahren werden. Reifen bauen ab, Motor zu heiss und dann noch dieses unsägliche Taktik-Gedöns. Formel 1 schaue ich schon lange nicht mehr (jedenfalls nicht mehr als 15 Minuten), ist ja bald langweiliger als Synchronschwimmen. Rennen mit Senna, Prost, Schumi etc., das waren noch Zeiten. Heute ist das alles fad.
roman199 04.11.2019
2.
@scsimodo Klar, früher war alles besser und schöner ? Die Fahrer steuern ihre Autos immer noch selbst. Hamilton leistet sich fast keine Fahrfehler im Vergleich zum Vettel z.B. Das ist doch tolle fahrerische Leistung. Klar, gewinnt der mit dem besten Gesamtpaket: Auto, Fahrer, Strategie, Box Crew. Das war schon immer so und es bleibt so. Ich schaue F1 immer wieder gerne an und ich finde nach wie vor spannend.
michemar 04.11.2019
3. der schnellste ist nicht unbedingt Weltmeister
Schnelligkeit allein hat nie einen Weltmeister ausgemacht. Alain Prost, Nelson Piquet, Emerson Fittipaldi, Jody Scheckter waren nie die schnellsten. Siehe Kampf Senna-Prost und Mansell-Piquet. Die letzten genannten Namen von der Paarungen haben ihren eindeutig schnelleren Gegner im selben Team geschlagen und und immer im Griff gehabt (Senna-Prost) bzw. selbst wenn das Team den anderen begünstigt hat (Piquet wurde 87 Meister gegen den eindeutig schnelleren Mansell und das eigene Team).
spotter5 04.11.2019
4.
Zitat von scsimodohat mal gesagt (sinngemäß), dass derjenige Weltmeister wird, der am schnellsten so langsam wie möglich fährt. Ich finde, da ist was dran! Die heutige Technik kann schon gar nicht mehr über 1h45 voll ausgefahren werden. Reifen bauen ab, Motor zu heiss und dann noch dieses unsägliche Taktik-Gedöns. Formel 1 schaue ich schon lange nicht mehr (jedenfalls nicht mehr als 15 Minuten), ist ja bald langweiliger als Synchronschwimmen. Rennen mit Senna, Prost, Schumi etc., das waren noch Zeiten. Heute ist das alles fad.
Die Technik von "früher" konnte noch viel weniger über 1h 45 ausgefahren werden, was alleine schon daraus ersichtlich ist dass "früher" regelmäßig nur ungefähr die Hälfte des Starterfeldes die Zielflagge erreichte. Abbauende Reifen gab es schon "früher", zu heiße Motoren gab es "früher" wesentlich häufiger (siehe vorangegangener Satz) und das "unsägliche Taktik-Gedöns" war zu Zeiten des Nachtankens noch wesentlich ausgeprägter. Abgerundet wird dieser Beitrag dann noch von dem Hinweis, dass Formel 1 schon lange nicht mehr geschaut wird (wieso wird dann immer trotzdem kommentiert?) und zu Schumachers Zeiten sowieso alles viel besser war (wahrscheinlich sogar das Wetter). Soweit ich mich erinnere hielt sich die Unvohersehbarkeit während dessen 5 WM-Titel in Folge auch in überschaubaren Grenzen. Das Wort "früher" setze ich übrigens deshalb in Anführungszeichen, da mit diesem Wort in diesem Zusammenhang meist kein fester Zeitraum in der Vergangenheit definiert wird, sondern einfach nur heute minus 20-30 Jahre. Zu jeder Zeit in der Formel 1 gab es nur ein oder zwei, ganz selten auch drei Teams (wie heutzutage), die eine realistische Chance auf Siege oder gar WM-Titel hatten. Beispiele aus der "guten alten Zeit"? McLaren 1988, Williams 1992-1993, Anfang des Jahrtausends Ferrari, Anfang dieses Jahrezehnts Red Bull. Was also wollen Sie und andere mit solchen Beiträgen hier genau mitteilen? Dass Sie alle früher begeistungsfähiger waren? Das wäre dann allerdings nicht das Problem der Formel 1.
M. Vikings 04.11.2019
5.
Zitat von scsimodohat mal gesagt (sinngemäß), dass derjenige Weltmeister wird, der am schnellsten so langsam wie möglich fährt. Ich finde, da ist was dran! Die heutige Technik kann schon gar nicht mehr über 1h45 voll ausgefahren werden. Reifen bauen ab, Motor zu heiss und dann noch dieses unsägliche Taktik-Gedöns. Formel 1 schaue ich schon lange nicht mehr (jedenfalls nicht mehr als 15 Minuten), ist ja bald langweiliger als Synchronschwimmen. Rennen mit Senna, Prost, Schumi etc., das waren noch Zeiten. Heute ist das alles fad.
Ich glaube das war Jackie Stewart. Allerdings steht die Aussage, mit den vielen tödlich verunglückten Fahrern der 60er und 70er, im Zusammenhang. Von ihm stammt auch die Aussage, er und seine Frau haben um die 50 Freunde verloren. Wie auch immer, die Autos waren für die damaligen Rennstrecken einfach zu schnell geworden. Das erste Opfer war dann auch die anspruchsvollste Rennstrecke, der alte Nürburgring. Viele sehr gute Fahrer sind nicht durch ihr Unvermögen gestorben, sondern durch technische Defekte oder komplette Fehlkonstruktionen. In dem Zusammenhang muss man die Weltmeister Jim Clark und Jochen Rindt (posthum) nennen, die mit Lotus Fahrzeugen verunglückt sind. In der Konsequenz hat man heute Rennstrecken, auf denen man auch gern mal einen halben Kilometer außerhalb diesen fahren kann, ohne dass es dem Auto schadet. Fahrfehler werden kaum noch bestraft. Zu Schumachers Zeiten sind ja jedenfalls noch einige im Kiesbett stecken geblieben. Und auch keine Fahrer mehr, die samt der Zapfsäule aus der Box auf die Strecke zurück kommen. Man hat den Sicherheitsaspekt einfach übertrieben.
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