Formel-1-Star Hamilton Der Wunderkind-Weltmeister

Mit 23 Weltmeister in der Formel 1 - schon als Kind hatte Lewis Hamilton keinen größeren Traum als den Titel. Er war immer mehr Profi als die meisten seiner Rivalen, und er ist Großbritanniens Michael Schumacher: glatt, perfektionistisch, extrem ehrgeizig.

Von Jörg Schallenberg


Die Geschichte ist so gut, dass sie gleich dreimal beginnt. Je nachdem, welcher Quelle man glauben mag, ist der junge Lewis Hamilton im Alter von neun, zehn oder elf Jahren zu McLaren-Chef Ron Dennis gegangen - wahlweise bei der Messe "Autosport International" in Birmingham oder anlässlich einer Gala der "Champions of the Future"-Rennserie. Er hat zu ihm gesagt: "Guten Tag, mein Name ist Lewis Hamilton. Ich möchte später einmal für Ihr Formel-1-Team fahren." Dennis hat dann entweder geantwortet: "Wenn du dieses Jahr die britische Kartmeisterschaft gewinnst, dann kannst du wiederkommen" - oder aber Hamilton in dessen Autogrammbuch geschrieben: "Versuch es in neun Jahren noch einmal."

Es existieren noch weitere Variationen der schicksalhaften Begegnung, etwa jene, in der der Steppke Lewis gleich mal verspricht, Weltmeister zu werden. Am wahrscheinlichsten aber ist, dass Hamilton Dennis im Alter von neun, zehn und elf Jahren so oft genervt hat, bis der ihn schließlich ins Nachwuchsprogramm von McLaren-Mercedes steckte. Die Kartmeisterschaft gewann er natürlich obendrein.

Denn Hamilton, geboren am 7. Januar 1985 in der Londoner Vorstadt Stevenage, zeigte schon als Kind in allem, was ihn interessierte, eines: Ehrgeiz und Konsequenz.

Nachdem er, auch wegen seiner dunklen Hautfarbe, auf dem Schulhof gehänselt und verprügelt worden war, lernte er Karate und brachte es mit zwölf zum Schwarzen Gürtel. In der Fußballmannschaft der Schule war Hamilton berüchtigt dafür, zwar nicht mit Ballkünsten zu glänzen, dafür aber mit einer ungeheuren Kondition und reichlich Kampfgeist ausgestattet zu sein.

Selbst sein damaliger Teamkollege Ashley Young spricht immer noch mit einigem Respekt von ihm. Young ist heute Profi in der Premier League bei Aston Villa.

Hamilton erkannte schnell, wo sein größtes Talent steckt: auf dem Fahrersitz. Mit sechs hatte er mit dem Kartsport begonnen. Sein Vater Anthony, ein Computerfachmann, förderte ihn finanziell, bis Ron Dennis endlich den Avancen des Hamilton-Clans erlag. 1998 stieg Lewis Hamilton bei McLaren-Mercedes ein und hatte zu jener Zeit längst die Journalisten auf sich aufmerksam gemacht - nicht nur durch seine Fahrkunst. Dass ein dunkelhäutiger Junge sich anschickte, eine Karriere im Motorsport zu machen, war damals ungefähr so ungewöhnlich wie ein Chinese, der in die englische Königsfamilie einheiratet.

Ein Reporter des "Observer" suchte das Jungtalent 1997 auf der heimischen Kartbahn nahe Stevenage. Als er einen Angestellten der Bahn fragte, wo Hamilton sei, antwortete der: "Kein Problem. Er ist der einzige schwarze Junge hier und den anderen immer drei Runden voraus."

Später durchlief Hamilton, der stets bestritt, dass seine Hautfarbe für seine Karriere eine besondere Rolle spielte, diverse Nachwuchsklassen - in denen er den anderen Fahrern meistens auch ein paar Runden abnahm. Über die Formel 3 und den Sieg in der GP-2-Serie 2006 fand er scheinbar mühelos den Weg in die Formel 1. Als würde er strikt nach einem Lehrplan fahren.

Seine auffälligste Eigenschaft war dabei verblüffenderweise, dass er keine herausragende Einzelqualität aufzuweisen hatte. Wo andere Nachwuchsfahrer durch besonderen Wagemut, Kaltblütigkeit, taktische Fähigkeiten oder scheinbar angeborenes Fahrgefühl auf sich aufmerksam machten, schien Hamilton schon sehr früh furchteinflößend komplett zu sein.

Der Brite zeigte kaum Schwächen auf der Piste und gab sich daneben höflich und zurückhaltend, ohne jemals öffentlichkeitsscheu und griesgrämig zu wirken (wie manch finnisches Supertalent). Im SPIEGEL-Interview verriet er einst: "Erfolgreich Rennen zu fahren heißt, einen Plan zu haben."

So durchdacht, wie Hamilton schon als Teenager seine Konkurrenten düpierte, so perfekt hatte er auch die Regeln verinnerlicht, die in einem professionellen Rennstall herrschen. Hamilton war als Teenager mehr Profi, als es viele seiner jetzigen Konkurrenten jemals sein werden.

Doch der Brite ist mehr als ein vom ehrgeizigen Vater gedrillter Wunderknabe, der komplett vergessen hat, dass es noch eine Welt jenseits des Motorhome gibt. Er weiß die Bedeutung des Milliardenzirkus Formel 1 einzuschätzen.

In einem seiner raren Interviews erzählte er von seinem kleinen Bruder Nicholas, der seit der Geburt teilweise gelähmt ist: "Immer, wenn ich glaube, Probleme zu haben, denke ich an ihn. Er kann nicht die Hälfte der Dinge tun, die ich tun kann, und ist dennoch glücklich."

Seine Familie ist Hamilton ohnehin so wichtig wie wohl keinem anderen Fahrer in der Formel 1. Bei Rennen sitzt er statt mit einem Manager oft von engen Verwandten umgeben im Fahrerlager.

Auf seine Weise ist der polyglotte Brite bodenständig: So begreift er McLaren-Mercedes eher als ein Zuhause statt als bloßen Geschäftspartner - wie sein früherer Teamkollege Fernando Alonso (derzeit Renault). Der Titel wird Hamilton zwar Respekt einbringen, doch beliebter wird er in der Formel 1 deswegen vermutlich nicht. Die heftige Kritik nach seinem aggressiven Startmanöver beim Grand Prix von Japan in Fuji Mitte Oktober zeigt ebenso wie die Kollegenschelte nach seiner Abkürzung in Spa (für die er nachträglich bestraft wurde), dass die Konkurrenz dem lieben, höflichen Lewis zum Großteil eher skeptisch gegenübersteht. Viele Piloten hatten sich über seine Fahrweise beschwert und öffentlich bekannt, dass sie den Titel eher Ferrari-Pilot Felipe Massa gönnen würden.

Wie er mit der Rolle des Weltmeisters und der damit verbundenen Belastung umgehen kann, wird darüber entscheiden, ob Hamilton, der Alonso nun als jüngsten Weltmeister der Geschichte abgelöst hat, zu einem neuen Michael Schumacher aufsteigen kann. Der siebenmalige Weltmeister ist Hamiltons erklärtes Vorbild, und es passt: Auch der Deutsche galt als extrem ehrgeizig, perfektionistisch und glatt.

Wenn es eines gibt, das Hamilton ärgert, dann die Tatsache, dass er Schumacher nie herausfordern konnte. "Ich bin einmal gegen ihn gefahren, im Kart in Kerpen. Aber das ist nicht dasselbe. Als ich wusste, dass ich Formel 1 fahre und hörte, dass er aufhört, dachte ich: Scheiße. Ich habe mir schon ausgemalt, wie ich auf ihn zugehe und sage: Michael, bleib noch ein Jahr, wir werden eine gute Zeit haben."

Vorbei. Schumacher ist Vergangenheit. Und Hamilton die Zukunft.

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Seite 1
*42* 02.11.2008
1.
Zitat von sysopLewis Hamilton ist Weltmeister 2008 - doch Fragen bleiben offen: Ist der Brite tatsächlich der herausragende Fahrer der Formel 1. Oder wird Ferrari in der kommenden Saison zurückschlagen? Wird das neue Reglement für manche Überraschung sorgen? Und wie weit kann Sebastian Vettel im Red Bull nach vorn fahren? Diskutieren Sie mit!
Gerne! Zuerst würde ich sagen, das heute ein Paket gewonnen hat: Fahrzeug, Team und Fahrer. Wird Ferrari zurückschlagen? Versuchen werden sie es auf jeden Fall! Wird das neue Reglement für Überraschungen sorgen? Ich weiß es nicht. Allerdings, das heute beinahe ein Torro Rosso die WM entschieden hätte... läßt abwarten und auch den Gedanken zu, daß mindestens gleichwertige Fahrer in anderen Teams unter Vertrag stehen...
hphess 02.11.2008
2.
Haug & Co haben nun richtig gemacht, was sie letztes Jahr vergeigt haben. Insofern ist der Titel für Hamilton, den sie 2007 geradezu mutwillig und fahrlässig verspielt haben, absolut verdient. Momentan gibt es keinen absolut dominierenden Fahrer und auch kein dominierendes Team in der Formel 1. Das macht den Sport wieder interessant. Ich freue mich auf die nächste Saison.
vdh 02.11.2008
3. Ferrari vergeigte die WM für Massa
Die unseglichen Fehler die Ferraris Boxencrew während der vergangenen acht Monate machte, kosteten Felipe Massa den WM-Sieg. Unter Monsieur Todt wäre das nicht passiert.Basta.
deefens 02.11.2008
4.
Zitat von sysopLewis Hamilton ist Weltmeister 2008 - doch Fragen bleiben offen: Ist der Brite tatsächlich der herausragende Fahrer der Formel 1. Oder wird Ferrari in der kommenden Saison zurückschlagen? Wird das neue Reglement für manche Überraschung sorgen? Und wie weit kann Sebastian Vettel im Red Bull nach vorn fahren? Diskutieren Sie mit!
Angesichts von Wirtschaftskrise, US-Wahlen und des bevorstehenden Staatsbankrott der Bundesrepublik so relevant wie die Connor-Scheidung...
cheezer87 03.11.2008
5.
Klasse, nach Raikkonen '07 haben wir also den nächsten unwürdigen Weltmeister. Seit Schumi nicht mehr dabei ist und Alonso kein konkurrenzfähiges Auto mehr hat, sind die Weltmeister alles Andere als weltmeisterlich. Einen derartig künstlich erzwungenen Weltmeister wie Hamilton hat die Formel 1 meiner Meinung noch nicht gesehen. Peinlich genug, dass McLaren ein ganzes Jahr länger warten mussten. Wie es weitegeht? Ich hoffe, dass sich der bisherige Trend fortsetzt und Teams wie Renault und Toyota (evtl. auch BMW) weiter zu den Topteams aufschließen können. Vorallem wünsche ich mir bessere Autos für Kubica und Vettel. Auch Alonso verdient einen schnelleren Wagen. Der spanische Doppelweltmeister könnte wieder für etwas mehr fahrerische Klasse an der Spitze sorgen. Es gibt derzeit genügend Fahrer, die das Zeug zu wahren Champions haben. Schade, dass die Cockpits bei Rot und Silber schon anderweitig belegt sind.
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