Formel-1-Star Vettel Beatles, Berge, Bestzeiten

Sebastian Vettel dominiert die Formel 1 nach Belieben. Für den jetzigen Triumph musste der junge Doppel-Weltmeister allerdings seinen übertriebenen Ehrgeiz zügeln. Um Stress abzubauen, hört er Vinylplatten, genießt die Ruhe in den Bergen - die Bars hingegen meidet er.

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Sebastian Vettel sammelt Alben der Beatles. Die seltsam knisternden Originale aus Vinyl, nicht die digital reingewaschenen CDs. Er kann fast alle Lieder der "Fab Four" mitsingen. John Lennon ist sein Lieblings-Beatle, was auch viel über den Menschen Vettel aussagt. "McCartney war mehr der Beatle fürs Kommerzielle, die Hitfabrik", sagt Vettel, "John Lennon aber hatte eine Botschaft. Er hat Millionen von Menschen beeinflusst. Auch heute noch." Auch Vettel zieht das Tiefergehende dem Oberflächlichen vor. Man könnte auch sagen: Er zieht das Ehrliche dem Mittel zum Zweck vor.

Wer ehrlich ist, eckt auch mal an. Das ist ein Teil des Preises, den man für Ehrlichkeit bezahlt. So wie nach dem Großen Preis von Kanada, als Vettel missmutig auf dem Podium stand und das Gesicht verzog. Er hatte einen kleinen Fehler gemacht und war nur Zweiter geworden. Vettel erinnert sich: "In dem Moment auf dem Podest waren die Gefühle noch sehr frisch. Ich habe mich so gegeben, wie ich mich gefühlt habe. Das finde ich ehrlicher, als den 'Smiling Boy' zu spielen." John Lennon hat es ähnlich formuliert. "Nowhere Man, don't worry, take your time, don't hurry." Frei übersetzt: Mach immer dein eigenes Ding.

Er selbst sein, sich nicht verstellen zu müssen, das ist Vettels Wegweiser auf der Straße zu sich selbst - und zu Titeln und Bestzeiten. Dafür braucht er Ausgleich, Orte, wo er die Batterien aufladen kann. Für ihn sind das die Berge. "Ich bin das ganze Jahr über unterwegs, sehr viel Hektik, sehr viel Stress, keine Zeit", sagt Vettel, der plötzlich lächelt: "Und dann kommt man in die Berge. Plötzlich ist komplette Ruhe - nur das Rauschen eines Bachs ist noch zu hören. Dort kann ich unbekümmert und frei sein."

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Was er selbst nicht an sich mag? Vettel überlegt nicht lange: "Manchmal bin ich zu stur, will zu viel auf einmal, statt zu warten und Geduld zu haben. Das versuche ich ständig zu verbessern." Er nennt ein konkretes Beispiel: "2009 wollten wir unbedingt Monaco gewinnen und haben uns deshalb im Training etwas vorgelogen." Damals landete Vettel im Qualifying wegen taktischer Fehler nur auf Platz vier, im Rennen schied er nach einem Unfall aus.

"Heute würde ich die Sache anders angehen. Also lieber versuchen, im Rennen noch wichtige Punkte für einen fünften oder sechsten Platz mitnehmen." So wie im Grand Prix am Nürburgring, als es für Vettel nicht zum Sieg reichte, er sich aber trotzdem mit Platz vier zufriedengeben konnte. "Das waren wichtige Punkte, die ich ein Jahr vorher vermutlich nicht gemacht hätte."

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Ein weiterer Wesenszug, der Vettel manchmal im Wege steht, ist sein übersteigerter Ehrgeiz. "Ich habe wohl mal gesagt, dass ich sogar im Supermarkt der Erste in einer Schlange sein will", sagt Vettel. "Aber deshalb stoße ich keine Omis um, die vor mir stehen. Der Wettbewerbsgedanke ist aber grundsätzlich in mir drin. Ich will gewinnen, bei allem, was ich mache. Und wenn es beim Joggen der halbe Schritt ist, den ich vor meinem Trainer im Ziel sein will."

Vettel hat Abitur, beschäftigt sich mit allen möglichen Dingen, die ihm gerade in den Sinn kommen, nur ablenken von seinen Zielen lässt er sich nie. "Die Formel 1 hat sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten so immens weiterentwickelt, ist mit früher nicht mehr zu vergleichen." Früher, in den siebziger und achtziger Jahren, hätten die Fahrer auch trainiert, seien Fahrrad gefahren und hätten am Vorabend des Rennens an der Bar das eine oder andere Bier getrunken. "Das ist heute nicht mehr möglich, es würde sofort heißen: Wie kann er nur?"

Trotzdem liebt Vettel seinen Sport, auch wenn er anfangs noch etwas Angst hatte. "Als ich das erste Mal einen Formel-1-Wagen gefahren habe, bin ich aus der Box raus, aufs Gas und sofort wieder runter. Die ersten paar Runden habe ich mir nur gedacht: Das ist wirklich nur was für echte Männer, das werde ich nie können." Das war im September 2005.

Eines will Vettel vermeiden: das Kind im Manne verlieren. "Ich mag es eigentlich nicht, wenn man mir sagt, ich sei zu erwachsen", sagt Vettel, "der Begriff hat für mich einen negativen Beigeschmack." Gerade im Motorsport sei die Gefahr sehr groß, "zu schnell" erwachsen zu werden. "Ich war mit zwölf Jahren schon regelmäßig im Ausland. Mein Urlaub waren die Kartrennen. In Italien, in Österreich oder wo auch immer", sagt Vettel. "Der frühe Umgang mit anderen Kulturen, das Reisen in die anderen Länder und der Umgang mit Erwachsenen lassen einen viel schneller reifen. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich keinen Manager habe."

Und wer ist er nun, dieser junge Doppel-Weltmeister? "Ich bin, wer ich bin. Ein ganz normaler Typ, der halt im Moment nichts lieber macht, als mit einem Formel-1-Auto Rennen zu fahren." Dann verschwindet er hinter der Sponsorenwand, die im Red-Bull-Motorhome den öffentlichen Bereich vom Fahrerraum abtrennt. Nach drei Sekunden kommt er wieder zurück, streckt mit einem frechen Grinsen den Kopf hervor und verbessert sich: "Nicht nur Rennen fahren will ich. Ich will sie auch gewinnen." Das hat er 2011 häufig. Das machte ihn zum jüngsten Zweifach-Champion der bisherigen Formel-1-Geschichte.

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goethestrasse 09.10.2011
1. Heppenheim in der Schweiz ??
"Wer ehrlich ist, eckt auch mal an. Das ist ein Teil des Preises, den man für Ehrlichkeit bezahlt" Dann soll er auch die deutsche Staatsbürgerschaft ablegen oder die Steuertricks sein lassen. Nebenbei : er ist nicht der einzige.
DerBlicker 09.10.2011
2. grober Unfug
Zitat von goethestrasse"Wer ehrlich ist, eckt auch mal an. Das ist ein Teil des Preises, den man für Ehrlichkeit bezahlt" Dann soll er auch die deutsche Staatsbürgerschaft ablegen oder die Steuertricks sein lassen. Nebenbei : er ist nicht der einzige.
Wer nicht in Deutschland wohnt und arbeitet zahlt hier keine Steuern. Bei Vettel ist dies nun mal der Fall. Mut Tricks hat das gar nichts zu tun.
MeckiP 09.10.2011
3. Ehrgeiz
Mich würde mal interessieren, wie SPON "übertriebenen Ehrgeiz" in einem Multi-Millionen Business - wie es die F1 nun mal ist - definiert.
kkonline 09.10.2011
4. Steuerhinterzeihung
Zitat von goethestrasse"Wer ehrlich ist, eckt auch mal an. Das ist ein Teil des Preises, den man für Ehrlichkeit bezahlt" Dann soll er auch die deutsche Staatsbürgerschaft ablegen oder die Steuertricks sein lassen. Nebenbei : er ist nicht der einzige.
Ich finde diesen Herrn Vettel genau so widerlich wie Thomas Gottschalk, Michael Schuhmacher, Boris Becker, Stefanie Graf, Jürgen Klinsmann etc.: hier in Deutschland die fette Kohle scheffeln (möglichst aus GEZ-Gebühren und womöglich noch Sportförderung) und dann einen Pseudo-Wohnsitz in Monaco oder Lichtenstein, um keine Steuern zahlen zu müssen. Ein striktes Einreiseverbot sollte man gegen diese Leute verhängen. Auch Formel 1 Chef Ecclestone ist bekanntlich ein Steuerhinterzieher. dass man so etwas wie Formel 1 überhaupt im Staatsfernsehen überträgt finde ich absurd.
oberallgaeuer 09.10.2011
5. Vettel und die Berge
Zitat von DerBlickerWer nicht in Deutschland wohnt und arbeitet zahlt hier keine Steuern. Bei Vettel ist dies nun mal der Fall. Mut Tricks hat das gar nichts zu tun.
Er wohnt aber nicht nur wegen der Ruhe und Entspannung in den Bergen sondern der angenehmere und wahrscheinlich wichtigere Nebeneffekt ist, dass er dort kaum Steuern zahlt. Wegen der Berge könnte er ansonsten ja auch in Bayern wohnen. Auch da gibt es Ruhe und Entspannung.
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