Formel-1-Strecken-Architekt Tilke "Wichtig ist, dass Fehler leicht möglich sind"

Architekt Hermann Tilke hat Formel-1-Strecken rund um den Globus gebaut - auch die für den Saisonabschluss in Abu Dhabi. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Herausforderungen für Planer und Piloten, Simulationsmöglichkeiten bei der Entwicklung und das Geheimnis eines guten F1-Kurses.

Tilke

SPIEGEL ONLINE: Herr Tilke, Sie haben als Architekt bereits den Bau diverser Formel-1-Strecken verantwortet. Seit wann beschäftigen Sie sich mit der Strecke in Abu Dhabi, auf der am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das Finale der diesjährigen Saison ausgetragen wird?

Tilke: Wir haben vor fast vier Jahren mit den ersten Planungen begonnen und vor zweieinhalb Jahren angefangen zu bauen. Das ist generell ein normaler Zeitraum, aber für eine derart große Baumaßnahme auch kurz.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man an solch einen Job? Reicht mittlerweile Ihr Name?

Tilke: Nein, ganz am Anfang gab es schon eine Ausschreibung. Es sollte eine kleine Rennstrecke werden, passend zu der dort entstehenden Ferrari-World, zunächst noch ohne jeden Gedanken an die Formel 1. Diesen kleinen Auftrag haben wir bekommen, und danach sind die Verhandlungen aufgenommen worden von Abu Dhabi mit Bernie Ecclestone, um die Formel 1 zu bekommen. Dann haben sich die Voraussetzungen geändert.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie bei Konzeption und Bau auf lokale Besonderheiten Rücksicht nehmen?

Tilke: Ja, das ist aber immer so. Egal, ob sie in der Eifel oder in München bauen. Und in Abu Dhabi ist es natürlich noch mal was Besonderes. Zum einen die Mentalität der dort lebenden Menschen und zum anderen die klimatischen Bedingungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Grand Prix findet ja jetzt zu einer gemäßigten Jahreszeit statt.

Tilke: Das stimmt, aber die Anlage soll ja 365 Tage im Jahr genutzt werden, nicht nur für die Formel 1, sondern auch für weitere Rennen und Veranstaltungen. Deswegen mussten wir darauf Rücksicht nehmen, zum Beispiel dass die Straßen auch benutzbar sind, wenn draußen 45 oder 50 Grad sind. Und das hat natürlich Auswirkungen auf das Konzept und die Bautechnik.

SPIEGEL ONLINE: Auch auf die Rennstrecke im Speziellen?

Tilke: Die Strecke muss unbedingt in den Abendstunden befahrbar sein, weil dort das Leben am Abend beginnt, das heißt, sie muss zum Beispiel komplett beleuchtet sein. Beim Asphalt muss man aufpassen, dass der nicht anfängt zu schmelzen und sich aufzulösen und dann unter Belastung zu einer Buckelpiste wird. Dafür haben wir spezielle Rezepturen entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Besonderheiten der neuen Strecke?

Tilke: Die Strecke heißt "Yas Marina Circuit", und das gibt schon die Besonderheit wieder. Es ist die einzige permanente Rennstrecke - also keine die nur für ein Rennen aufgebaut wird (Beispiele sind Monte Carlo, Valencia, Singapur, d. Red.) - die um einen großen Yachthafen, die Marina, herum und durch ein Hotel führt ...

SPIEGEL ONLINE: ... vorbei an der Rezeption?

Tilke: ... natürlich nicht durch, sondern quasi unter dem Hotel her. Das muss man sich jetzt aber nicht wie einen Tunnel vorstellen, sondern zwei Gebäude des Hotels werden durch eine Art Brücke miteinander verbunden, unter der die Strecke lang führt.

SPIEGEL ONLINE: Und der Kurs an sich?

Tilke: Wir haben versucht, zwei lange Geraden unterzubringen, die möglichst über einen Kilometer lang sind. Der Pilot soll auf der einen Geraden aufschließen um die andere dann leichter zum Überholen nutzen zu können. Das Rennen soll so interessanter werden. Ansonsten ist es ein Mix aus schnellen und langsamen Kurven. Wir haben versucht, es den Ingenieuren nicht einfach zu machen eine optimale Abstimmung fürs Auto zu finden. Ein Kompromiss beim Setup des Formel-1-Autos bedeutet auch eine höhere Fehlerquote beim Fahren und das bedeutet wiederum spannende Rennen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen haben an der Strecke gearbeitet?

Tilke: Von unserer Firma waren in den vergangenen Monaten 120 Ingenieure und Architekten vor Ort, an der Strecke sind zuletzt 17.000 Bauarbeiter tätig gewesen und am parallel entstandenen Hotel noch einmal 5700 Arbeiter.

SPIEGEL ONLINE: Enorme Zahlen. Wurden alle über den gesamten Bauzeitraum eingesetzt?

Tilke: Das Bauunternehmen hat mit 4500 bis 5000 Leuten angefangen und die Anzahl dann immer weiter gesteigert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie im Zuge der Planung neuer Strecken irgendwelche Simulationsmöglichkeiten?

Tilke: Ja, haben wir im Haus. Wir fahren die Strecke vorher mit Hilfe eines Simulationsprogramms ab. Das muss man sich aber nicht wie ein Computerspiel vorstellen, unsere Rechner spucken nur Daten aus. Wir kennen dann die Geschwindigkeiten an jeder Stelle, die Bremszonen, wissen, wo Überholvorgänge passieren werden. Nach diesen Werten berechnen wir dann auch die Sicherheitsanforderungen der Strecke, die Auslaufzonen.

SPIEGEL ONLINE: Beziehen Sie auch Fahrer bei der Entwicklung mit ein?

Tilke: Die Fia (der Automobilweltverband, d. Red.) bezieht die Fahrer-Vereinigung mit in die Beurteilung der Sicherheit ein. Die Fahrer entscheiden nicht, ob eine Kurve rechts, links, langsam oder schnell ist. Aber natürlich diskutieren wir darüber mit einigen Piloten und natürlich auch mit Verantwortlichen der Fia und ebenso mit Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone, der auch gute Ideen hat.

SPIEGEL ONLINE: Welche Strecken haben Sie derzeit noch in Arbeit oder Planung?

Tilke: Wir bauen im Moment elf. Für die Formel 1 sind das Indien und Südkorea. Die anderen sind internationale Rennstrecken, aber keine für die Formel 1.

SPIEGEL ONLINE: Auch eine in Deutschland?

Tilke: Eine ist in Planung, eine Club-Rennstrecke in der Nähe von Paderborn: "Bilster Berg". Das wird eine wunderschöne Anlage.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Geheimnis einer guten Formel-1-Rennstrecke?

Tilke: Dass sie spannende Rennen zulässt. Es gibt ja Strecken, die sind superinteressant zu fahren, aber darauf kommt es nicht an. Die Rennen sollen spannend sein. Das ist das Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das konkretisieren?

Tilke: Das ist schwierig. Man muss es ein bisschen im Gefühl haben. Wichtig ist, dass Fehler leicht möglich sind. Die erste Kurve am Nürburgring zum Beispiel. Dort ist es fahrdynamisch für einen Formel-1-Wagen äußerst schwierig, die richtige Linie zu finden. Wenn man die innere fährt, wahrscheinlich die schnellste, hat man ein hohes Risiko, dass dort beide Vorderräder kurz abheben, man kann also nicht lenken. Eine Fehlermöglichkeit, und der Hintermann kann dann überholen oder zumindest aufschließen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Lieblingsstrecke?

Tilke: Gibt es, die ist aber nicht von uns.

SPIEGEL ONLINE: Welche ist es?

Tilke: Nürburgring, die Nordschleife. Gebaut 1927.

SPIEGEL ONLINE: Und wo würden Sie gern mal bauen?

Tilke: Da gibt es viele Orte. Im Gebirge beispielsweise, wo es extrem hoch und runter geht.

Das Interview führte Frieder Schilling



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
A-Schindler, 28.07.2009
1. 100% Sicherheit
Zitat von sysopDer schwere Unfall von Felipe Massa in Ungarn entfacht die Diskussion um die Sicherheit in der Formel 1 neu. Ist der Sport zu gefährlich? Sind die Schutzmaßnahmen für die Fahrer ausreichend. Diskutieren Sie mit
Eine 100% Sicherheit wird es nicht geben. Man könnte aber vorschreiben das mehr Verkleidet wird, das wenn was bricht es nicht auf die Fahrbahn fällt.
krafts 28.07.2009
2.
Zitat von sysopDer schwere Unfall von Felipe Massa in Ungarn entfacht die Diskussion um die Sicherheit in der Formel 1 neu. Ist der Sport zu gefährlich? Sind die Schutzmaßnahmen für die Fahrer ausreichend. Diskutieren Sie mit
Autorennsport und speziell die Formel 1 ist an sich sehr gefährlich. 100%igen Schutz wird es nie geben. Aber trotzdem ist die Formel 1 im Gegensatz zu früher relativ sicher geworden, was natürlich weitere Verbesserungen nicht ausschließt. Aber ohne die permanente Verbesserung der Sicherheit wäre Massa jetzt tot. Auch, dass ein Michael Schumacher noch lebt, wäre relativ unwahrscheinlich, wäre er in den 60ern und 70ern gefahren.
m-pesch, 28.07.2009
3.
Zitat von sysopDer schwere Unfall von Felipe Massa in Ungarn entfacht die Diskussion um die Sicherheit in der Formel 1 neu. Ist der Sport zu gefährlich? Sind die Schutzmaßnahmen für die Fahrer ausreichend. Diskutieren Sie mit
Ich weiß nicht was die ganze Diskussion jetzt überhaupt soll. Wenn man mit Tempo 300 durch die Gegend fährt kann immer etwas passieren.
pilli90 28.07.2009
4.
Dass die Formel 1 viel sicherer geworden ist sieht man auch schon daran, dass früher viel mehr Piloten ums Leben gekommen sind als heute. Wenn man zB an Lauda denkt - wenn er früher solche Vorkehrungen gehabt hätte wie heute wäre er sicher viel glimpflicher davon gekommen. Von Todesfällen wie Senna ganz zu schweigen.
frubi 28.07.2009
5.
Zitat von m-peschIch weiß nicht was die ganze Diskussion jetzt überhaupt soll. Wenn man mit Tempo 300 durch die Gegend fährt kann immer etwas passieren.
Richtig. Schockt halt nur immer wieder von neuem. Ich fand allerdings, dass der Kubica Crash (2008?) wesentlich gefährlicher ausgesehen hat.
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