Formel 1 Suche nach dem neuen Genius

Die Rennstallbesitzer im Jugendwahn: Gesucht wird ein Genius, der Michael Schumacher nachfolgen kann.


Kimi Räikkönen
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Kimi Räikkönen

Die Forderung des Managers zeugte von beachtlichem Selbstbewusstsein. Sein Mandant, erklärte Steve Robertson, werde sein fahrerisches Können nur vorführen, wenn er dazu an drei aufeinander folgenden Tagen Gelegenheit bekomme.

Auf solche Bedingungen lassen sich Formel-1-Teams in der Regel nur ein, wenn die Kandidaten für die Kosten der Probefahrten (100.000 Dollar pro Tag) weitgehend einstehen. Doch an eine Selbstbeteiligung dachte Robertson nicht im entferntesten, schließlich sei sein Zögling ein Juwel.

Peter Sauber, 58, Chef des gleichnamigen Rennstalls, willigte ein ­ und fragte sich dabei, wer übergeschnappt sei: der präpotente Manager oder er selbst. Bei den Testfahrten im September vergangenen Jahres überzeugte der Bewerber jedoch derart, dass Sauber schon am zweiten Tag einen Dreijahresvertrag aufsetzen ließ. Den Namen des Neuzugangs musste er buchstabieren, selbst Insidern im Rennsport war er unbekannt: Kimi Räikkönen, geboren 1979 in Espoo (Finnland).

Hysterische bis irrationale Züge


Ein Jahr später hat sich Saubers Risikobereitschaft prächtig verzinst. In der nächsten Saison wird Räikkönen bei McLaren-Mercedes die Nachfolge des zweimaligen Weltmeisters Mika Häkkinen antreten. Die vorzeitige Vertragsauflösung lässt sich Sauber mit 17 Millionen Dollar vergüten.

Viel Geld für einen 22-Jährigen ­ niemals zuvor ist für einen Formel-1-Piloten eine höhere Ablöse gezahlt worden. Doch Sauber profitiert von einem Trend im PS-Gewerbe, der hysterische bis irrationale Züge angenommen hat: Etliche Teamchefs sind beseelt von einem Jugendwahn, der so manchen ehemaligen Grand-Prix-Sieger durch den Rost fallen lässt.

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So gab das Jordan-Team vorige Woche Jean Alesi, 37, den Laufpass ­ der Franzose war mit 200 Formel-1-Einsätzen der dienstälteste Fahrer im Feld. "Wir brauchen junge, freche Fahrer, die noch nicht da waren, als Michael Schumacher groß geworden ist", begründete Rennstallbesitzer Eddie Jordan die Kündigung. Die arrivierten Piloten machten sofort Platz, wenn der Deutsche zum Überrunden ansetze: "Wir müssen einen finden, der nicht so einen Respekt vor ihm hat." Jordan hofft, in dem Japaner Takuma Sato, 24, einen Widersacher ohne Beißhemmung gefunden zu haben.

Handel mit Call-Optionen


Bereits im Juli hatte sich Eddie Jordan des Mönchengladbachers Heinz-Harald Frentzen entledigt. Auch wenn die Begründung, wonach der 34-Jährige zu wenig Leistung geboten habe, auf wackligen Füßen steht, war für den Deutschen seit dem Rausschmiss klar: Eine Weiterbeschäftigung für 2002 ist nur noch bei Rennställen möglich, die Frentzens Know-how benötigen, um ihre technische Rückständigkeit zu mindern ­ Prost und Arrows, Hinterbänkler ohne konkurrenzfähiges Budget.

Die Spitzenteams hingegen brauchen keine Nachhilfe. Sie suchen das Ausnahmetalent, das mittelfristig den viermaligen Weltmeister Michael Schumacher ablösen könnte. Ihr Geschäftsgebaren erinnert zuweilen an den Handel mit Call-Optionen: Fahrer werden verpflichtet und bei nachrangigen Teams geparkt. So hat sich Renault die Rechte an dem Spanier Fernando Alonso, 20, gesichert; der Brite Jenson Button, 21, steht bei BMW-Williams im Wort; der Deutsche Nick Heidfeld, 24, ist von McLaren-Mercedes ausgeliehen, und seinen Landsmann André Lotterer, 19, probiert Jaguar als Testfahrer aus.

Doch über allen schwebt Kimi Räikkönen. Bevor er im März dieses Jahres zu seinem ersten Formel-1-Lauf antrat, hatte der schweigsame Finne gerade mal 23 Autorennen in unbedeutenden Nachwuchsklassen bestritten. Bei seinem Grand-Prix-Debüt holte er als Sechster gleich seinen ersten WM-Punkt. Der "Guardian" sah ihn nach der Premiere "so unbeeindruckt, als ob er sich anderthalb Stunden mit seinem Skateboard vergnügt hätte".

Bildet Coulthard seinen eigenen Karriere-Killer aus


Auch diverse Teamchefs erkannten vor allem die mentale Stärke des Newcomers ­ und machten in der Angst, ein Genius könnte schon bald für die Konkurrenz siegen, ihre Aufwartung. Ferraris Werben beschied Räikkönen negativ, bei McLaren-Mercedes schlug er für drei Jahre ein ­ in denen er sechs Millionen Dollar verdienen wird.

Die Strategie des englisch-deutschen Teams ist eindeutig. Stammpilot David Coulthard, 30, soll bis zu seinem Vertragsende 2003 um den WM-Titel fahren und nebenher helfen, Räikkönens Wissenslücken bei der Abstimmung eines Formel-1-Fahrwerks zu kompensieren. Fraglich jedoch, wieweit Coulthard bereit ist, seinen eigenen Karriere-Killer auszubilden.

Räikkönens Entdecker Sauber, der seine Fahrzeuge früher gern in die Hände von Routiniers gab, hat unterdes Gefallen gefunden an der Jagd um die Stars von übermorgen. Den Finnen ersetzt er 2002 durch einen Brasilianer, der in vielen Ländern nicht mal einen Mietwagen entleihen dürfte: Felipe Massa ist erst 19 Jahre alt.

Lange wird Sauber seinen Neuling, so er denn die Erwartungen erfüllt, jedoch nicht zu seinem Personal zählen können ­ Massa soll bereits an Ferrari gebunden sein.

ALFRED WEINZIERL

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