Formel-1-Talente "Vettel hat sich mit seinem Gasfuß gerettet"

Unter Franz Tost gewann Sebastian Vettel seinen ersten Formel-1-Grand-Prix: Im Interview spricht der Teamchef von Toro Rosso über den Weltmeister, seine Vorliebe für einen aggressiven Fahrstil und das Geheimnis erfolgreicher Piloten.
Formel-1-Pilot Vettel: "Mit seinem Gasfuß gerettet"

Formel-1-Pilot Vettel: "Mit seinem Gasfuß gerettet"

Foto: Balazs Czagany/ AP

SPIEGEL ONLINE: Herr Tost, Sie sind Teamchef von Toro Rosso, dem kleinen Formel-1-Schwesterteam von Red Bull Racing. Wie unabhängig können Sie eigentlich arbeiten?

Tost: Technisch arbeiten wir völlig unabhängig. Was das Marketing betrifft, gibt es eine enge Kooperation. Ich habe im Grunde ziemlich freie Hand, das Team zu leiten.

SPIEGEL ONLINE: Betrifft das auch die Wahl der Fahrer?

Tost: Die Fahrerwahl wird von Red Bull bestimmt. Es gibt den Red-Bull-Nachswuchspool. Aus diesem Pool werden unsere Piloten bestimmt. Das ist auch der Sinn und Zweck von Toro Rosso: Wir bilden die Nachwuchspiloten aus, die später bei Red Bull Racing zum Einsatz kommen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Dafür sind Sie prädestiniert. Sie haben schon mit vielen Nachwuchspiloten gearbeitet: Michael und Ralf Schumacher oder Sebastian Vettel.

Tost: Ich arbeite wirklich sehr gern mit jungen Fahrern. Aber, um ehrlich zu sein: Die optimale Situation als Teamchef für mich wäre: Einen erfahrenen Pilot zu haben und einen jungen, der von dem erfahrenen Fahrer lernen kann. Besonders was Technik und Fahrzeugabstimmung betrifft. So findet man wesentlich schneller den richtigen Weg. Mit zwei jungen Piloten ist das immer schwieriger und nimmt viel Zeit in Anspruch.

SPIEGEL ONLINE: Ist es da nicht erstaunlich, dass Sie mit Sebastian Vettel 2008 in Monza gewinnen konnten? Vettel war damals gerade 21 Jahre alt und unerfahren.

Tost: Da widerspreche ich. Als Sebastian zu uns kam, hatte er schon relativ viel Erfahrung. Er war Testfahrer bei BMW-Sauber und war beim GP der USA in Indianapolis sogar schon ein Rennen gefahren. Für einen Toro-Rosso-Piloten hatte er damit schon viel Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Kann man sagen, dass Ihr Team und Vettel zusammen gewachsen sind?

Tost: Ja, natürlich. Wir waren noch in der Selbstfindungsphase, auch wenn wir technisch damals gut aufgestellt waren, weil wir ja das Auto damals quasi fertig von Red Bull Technology aus England bekamen. Es ist aber immer so, dass ein Team mit dem Fahrer wächst. Es kann aber auch mit einem Fahrer untergehen. Denn der Fahrer ist ein ganz entscheidender Faktor in einem Team.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt doch, dass in der Öffentlichkeit die Rolle des Piloten unterschätzt wird. "Der Fahrer kann nur so gut sein wie sein Auto!" Das ist doch der Leitspruch, an den jeder glaubt.

Tost: Ja, aber: Der Fahrer ist der, welcher den Ingenieuren den richtigen Input gibt, um ein Auto schnell und schneller zu machen. Die erfolgreichen Piloten sind immer länger bei einem Team. Das hat System, weil sie nach einiger Zeit fähig waren, ein Auto ganz nach ihrem Geschmack bauen zu lassen. Das ist ein großer Teil der Kunst, den nur wenige beherrschen. Der Fahrer ist immer der Schlüssel zum Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Zeitlimit, in dem sich Fahrer entdecken können?

Tost: Wenn ein Fahrer es auch nach drei Jahren noch nicht geschafft hat, dass man ernsthaftes Potential erkennt, wird er es nie mehr schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Warum drei Jahre?

Tost: Für einen Fahrer ist in der Formel 1 erst mal alles neu. Es gibt keine Testfahrten mehr, er kennt die meisten Strecken vielleicht von Nachwuchsserien her, aber in einem Formel-1-Auto fühlt sich jede Kurve anders an. Es geht auch nicht nur ums Fahren. Er muss das Team kennenlernen, die Technik, den Umgang mit den Ingenieuren. Auch Marketing und Pressearbeit gehören dazu. Das sind eine Menge Einflüsse, die man erst beherrschen muss. Viele Fahrer unterschätzen die Formel 1. Die glauben, jetzt sind sie in der Formel 1 und alles läuft von selbst. Dabei beginnt die Arbeit erst jetzt. Nachwuchsklassen sind Kindergarten dagegen, Formel 1 ist die Universität.

SPIEGEL ONLINE: Hand aufs Herz: Wenn Sie keine Marketing-Zwänge und alle Möglichkeiten hätten: Welche beiden Piloten würden Sie am liebsten in Ihr Auto setzen?

Tost: Vettel, Alonso, Hamilton und Rosberg. Vettel ist einer der Talentiertesten, der Schnellsten, der Intelligentesten. Er hat die Materie Formel 1 am vollkommensten intus. Bei Hamilton gefällt mir einfach, wie er fährt. Seine Kritiker sind mir wurscht. Ich kann ihn nur verteidigen in seinem aggressiven Fahrstil. So muss man Formel 1 fahren, er ist das Salz in der Suppe, auch wenn es manchmal kracht. Alonso ist der Abgezockteste. Er ist schnell, kennt die politische Seite, kann sie nutzen. Rosberg, hat auch alles, um Weltmeisterschaften zu gewinnen. Wenn er im richtigen Auto sitzt. Von den Nachwuchspiloten sehe ich Nico Hülkenberg, Paul di Resta und Romain Grosjean. Der ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie man einen Nachwuchspiloten verheizen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Tost: Ja. Man hat ihn vor zwei Jahren in das Werksteam von Renault an die Seite von Fernando Alonso gestellt. Da konnte er doch nur schlecht aussehen. Das hätte sogar Sebastian Vettel passieren können.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Tost: Er war meiner Meinung nach zu früh als Testfahrer bei BMW. Das habe ich ihm damals auch gesagt. Selbst als Freitagstester war es zu früh für mich. Denn als Youngster gibt es nur eins für dich: Fahren, fahren, fahren. Und zwar unter Wettbewerbsbedingungen. Lieber in einem kleineren Team ein normales Rennwochenende abspulen als in einem Top-Team Freitagstester sein - das ist meine Meinung. Weil du als Freitagstester nie objektive Ergebnisse bekommst. Entweder schicken sie dich mit leerem Tank hinaus oder mit ganz vollem.

SPIEGEL ONLINE: Wieso hat es Vettel trotzdem geschafft?

Tost: Er hat sich mit seinem Gasfuß gerettet. Weil er halt so speziell ist. Aber normal ist das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen auch Michael Schumacher sehr gut: Würden Sie ihm bei der ganzen Kritik, die gerade auf ihn niederprasselt, raten, weiterzufahren oder nicht?

Tost: Zunächst einmal: Es geht für Michael Schumacher nicht darum, ob sein Teamkollege bei Mercedes, Nico Rosberg, schneller ist als er. Michael hat sieben WM-Titel, da musst du nichts mehr beweisen. Entscheidend für ihn ist: Macht es ihm noch Spaß, ist die Leidenschaft noch vorhanden. Diese Fragen kann nur er für sich beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Kann man auch als Teamchef so denken? Oder muss man da knallhart mit der Leistungskurve kommen und sagen, er ist nicht mehr schnell genug für die Formel 1?

Tost: Michael bringt so viel andere Vorteile, die überwiegen. Glauben Sie im Ernst, Mercedes würde ohne Michael Schumacher so im Rampenlicht stehen? Das ist ein ganz entscheidender Faktor. Michael Schumacher zieht nach wie vor das Interesse auf sich - von daher sehe ich sein Comeback alles andere als negativ.

Das Interview führte Ralf Bach
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.