Formel-1-Titelkampf Mit Vollgas in den Zahlen-Dschungel

Jenson Button? Rubens Barrichello? Oder doch Sebastian Vettel? Das Titelrennen in der Formel 1 bleibt spannend, erst recht nach Vettels Triumph in Japan. Der Deutsche kann aus dem Trauma des amtierenden Weltmeisters Hoffnung schöpfen - die Rechenspiele sind eröffnet.

WM-Dritter Vettel (in Suzuka): Zahlenspiele vor den entscheidenden Rennen
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WM-Dritter Vettel (in Suzuka): Zahlenspiele vor den entscheidenden Rennen

Von Frieder Schilling


Gerechnet wird in der Formel 1 pausenlos.

Hunderte von Computern werden bereits vor dem ersten freien Training mit Telemetriedaten gefüttert. Erfahrungswerte der zurückliegenden Jahre helfen den Ingenieuren, die Abstimmung der Boliden auf Strecke und Fahrweise des Piloten optimal anzupassen. Die zu tankende Benzinmenge berechnen elektronische Helfer bis aufs Kilo genau - sowohl im Qualifying, vor dem Rennen als auch für die Boxenstopps.

Die Zahlen diktieren die Strategie, diese wird laufend überprüft und dem Geschehen auf der Strecke angepasst. Und je weiter sich die Saison ihrem Ende zuneigt, desto spannender werden schließlich die Rechenspiele in der Fahrerwertung.

Nach dem Großen Preis von Japan haben noch drei Fahrer die Chance, die Rechnung für sich zu entscheiden: Brawn-GP-Pilot Jenson Button (85 Punkte), seit Beginn des Jahres Führender in der Gesamtwertung, sein Teamkollege Rubens Barrichello (71) und Sebastian Vettel (69) im Red Bull, der durch seinen Sieg in Suzuka die letzte theoretische Möglichkeit gewahrt hat.

Für alle drei wäre es der erste Fahrer-Titel ihrer Formel-1-Karriere. Und alle drei werden in den kommenden zwei Wochen rechnen, was das Zeug hält - auch wenn sie es nicht zugeben wollen.

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Rennen in Suzuka: Vettels Solo, Buttons Pleite
Bei noch zwei ausstehenden Rennen gibt es reichlich Szenarien, wie sich das Tableau entwickeln könnte. Und es gibt ein Beispiel aus der jüngeren Formel-1-Historie, das sich vor allem Vettel zu Motivationszwecken immer wieder in Erinnerung rufen sollte. 2007 ging der damalige Neuling Lewis Hamilton mit 17 Punkten Vorsprung auf Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen in die letzten beiden Saisonrennen. Eigentlich ein komfortables Polster, doch der unerfahrene Brite zeigte Nerven.

Hamilton mit Rookie-Fehlern im Finale 2007

In China, beim vorletzten Lauf, rutschte Hamilton bei der Boxeneinfahrt ins Kiesbett, keine Punkte. In Brasilien unterlief ihm ein Fahrfehler in Runde eins. Er startete später versehentlich das gesamte System des Autos neu und musste einen halben Umlauf den Boliden im - für Formel-1-Dimensionen - Schritttempo bewegen, fiel auf den letzten Platz zurück. Der McLaren-Mercedes-Pilot wurde zwar noch Siebter, Räikkönen aber gewann beide Rennen und holte sich mit einem Punkt Vorsprung den WM-Titel.

Die Statistik jedoch spricht für einen WM-Entscheid bereits beim kommenden Rennen am 18. Oktober in Brasilien - und somit gegen Vettel und Barrichello. Denn in den zurückliegenden vier Formel-1-Saisons wurde der Weltmeister immer auf der Interlagos-Strecke in São Paulo gekürt. 2005, damals als drittletztes Rennen des Jahres ausgetragen, sicherte sich Fernando Alonso dort seinen ersten Fahrertitel. 2006, im letzten Grand Prix, verteidigte der Spanier seinen Titel. In der vergangenen Saison war es schließlich Hamilton, der in einer dramatischen letzten Runde gegen Ferrari-Pilot Felipe Massa triumphierte.

Barrichello in Brasilien oft glücklos

Betrachtet man die Brasilien-Bilanzen der drei Titelkandidaten, so scheint ausgerechnet der Lokalmatador aus dem Rennen zu sein. 16 Mal lenkte der 37-jährige Barrichello, geboren in São Paulo, einen Formel-1-Rennwagen dort bereits in die Startaufstellung. Zehnmal jedoch sah er die Zielflagge nicht, schaffte es nur einmal aufs Podium: 2004 wurde er Dritter.

Button trat neunmal an, fiel dreimal aus, kam ebenfalls nur einmal unter die besten Drei: 2006 beendete er das Rennen auf Platz drei. Vettel - mit der geringsten Interlagos-Erfahrung ausgestattet - konnte seine Premiere 2007 nicht beenden, wurde 2008 Vierter.

Bleibt die Frage nach der Routine des Fahrers und der Konstanz des Autos. Zwei Variablen, die im Titelkampf entscheiden werden. Mehr Routine als Barrichello kann kein Fahrer vorweisen. 284 Formel-1-Rennen stehen in seiner Vita, kein Pilot in der Geschichte der Serie hat mehr. Doch auch Button besitzt mit 168 Grand Prix einen enormen Erfahrungsschatz, fährt seine zehnte Saison. Vettel dagegen hat erst 41 Rennen vorzuweisen.

Versagen Vettel erneut die Nerven?

Der Deutsche hat in der laufenden Saison zudem durch technische Probleme, schlechte Starts und vermeidbare persönliche Fehler immer wieder mögliche Punkte verpasst, kam dreimal nicht ins Ziel. Die Brawn-Piloten mussten jeweils nur ein Rennen vorzeitig beenden. Die Leistungskurve Vettels jedoch zeigt im zweiten Saisondrittel klar nach oben.

In den zurückliegenden acht Rennen hat er mit 41 Punkten die meisten der drei Titelkandidaten geholt, siegte zweimal, stand zwei weitere Male auf dem Podest. Barrichello (37 Punkte) weist ebenfalls zwei Erfolge, dazu einen dritten Rang auf. Button dagegen (24) erreichte nur einen zweiten Platz, beendete seine Rennen ansonsten nie besser als auf Rang fünf.

Trotz allem bleibt die WM-Chance für Vettel am geringsten. Button braucht in zwei Rennen nur vier Punkte, und dem Red-Bull-Piloten würden nicht mal zwei Siege helfen. Zudem darf Barrichello nicht vergessen werden.

Aber rechnen sollte ja erlaubt sein.

insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
peterpretscher 12.07.2009
1.
Zitat von sysopBrawn GP gegen Red Bull, Button und Barrichello gegen Vettel und Webber - der Kampf um die F1-WM spitzt sich zu. Wer hat Ihrer Meinung nach am Ende die meisten Punkte auf dem Konto?
Wahrscheinlich wird sich das Brawn GP Team am Ende durchsetzen, mit 1. Button 2. Barichello Vettel wird 3. werden!
shokaku 12.07.2009
2.
Auch wenn zuletzt der Red Bull das stärkste Fahrzeug war, so hat Button doch immer noch mehr als 20 Punkte Vorsprung in der Fahrerwertung. Die sind bei der aktuellen Punktewertung nur schwer wieder einzuholen. Auch scheinen mir Webber und Vettel mental noch nicht auf einen Weltmeisterschaftskampf vorbereitet zu sein. Button dürfte also den Titel einstreichen, danach ist aber alles offen.
mr_supersonic 12.07.2009
3.
Ich wäre da nicht so festgelegt auf Button. Klaro hat er großen Vorsprung, und das nächste Rennen am Hungaroring wird den Brawns vielleicht besser schmecken, aber danach kommt Spa? Ich denke die Meisterschaft ist noch lange nicht entschieden... Ich habe allerdings die Vorahnung, dass es Sebastian noch etwas leidtun könnte, dass er in Australien einen sicheren 3. Platz weggeworfen hat....
zenonrc 13.07.2009
4. Astrologe...
Zitat von sysopBrawn GP gegen Red Bull, Button und Barrichello gegen Vettel und Webber - der Kampf um die F1-WM spitzt sich zu. Wer hat Ihrer Meinung nach am Ende die meisten Punkte auf dem Konto?
...bin ichnicht, aber das war eines der besseren Rennen in der F1. Der Nuerburgring fordert alles an G-Kraft von den Piloten, er ist eine der interessantesten Rennstrecken im Circuit. Und das Webber das fuer Red Bull und Australien eingefahren hat, mit Vettel neben sich, absolute Spitze. Sagt es nicht weiter, aber hier in Brasilien hat die Zeitschrift O Povo gemeldet, dass der "alemao" Webber gewonnen hat, dass Ruben Barrichello zweiter wurde und Jenson Button dritter... http://www.opovo.com.br/opovo/esportes/892697.html Ich nehme an der Autor ist mittlerweile entlassen worden und bin froh die F1 nicht nur per Zeitung zu verfolgen Denn es war echt ein gutes race!
FunkR 13.07.2009
5. Die Technik gewinnt
Formel 1 ist und bleibt primär ein Sport der Technik. Wer sekundär innerhalb eines Teams gewinnt, entscheidet gewiss der Bessere. (Neu-englich: "LOL" Wer es glaubt!!)
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