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Formel 1: Angst um Bianchi überschattet Hamiltons Sieg

Foto: Clive Mason/ Getty Images

Bianchi-Unfall in Japan Kontrollverlust in Kurve sieben

Nach Feiern war keinem zumute. Der schwere Unfall des Marussia-Piloten Jules Bianchi überlagerte beim Großen Preis von Japan alles andere. Einige Fahrer übten Kritik am Weltverband, weil er das Regenrennen nicht früher abgebrochen hatte.
Von Stephan Heublein und Kerstin Hasenbichler

Das Fahrerlager befand sich nach dem Großen Preis von Japan in einer Mischung aus Schockstarre, Fassungslosigkeit und Chaos, niemand wusste in Suzuka so recht, was er sagen oder tun sollte. Die Piloten und ihre Teams hatten noch die Bilder des schrecklichen Unfalls von Marussia-Pilot Jules Bianchi im Kopf, mussten sich aber gleichzeitig beeilen, die rund 35 Tonnen Fracht pro Team transportfertig zu machen; in der Nacht von Sonntag auf Montag soll der Super-Taifun "Phanfone" auf Suzuka treffen.

Ferrari-Teamchef Marco Mattiacci und Williams-Pilot Felipe Massa waren nach Rennende sofort ins rund 15 Minuten entfernte Krankenhaus aufgebrochen, um sich dort selbst nach dem Gesundheitszustand des Ferrari-Nachwuchsfahrers zu erkundigen. Die meisten Pressetermine der Rennställe wurden kurzerhand abgesagt.

"Es stellt alles andere in den Schatten, wenn einer deiner Kollegen verletzt wird. Wir alle beten für ihn", sagte der sichtlich betroffene Sieger Lewis Hamilton. Keiner bei Mercedes konnte sich über den achten Doppelerfolg der Saison wirklich freuen. "Das spielt heute alles keine Rolle", sagte Hamilton. Auch Sebastian Vettels Abschied von Red Bull war plötzlich nicht mehr so wichtig.

Bianchi war auf der regennassen Fahrbahn zu Beginn der 42. Runde in Kurve sieben von der Strecke abgekommen und mit noch hoher Geschwindigkeit in ein Bergungsfahrzeug geprallt. Dieses war gerade dabei, den havarierten Sauber-Rennwagen von Adrian Sutil abzuschleppen. Der verunglückte Franzose war bei der Bergung durch die Ärzte bewusstlos und musste aus dem Wrack befreit werden. Fotos von der Unfallstelle zeigen, wie Bianchis zerstörtes Auto unter dem Traktor steckt.

Kritik an der Rennleitung

Nach Aussagen des Automobilweltverbands Fia soll Bianchi schwere Kopfverletzungen davongetragen haben. "Jules ist in einem schlimmen Zustand. Er wird gerade notoperiert wegen eines Hämatoms im Kopf. Es wird 24 Stunden dauern, bis wir mehr wissen", sagte Vater Philippe Bianchi dem französischen Sender France 3. Nach der Operation im Mie-General-Hospital unweit der Strecke soll Bianchi direkt auf die Intensivstation verlegt werden. Die französische Zeitung "L'Equipe" meldete nach der ersten OP, Bianchi müsse nach dem Eingriff nicht mehr künstlich beatmet werden sondern könne wieder selbstständig atmen.

Nach dem Rennen, als die Schwere des Unfalls bekannt war, warfen einige Piloten und Experten der Rennleitung vor, den Grand Prix trotz des schlechten Wetters nicht früher abgebrochen zu haben. "Ich habe schon fünf Runden davor in meinen Funk geschrien, dass zu viel Wasser auf der Strecke ist", sagte Massa. "Aber sie haben sich Zeit gelassen, und dann wurde es gefährlich."

Ähnlich sah es der geschockte Sutil, der wegen Aquaplanings von der Strecke abgekommen und in den Reifenstapel gekracht war: "Nach meinem Unfall hätte man gleich das Safety Car bringen können", sagte er, "aber nachher ist man immer schlauer."

Dabei war der 15. Saisonlauf bereits hinter dem Safety Car gestartet worden. Der strömende Regen ließ ein normales Rennen zu diesem Zeitpunkt nicht zu. Teile des 5,807 Kilometer langen Kurses standen unter Wasser. In der dritten Runde wurde der Grand Prix unterbrochen, 15 Minuten später ließ Rennleiter Charlie Whiting das Feld dann hinter dem Safety Car wieder auf die Strecke.

Erinnerungen an De-Villota-Unfall

Einige Fahrer nahmen die Verantwortlichen jedoch in Schutz: "Die Bedingungen waren nicht so schlecht", sagte etwa Hamilton, "in Bezug auf Aquaplaning gab es schon viel schlimmere Rennen." Auch McLaren-Pilot Jenson Button verteidigte den Weltverband: "Die Fia hat ihre Arbeit gut gemacht und hatte die Situation unter Kontrolle." Während Bianchis Unfall war die doppelt gelbe Fahne geschwenkt worden, die den Fahrern signalisiert: Bereitmachen zum Anhalten.

Ex-Weltmeister Niki Lauda führt den Unfall deshalb auf eine Verkettung unglücklicher Umstände zurück: "Ein Auto kommt von der Strecke ab, der Truck fährt an, und plötzlich schießt ein zweites Auto heran", sagte der Österreicher. Auch Vettel war der Ansicht, dass Bianchi einfach "sehr, sehr großes Pech" gehabt habe, "das Auto gerade dort in diesem Moment zu verlieren".

Bianchis Marussia-Rennstall war nach dem Unfall zunächst nicht in der Lage, sich zu äußern, das Entsetzen war zu groß. Denn das kleine Team aus dem britischen Dinnington erlebte mit dem Unglück ein schreckliches Déjà-vu: Am 3. Juli 2012 kollidierte die damals 32-jährige Marussia-Testfahrerin Maria de Villota bei einem Aerodynamiktest in Duxford mit der Laderampe eines Teamtransporters. Dabei zog sie sich schwere Kopf- und Gesichtsverletzungen zu.

Die Spanierin erholte sich von ihren Verletzungen und kehrte sogar für einen Besuch ins Formel-1-Fahrerlager zurück. Doch vor fast genau einem Jahr, am Morgen des 11. Oktober, erlitt sie eine Hirnblutung und verstarb in Folge eines Kreislaufstillstandes. Es sollen Spätfolgen ihres Testunfalls gewesen sein, beim Großen Preis von Japan widmete man ihr eine Schweigeminute.

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