Testfahrten für die Formel-1-Saison 2013 Strategen im Blindflug

Was sind die Stärken der neuen Formel-1-Boliden, was die Schwächen? Normalerweise versprechen sich die Teams von den Testfahrten vor der Saison Antworten auf diese Fragen - doch in diesem Jahr gibt es keine. Schuld daran sind die neuen Reifen.

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In rund einer Woche beginnt die Formel-1-Saison 2013, und die Teamchefs der elf Rennställe wissen derzeit nur eines: dass sie so gut wie nichts wissen. Wo steht das eigene Team im Vergleich zur Konkurrenz? Eine Antwort darauf gibt es derzeit nicht. Mercedes-Pilot Nico Rosberg ist sich nur sicher: "Red Bull wird wieder das Team sein, das es zu schlagen gilt."

In den drei Test-Sessions in Jerez und Barcelona war von einer Überlegenheit des Titelverteidigers aber nichts zu sehen, im Gegenteil: Red Bull hatte mit einigen Problemen zu kämpfen. "Noch läuft nicht alles so, wie wir uns das erhofft hatten. Aber es ist ja auch noch ein bisschen Zeit", sagt der dreimalige Weltmeister Sebastian Vettel. Eine Aussage, die jeder der 22 Fahrer hätte treffen können.

Dass niemand derzeit sagen kann, welches Team die Nase vorne hat, liegt vor allem am kalten Wetter, das bei den Testfahrten im spanischen Jerez und Barcelona herrschte. Deswegen verloren die Reifen ungewöhnlich schnell ihre Haftung. Selbst McLaren-Pilot Jenson Button, bekannt dafür, sich gut auf Reifenmischungen einstellen zu können, hatte große Probleme mit den neuen Pneus von Pirelli, dem Monopolisten in der Formel 1.

Grund sind die neuen Mischungen, die bei den Tests nicht wie erwartet funktioniert haben. Schon nach einer schnellen Runde kam es zum sogenannten "Graining". Dabei löst sich die äußere Schicht des Gummis auf, es entstehen Blasen und dadurch Vibrationen. Der Pilot kann deshalb nicht mehr Höchstgeschwindigkeit fahren, sondern muss den Reifen erst abkühlen lassen. Bis zu sieben Sekunden langsamer wurden die Wagen deshalb bei den Tests ab der zweiten Runde.

"Dadurch war es kaum möglich, das Auto richtig kennenzulernen", schimpfte Vettel. Würde das Phänomen bei einem Grand Prix auftreten, wären möglicherweise bis zu sieben Reifenwechsel nötig. Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery versichert jedoch: "Bei heißeren Temperaturen, wie sie auf fast allen Rennstrecken herrschen, wird es kein Graining mehr geben. Unsere Reifen sind halt nicht für Wintermonate in Europa entwickelt worden."

Extreme Zeitunterschiede bei den Reifenmischungen

Brauchbare Erfahrungswerte mit den Reifen sind aber deshalb so wichtig, weil sie eines der beiden wichtigsten Kriterien bei der Bewertung einer Testrunde sind. Dazu ein paar Fakten und ein Beispiel: Pirelli liefert vier verschiedene Trockenreifen, einen sogenannten Intermediate-Reifen für etwas feuchtere Pisten und einen Reifen mit extratiefem Profil für extreme Nässe. Die Mischungen der vier Trockenreifen gliedern sich in superweich, weich, medium und hart. Der superweiche Reifen bietet die meiste Haftung, baut aber am schnellsten ab. Der harte Pneu hat die geringste Haftung, hält aber am längsten durch.

Der Unterschied bei den jeweiligen Trockenmischungen beträgt etwa fünf Zehntelsekunden pro Runde. Das bedeutet: Würde ein Pilot bei gleicher Tankfüllung und gleichen Witterungsbedingungen eine Runde mit dem superweichen Reifen und eine mit der härtesten Mischung fahren, jeweils fehlerfrei, wäre er mit dem superweichen Reifen zwei Sekunden schneller.

Bei der Bewertung der Konkurrenz kommt die Ungewissheit hinzu, welches Programm die Gegner gefahren sind, vor allem: Wie viel Kilogramm Sprit der jeweilige Pilot an Bord hatte. Zehn Kilo Sprit mehr an Bord bedeuten zum Beispiel in Barcelona oder Jerez, dass ein Pilot mit gleichen Reifen pro Runde vier Zehntelsekunden langsamer wäre.

Dennoch: Ohne die genaue Stärke der Teams zu kennen, werden wohl Red Bull, Ferrari, McLaren, Mercedes und Lotus die Titel unter sich ausmachen. "Man muss kein Genie sein, um eine Ahnung zu haben, wer die Favoriten sind", sagt Vettel. Der 25-Jährige weiß nur zu gut, dass die Entwicklung eines Autos nicht mit Saisonbeginn abgeschlossen ist.

Im vergangenen Jahr dauerte es eine halbe Saison, bis Red Bull den Boliden perfekt auf Vettel abgestimmt hatte. Als dies gelungen war, gewann der Deutsche vier Rennen in Folge. Red-Bull-Chefdesigner Adrian Newey sieht daher keinen Grund, warum das nun anders sein sollte: "Das Auto von diesem Jahr wurde auf der Basis des Wagens entwickelt, mit dem wir die Saison 2012 beendet haben." Am Ende wurde Vettel noch Weltmeister.



insgesamt 19 Beiträge
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Altesocke 07.03.2013
1. Bei welchem Titel soll denn Mercedes dabei sein?
"Ohne die genaue Stärke der Teams zu kennen, werden wohl Red Bull, Ferrari, McLaren, Mercedes und Lotus die Titel unter sich ausmachen." Bei welchem Titel soll denn Mercedes dabei sein? Was ist zu erwarten, wenn, im Gegensatz zu den 3 letzten seasons, jetzt 'das wird aber noch etwas dauern' angekuendigt wird. Die stapeln nicht tief, sehen ihr Potential vielleicht diesmal nur etwa realistischer!
-poul- 07.03.2013
2. da dreht sich Adam Riese im Grab herum
"Der Unterschied zwischen den jeweiligen Trockenmischungen beträgt etwa fünf Zehntelsekunden pro Runde. Das bedeutet: Würde ein Pilot bei gleicher Tankfüllung und gleichen Witterungsbedingungen eine Runde mit dem superweichen Reifen und eine mit der härtesten Mischung fahren, jeweils fehlerfrei, wäre er mit dem superweichen Reifen zwei Sekunden schneller." 15/10 = 1 1/2 Sekunden und nicht 2 Sekunden
hinzkunz001 07.03.2013
3. denke ich nicht
Zitat von Altesocke"Ohne die genaue Stärke der Teams zu kennen, werden wohl Red Bull, Ferrari, McLaren, Mercedes und Lotus die Titel unter sich ausmachen." Bei welchem Titel soll denn Mercedes dabei sein? Was ist zu erwarten, wenn, im Gegensatz zu den 3 letzten seasons, jetzt 'das wird aber noch etwas dauern' angekuendigt wird. Die stapeln nicht tief, sehen ihr Potential vielleicht diesmal nur etwa realistischer!
ich denke das es dieses Jahr extrem schwer wird WM zu werden, da wird Sauber und auch Force India noch mitreden. Sauber hatte ein sehr sehr schnelles Auto zum ende der letzten saison, und Force India hat sich von saison zu saison gesteigert. Mein Tip ist Sauber oder Lotus...
Aözer 07.03.2013
4. ...nicht nur Adam Riese...
5/10 = 1/2 4 x 1/2 = 2 ...wer lesen UND rechnen kann, ist klar im Vorteil.
_dida 07.03.2013
5. dann aber 3 x 1/2 Sekunde
Vier Trockenreifen, der jeweils weichere eine halbe Sekunde schneller, also 3 x 1/2 sek. = 1,5 sek.
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