Formel-1-Weltmeister Vettel Das breite Grinsen im Land des Lächelns

Was für ein Triumph für Sebastian Vettel - aber auch im Moment der Titelverteidigung hebt der neue und alte Formel-1-Weltmeister nicht ab. Der Deutsche ist kein Typ für die große Show. Nur auf der Party nach dem Rennen geht er aus sich heraus.

REUTERS

Aus Suzuka berichtet


Er schrieb geduldig Autogramme, fast eine Stunde lang, er ließ sich fotografieren, fast genauso lang. Er ließ sich berühren, umarmen, auf die Schulter klopfen. Ohne auch nur einmal in einer Momentaufnahme von Stress seine Freundlichkeit zu verlieren. Das ging vier Tage so.

Nur einmal verlor Sebastian Vettel sein Grinsen. Ein japanisches Mädchen hielt ein Schild vor sich, liebevoll bemalt mit Sonnenblumen und in großen roten Buchstaben stand da in englisch geschrieben: "Danke, dass Ihr nach Japan gekommen seid!" In diesem Moment war der 24 Jahre alte junge Mann aus Heppenheim, der nur deshalb nicht in irgendwelchen Hörsälen und Unikantinen herumhängt, weil er in dem Sport, den er liebt, so erfolgreich ist, der Botschafter der Formel 1. Vettel hielt kurz inne und strich der Zehnjährigen nochmal über den Kopf, nachdem er ein Autogramm mit persönlicher Widmung in ihr Poesiealbum geschrieben hatte, das sie schüchtern vor ihn gehalten hatte.

"Die Fans in Japan sind unglaublich"

Jetzt wusste Vettel, dass er seine vielleicht wichtigste Mission erfüllt hatte. Und damit war nicht die souveräne Titelverteidigung gemeint, die Vettel in Suzuka perfekt machte. Wichtiger und schwieriger, als den letzten, zum Weltmeistertitel noch notwendigen WM-Punkt einzufahren: Er hatte dem Land des Lächelns, das in diesem Jahr mit dem Tsunami und der Atomkatastrophe von Fukushima so Furchtbares erlebt hatte, das Lachen wiedergegeben. Zumindest einem kleinen Teil davon.

Die japanischen Fans, die treuesten von allen, weil sie schon morgens um sieben Uhr vor dem Eingang des Circuits Hotels oder der Rennstrecke warten, hatte er ihre kleine Dosis gegeben. Davon zehren sie dann fast ein Jahr.

"Die Fans hier in Japan sind unglaublich", sagte Vettel später, immer noch gerührt. "Das Land hat in diesem Jahr unglaubliche Schicksalsschläge erlebt. Deshalb war es mir wichtig, ihnen eine Freude zu machen und so unsere Unterstützung und Hilfe zu zeigen. Hier den zweiten Titel zu gewinnen ist etwas ganz Besonderes für mich."

Gekünsteltes ist Vettel ein Graus

Da war er wieder, der junge Mann für den Mann von der Straße. Der wahre Vettel. Denn offizielle Fotoshootings für Sponsoren kann er gar nicht ausstehen. Gespielte Gesten sind nicht sein Ding, auch wenn er so professionell wie möglich seine Rolle spielt. Aber: Wer hinter seinen Vorhang schaut, der weiß: Er mag sich nicht in Pose stellen, er findet das alles nur gekünstelt.

Am schlimmsten findet er die Sessions mit den "aufgemotzten Hasen": Den Begriff hatte ihm sein früherer Teamchef Gerhard Berger beigebracht. Wie die "Tuning-Blondinen", die ein Sponsor im Hafen von Monte Carlo hatte aufmarschieren lassen. Vettel erfüllte brav seine Pflicht, motzte danach aber herum. "Ich bin doch kein Model und überhaupt: Das sind doch alles Hungerhaken." Die Szene beschreibt einen großen Teil der Persönlichkeit des Doppelweltmeisters. Extravagantes kann ihm gestohlen bleiben. Vettel liebt das Normale.

Bei der Party nach dem Rennen ging er dafür aus sich raus. Nach einem Interviewmarathon kletterte er auf eine große Kiste, die sein Team ihm gegenüber der Haupttribüne aufgestellt hatte. Vettel grüßte seine japanischen Fans immer wieder mit zwei gestreckten Zeigefingern, die beide WM-Titel symbolisierten sollten - begleitet von dröhnender Rockmusik mit extrafetten Bässen. Danach traf er sich mit den Ingenieuren zur Nachbesprechung des Rennens.

Erst um 22 Uhr traf er im Hotel ein. Er duschte kurz, zog sich Hemd und Jeans über und fuhr zur spontan organisierten WM-Party in einem Club in Suzuka. Nur mit seinem Red-Bull-Team und engen Freunden und Familienmitgliedern.

Ganz so spät wurde es aber nicht. Denn Vettel muss bereits am Dienstagmittag bei einer Pressekonferenz in Tokio sein. Das Formel-1-Jahr ist für Vettel noch lange nicht vorbei. Aber ab jetzt ist alles nur noch Schaulaufen.

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
anaxi 09.10.2011
1. im Land des Lächelns
Zitat von sysopWas für ein Triumph für Sebastian Vettel - aber auch im Moment der Titelverteidigung*hebt der neue und alte Formel-1-Weltmeister nicht ab. Der Deutsche ist kein Typ für die große Show. Nur auf der Party nach dem Rennen geht er aus sich heraus. http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,790813,00.html
Im Land des Lächelns? Das wäre dann in China, ich wusste nicht das Suzuka neuerdings in China liegt...
gos 09.10.2011
2. -
Schön, dass es noch solche authentischen Typen gibt.
TschiTschi 09.10.2011
3. Man sollte aber auch nicht übersehen ...
..., dass dieser freundliche, natürliche und soziale Sportsmann seine Heimat Heppenheim und Deutschland verlassen hat und in die Schweiz gezogen ist - und sein Vaterland damit Millionen von Steuern prellt.
fortelkas 09.10.2011
4. formel-1-weltmeister vettel:das breite grinsen
Die Formel 1 Rennen sind die überflüssigsten Veranstaltungen, die ich kenne, das als Sport zu bezeichnen ist, gelinde gesagt, gewagt. Da fahren Männer im Kreis und werden in jungen Jahren zu mehrfachen Millionären. In einer Welt, in der es millionenfachen Hunger gibt, den es gar nicht geben müsste, wenn die Ressourcen sinnvoll genutzt würden, empfinde ich das als pervers. Es ist nur gut, dass deutsche Rennstrecken (ich glaube Nürburgring und Hockenheim) finanzielle Schwierigkeiten haben,gut so, dann findet dieser Zirkus wenigstens nicht mehr in Deutschland statt. Es ist daran zu erinnern, das sich der Betriebsrat von Mercedes (zu recht) dagegen gewehrt hat, dass Mercedes wieder in die Formel 1 einsteigen wollte! Gut so! Erwin Fortelka
capella 09.10.2011
5. aufkommender Neid
Zitat von TschiTschi..., dass dieser freundliche, natürliche und soziale Sportsmann seine Heimat Heppenheim und Deutschland verlassen hat und in die Schweiz gezogen ist - und sein Vaterland damit Millionen von Steuern prellt.
... und da ist sie wieder, die Neiddebatte. Vlt. auch ein Grund, warum er umgezogen ist.
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