Großer Preis von Monaco: Der verhängnisvolle Boxenstopp
Mercedes-Rechenfehler in Monaco "Wie zum Teufel konnte das passieren?"
Mercedes-Teamchef Toto Wolff wollte sich am liebsten verstecken: "Ich gehe am besten unter den Tisch", meinte er, als er erst eine dreiviertel Stunde nach Rennende ins Mercedes-Motorhome kam, um sich den Fragen der Journalisten zu stellen. Dann fand er aber doch noch einen Platz an einem der großen Stehtische und brachte seinen Ärger zum Ausdruck: "Wie zum Teufel konnte das passieren?"
Gemeint war ein Fehler des Mercedes-Kommandostands, der den WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton am Ende den Sieg beim Grand Prix in Monaco kostete. Auslöser dafür war der spektakuläre Unfall des 17-jährigen Max Verstappen, der 15 Runden vor Schluss gleich zwei verschiedene Safety-Car-Phasen auslöste. Zunächst hieß es nur "Virtual-Safety-Car", dann fuhr auf der Strecke doch ein echtes Safety Car.
Bei Mercedes jedenfalls wurde entschieden, den bis dahin souverän führenden Hamilton währenddessen zu einem Boxenstopp hereinzuholen - nötig war das nicht. Der Brite kam nur als Dritter wieder auf die Strecke, verlor einen eigentlich sicheren und hoch verdienten Sieg an seinen Teamkollegen Nico Rosberg und musste sogar den zweiten Platz noch Sebastian Vettel im Ferrari überlassen.
Lewis Hamilton beim Boxenstopp: Wir haben uns verrechnet
Foto: Boris Horvat/ dpaWas war also passiert? "Wir haben uns schlichtweg verrechnet", war Wolffs Erklärung: "Irgendetwas in der Mathematik, im Algorithmus, in den Daten, hat nicht gestimmt. Nach unserer Rechnung hatte Lewis genügend Vorsprung, um sicher als Führender wieder auf die Strecke zu kommen." Die Mercedes-Crew hatte die Rechnung aber ohne die GPS-Probleme im Fürstenstaat gemacht. So wurden die Abstände der Fahrer nicht korrekt angezeigt, statt 22 Sekunden hatte Hamilton tatsächlich nur noch 18 Vorsprung vor der Konkurrenz.
Verschiedene Safety-Car-Phasen sorgen für Verwirrung
Was dabei mitgespielt haben könnte: Der Wechsel zwischen einer zunächst angezeigten virtuellen Safety-Car-Phase, dann ein "echtes" Safety-Car, auf das Hamilton dann in der berühmten Rascassekurve kurz vor der Boxeneinfahrt auch noch etwas früher als erwartet auflief.
Trotzdem bleibt die Frage: Warum überhaupt das Risiko eines Zusatzstopps eingehen? Mercedes hatte wohl befürchtet, dass auch die Konkurrenz in die Box fährt, wollte sich vor den vermeintlichen Angriffen von Vettel schützen. Dabei sind Überholmanöver auf dem engen Stadtkurs in Monaco eine Rarität, der Ferrari von Vettel dem Mercedes eigentlich unterlegen. Das hat das Wochenende erneut gezeigt.
Rosberg machte sich dennoch Sorgen, als er seinen Konkurrenten Hamilton plötzlich hinter sich hatte: "Ich habe erst einmal gedacht, der wird das Ding trotzdem noch gewinnen, wird gleich an uns vorbeifliegen. Schließlich waren wir mit 40 Runden alten, harten, viel zu stark abgekühlten Reifen unterwegs."
Mercedes-Piloten Rosberg (l.) und Hamilton (r.): Des einen Freud, des anderen Leid
Foto: AP/dpaSo kam es nicht, und doch war Rosbergs Gefühlswelt nach seinem dritten Triumph in Serie im Fürstentum gespalten. "Monaco zu gewinnen ist natürlich toll, aber ich weiß, dass ich heute auch sehr viel Glück hatte. Und neben meiner Freude spüre ich auch sehr viel Mitgefühl für Lewis", sagte er: "Ich weiß genau, wie schlimm es ist, nach so einem starken Wochenende, wie er es hier hatte, so kurz vor Schluss noch einen Sieg auf diese Weise zu verlieren."
Mercedes entschuldigt sich bei Hamilton
Auch Hamilton zeigte Größe: Er gratulierte Rosberg auf dem Siegerpodest, machte dem Team keine Vorwürfe. "Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen", sagte er immer wieder, seine Stimme verlor er wegen der tiefen Enttäuschung dennoch hin und wieder. Nichts hatte er sich sehnlicher gewünscht als endlich wieder einen Monaco-Sieg nach 2008, als er schon einmal hier gewann. "Aber ich werde wiederkommen und es nächstes Jahr eben noch einmal versuchen."
Toto Wolff hatte sich so schnell wie möglich bei seinem Fahrer entschuldigt: "Ich habe ihm gesagt, dass es unser Fehler war, und dass es uns unglaublich leid tut." Wichtig sei jetzt vor allem, Konsequenzen zu ziehen, um derartiges in Zukunft zu verhindern. Tatsache ist: Die heutige Formel 1 arbeitet sehr starr mit den gewonnen Daten, die taktischen Überlegungen werden fast ausschließlich danach ausgerichtet. Trotz des Fehlers will Wolff das nicht infrage stellen.
"Um regelmäßig Rennen zu gewinnen, ist es normalerweise besser, sich auf die Daten zu verlassen als auf das Bauchgefühl", widersprach er denen, die sich fragten, ob man mit gesundem Menschenverstand nicht manchmal weiterkäme. Mercedes hat für die Rennen extra eine Strategie-Gruppe, die letzte Entscheidungsgewalt liegt bei deren Chef, James Vowles. Der gibt den Renningenieuren der Fahrer die Entscheidung weiter, die schließlich dem Piloten mitgeteilt wird. Die Fahrer vertrauen ihm vollends, die Strategieanweisungen werden normalerweise blind befolgt - weil alle davon ausgehen, dass die Box den besseren Überblick hat.
Manchmal aber passieren auch unvorhergesehene Fehler - die der Computer, mit denen niemand rechnet. Bei allen Teams, immer wieder. Nur sind die Folgen nicht immer so krass wie diesmal für Lewis Hamilton.