Hamilton gegen Verstappen in der Formel 1 Showdown mit Knalleffekt

Vor dem letzten Rennen der Formel-1-Saison stehen zwei Fahrer punktgleich an der Spitze – das gab es seit 1974 nicht mehr. Wird das Duell zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen durch einen Crash entschieden?
Lewis Hamilton und Max Verstappen beim Großen Preis von Saudi-Arabien

Lewis Hamilton und Max Verstappen beim Großen Preis von Saudi-Arabien

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GIUSEPPE CACACE / AFP

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»Ich glaube, es wird nicht eskalieren«, sagte der Mann, der zuvor sein Headset mit voller Wucht auf einen Tisch in der Boxengasse geschleudert hatte. »Das waren heute so viele Warnschüsse für alle Beteiligten, dass es sauber abgehen wird und sauber abgehen muss«, sagte Toto Wolff nach der chaotischen Grand-Prix-Premiere auf dem Dschidda Corniche Circuit weiter, und: »Es kann sich niemand leisten, mit einem Ergebnis dazustehen, das nicht auf der Strecke ausgefahren worden ist.«

Ob das seitens des Mercedes-Motorsportchefs eher Überzeugung oder Mantra ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Klar ist vor dem Saisonfinale der Formel 1 aber: Leisten kann es sich dann doch eher Max Verstappen.

Zwar gehen der Red-Bull-Pilot und Rivale Lewis Hamilton im Mercedes punktgleich (369,5) ins letzte Rennen in Abu-Dhabi am Sonntag (14 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL.de, TV: Sky), da Verstappen aber einen Rennsieg mehr eingefahren hat (9:8) wäre er Weltmeister, schieden beide aus.

Kommt der Crash, oder kommt er nicht? Die Frage stellt sich vermutlich das gesamte Fahrerlager sowie die Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer, spätestens seit Sonntag, als es beiden Rivalen nicht gelang, ohne Blechschäden die Position auf Ansage zu tauschen.

Max Verstappen nach dem Rennen in Saudi-Arabien: »Das ist nicht meine Formel 1«

Max Verstappen nach dem Rennen in Saudi-Arabien: »Das ist nicht meine Formel 1«

Foto: HOCH ZWEI / imago images/HochZwei

Was war passiert? Verstappen verließ die Strecke, um einen Hamilton-Angriff abzuwehren. Dass er wenig später den Briten deswegen passieren lassen musste, wussten zwar Verstappen und die Rennleitung, aber offenbar nicht Hamilton und Mercedes. In Runde 38 bremste Verstappen ab und fuhr nach rechts. Er hatte über Funk die Anweisung bekommen, den Positionswechsel »strategisch« durchzuführen, also noch vor dem folgenden DRS-Messpunkt, um anschließend eine direkte Gegenattacke fahren zu können.

Als Hamilton keine Anstalten machte, am Red Bull vorbeizugehen, bremste Verstappen stärker, Hamilton setzt an, links zu überholen und fährt dem Red Bull dabei ins Heck. Aus Hamiltons Kameraperspektive ist zu sehen, wie Verstappen bei dem stärkeren Bremsmanöver leicht auf der Strecke schlingert.

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Beide Fahrer wurden im Anschluss des Rennens, das Hamilton für sich entscheiden konnte, zu den Stewards vorgeladen. Erst kurz vor Mitternacht MEZ, also rund drei Stunden nach Passieren der Start-Ziel-Flagge, stand fest, dass die erteilte Zeitstrafe von zehn Sekunden für Verstappen nichts am Ergebnis änderte (er hatte im Ziel 15,7 Sekunden Vorsprung vor Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas). Die Rennkommissare beurteilten das zuletzt erfolgte abrupte Bremsmanöver Verstappens als Hauptursache für die Kollision, Hamilton hätte jedoch aus ihrer Sicht zuvor bereits überholen können.

Man verstehe aber, schrieben die Stewards, dass keiner der beiden Fahrer als Erster die DRS-Zone passieren wollten. Diese erleichtert dem dahinter fahrenden Fahrzeug die Möglichkeit zum Überholen.

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In das Ergebnis wollten sich die Stewards offenbar nicht einmischen. Einen Showdown, in dem zwei Fahrer mit der identischen Punktzahl ins Saisonfinale gingen, gab es überhaupt erst einmal: 1974 setzte sich McLaren-Fahrer Emerson Fittipaldi in den USA gegen Clay Regazzoni von Ferrari durch. Zum 30. Mal fällt seit dem Start der Rennserie 1950 die WM-Entscheidung im letzten Rennen.

Auch Hamilton wollte sich schon mal zur WM bremsen

Seit Nico Rosberg 2016 im teaminternen Mercedes-Duell den Titel im Finale vor Hamilton rettete, machte Hamilton die WM in jedem Jahr vorzeitig perfekt. Der Brite könnte sich am Sonntag mit acht Siegen der Fahrer-WM zum alleinigen Rekordhalter krönen. 2016 musste Rosberg bei einem Sieg Hamiltons nur Dritter werden. Der führende Hamilton versuchte genau das zu verhindern, indem er in den letzten Runden in Abu-Dhabi sein Tempo an der Spitze gegen die Teamorder stark reduzierte, in der Hoffnung, die auf Position drei und vier fahrenden Sebastian Vettel und Verstappen würden Rosberg noch attackieren.

Doch das Quartett fuhr in unveränderter Reihenfolge  wie an einer Perlenkette ins Ziel, Rosberg triumphierte.

Das Rennen hat auch Lewis Hamilton Kraft gekostet, bei der Siegerehrung gingen sich der Brite und Verstappen aus dem Weg

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Foto: HOCH ZWEI / imago images/HochZwei

Dass es nicht immer ohne Schäden am Auto zugeht in der Königsklasse, zeigten unter anderem Michael Schumacher und Damon Hill. Der Weltmeister von 1996 hatte gesagt, eine WM-Entscheidung durch eine Kollision wäre »traurig« für die Rennserie. 

Hill selbst war 1994 in Adelaide mit einem Punkt Rückstand vor Schumacher ins Saisonfinale gegangen, der Deutsche dominierte bis zur 36. Runde. Nach einem Fahrfehler rutschte er mit seinem Benetton von der Piste, der hinter ihm fahrende Hill wollte das nutzen und Schumacher überholen. Doch der verteidigte, beide Wagen kollidierten, der Benetton landete im Reifenstapel. Hill hätte nur noch als Fünfter das Ziel erreichen müssen, doch sein Williams-Renault war ebenfalls beschädigt, sein Rennen endete in der Box.

Schumacher holte seinen ersten Titel.

Zumindest in dem Wunsch nach einem fairen Ende des aktuellen WM-Kampfs sind sich Wolff und der Red-Bull-Teamchef einig: »Du willst auf der Strecke gewinnen und nicht bei den Stewards oder im Kiesbett«, sagte Christian Horner: »Es war das ganze Jahr über ein harter Kampf. Die beiden Fahrer haben fantastisches Racing gezeigt. Und ich hoffe, dass es in Abu Dhabi ein faires und sauberes Rennen gibt.«

Ob die Wirklichkeit dem Wunsche folgt, zeigt sich am Ende der Woche. Klar ist aber auch: Nicht jede WM wurde in der Formel 1 durch Höflichkeit geholt.

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