Formel E Der Traum vom sauberen Rennsport

Fia-Präsident Jean Todt will die Formel E einführen, eine umweltfreundliche Rennserie mit echtem Formel-1-Flair. Techniker halten die Idee für gefährlich, bei den Fahrern sorgt sie für Belustigung. Doch in Wahrheit geht es wohl gar nicht um sauberen Motorsport - sondern um Todts Wiederwahl.
Formul-E-Prototyp: "Der Wettbewerb wird sicherlich ein neues Publikum anziehen"

Formul-E-Prototyp: "Der Wettbewerb wird sicherlich ein neues Publikum anziehen"

Foto: REUTERS

Jean Todt hat eine Vision. Die Vision eines sauberen Rennsports. Umweltfreundlich und nachhaltig, leise. Kurz: die Formel E. Eine zeitgemäße Serie mit Elektroautos und Rennen in den Metropolen der Welt. "Dieser Wettbewerb im Herzen der Metropolen wird sicherlich ein neues Publikum anziehen", sagt Todt, Präsident des internationalen Automobildachverbandes Fia. Die Serie werde nicht nur große Unterhaltung bieten, sondern auch die Möglichkeit, einem jüngeren Publikum die Vorteile von sauberer Energie, Mobilität und Nachhaltigkeit nahezubringen, ist sich der 66-Jährige sicher.

In weniger als zwei Jahren soll die Elektro-Rennserie starten. Zehn Teams mit je zwei Fahrern sollen in der Formel E antreten. Bis 2016 könnten ein bis zwei weitere hinzukommen. Mindestens zehn Rennen soll die Serie umfassen, die Hälfte davon in Europa. Metropolen wie Berlin, Hongkong, Shanghai, Peking, Mumbai, Sydney, Kapstadt, Moskau, Mexico City, Miami und Los Angeles sind als Austragungsorte im Gespräch. Das Problem: Bislang soll es einzig mit Rio de Janeiro eine Einigung geben.

Gefahren wird mit Formel-Rennwagen, offenen, einsitzigen Autos mit freistehenden Rädern. Technische Daten sind schon bekannt: Der Formulec EF 01 soll von zwei, je 125 Kilowatt starken Elektromotoren angetrieben werden und auf eine Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde kommen. In etwa drei Sekunden beschleunigt das Auto von null auf hundert. Chassis und Karosserie sollen vom Mercedes-Formel-1-Team gebaut werden.

"Man hört die Motoren dann nicht mehr"

Etwa 20 Minuten soll das Auto im Renntempo unterwegs sein, bis der Akku leer ist. Dann muss der Fahrer an die Box, wo nicht etwa der Akku gewechselt wird, sondern der Pilot in einen anderen Boliden umsteigt. Dauern sollen die Rennen rund eine Stunde.

Todt gilt als Verfechter sauberer Antriebstechniken. Nach seiner Wahl zum Fia-Präsidenten im Oktober 2009 hat er sich für die Rückkehr des Energierückgewinnungssytems (Kinetic Energy Recovery System, Kers) in die Formel 1 starkgemacht. Er will auch Hybridantriebe in verschiedenen Rennserien einführen. Ginge es nach ihm, müssen Vettel, Alonso und Co. ab 2014 mit Elektromotor-Antrieb durch die Boxengasse fahren. "Zu gefährlich", blocken die Formel-1-Techniker diese Idee unisono ab: "Man hört die Motoren dann nicht mehr."

Ohnehin ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Formel E nie stattfinden wird. Denn hinter Todts Vision vermuten nicht wenige in der Formel-1-Szene reinen Populismus. Er wolle als Fia-Präsident wiedergewählt werden, heißt es hinter vorgehaltener Hand, da käme der ökologische Gedanke gerade recht.

Ecclestone stellt sich quer

Als Todts Hauptproblem gilt allerdings der 42 Jahre alte Alejandro Tarik Agag Longo. Der spanische Unternehmer erwarb die Vermarktungsrechte für die Serie. Agag hat in der Motorsportszene nicht den besten Ruf. 2009 erschien sein Name im Zusammenhang mit der Gürtel-Affäre, einem Korruptionsskandal in der konservativen spanischen Partei PP. Er stritt die Vorwürfe ab.

Agag pflegt intensive Kontakte zu den Entscheidungsträgern der Formel 1. Er war unter anderem involviert, als Flavio Briatore und F1-Chef Bernie Ecclestone Ende 2007 den englischen Fußballverein Queens Park Rangers kauften. Auch beim Sauber-Team wurde Agag öfter vorstellig. Er machte im Auftrag des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim Druck, damit Sauber Anteile an den Mexikaner verkauft.

Das Entscheidende ist aber: Agag gilt als Vertrauter und Strohmann von Ecclestone. Und der Brite, der gerade mit Fia-Präsident Todt einen erbitterten Kampf hinter den Kulissen um die künftigen Vermarktungsrechte der Formel 1 austrägt, hat kein Interesse daran, sich mit der Formel E eine Rennserie als Konkurrenzprodukt zu schaffen.

Bei den Piloten sorgt die Idee der geplanten Formel E mit Elektroautos höchstens für Erheiterung. "Wir würden keine Ohrstöpsel brauchen, was eine gute Sache wäre", sagt Ex-Weltmeister Jenson Button ironisch und fügt ernsthaft hinzu: "Der Sound ist doch das erste, was man mitbekommt, wenn man bei einem Rennen ist und ein Formel-1-Auto sieht." Sogar Todt-Freund Michael Schumacher, der gemeinsam mit ihm bei Ferrari arbeitete und fünf WM-Titel holte, findet den Gedanken seltsam: "Es wäre das erste Mal, dass wir die Zuschauer hören und nicht die Zuschauer uns."

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