Frentzens Brief an Schumacher "Ich glaube einfach nicht, dass Du schon genug hast"

Formel 1 ohne Schumi? Auch Heinz-Harald Frentzen kann es kaum fassen: "Deinen Ausstieg aus der Formel 1 kann ich nicht nachvollziehen", schreibt er in einem Brief zum Abschied des Rekordweltmeisters - exklusiv auf SPIEGEL ONLINE. Ein Comeback würde ihn nicht überraschen.


Lieber Michael,

wir kennen uns jetzt seit rund 25 Jahren. Irgendwann Ende 1981 war es, glaube ich, als wir uns das erste Mal auf der Kartbahn in Kerpen getroffen haben. Du warst früher schon der Lokalmatador dort, und ich habe Dich als richtig ehrgeizigen Spund in Erinnerung. Wir sind beide mit einer gesunden Wettkampfeinstellung an den Start gegangen. Viel geredet wurde damals nicht, höchstens mal während der Mittagspause an der Frittenbude. Da standen dann meist auch unsere Eltern dabei.

Im Grunde aber waren wir damals schon Konkurrenten, obwohl wir nie aneinander geraten sind. Aber es war vollkommen klar, dass Du schon damals mit einem enormen Eifer bei der Sache warst. Auf mich wirkte es so, dass Du mit einer gehörigen Portion Druck Kart gefahren bist.

Dein großer Ehrgeiz hat wohl auch dazu geführt, dass Du Deine Qualitäten optimal entwickeln konntest. Inzwischen kommt noch ein riesiger Erfahrungsschatz dazu, das ist schon eine einmalige Mischung. Dein stetiger Erfolgshunger war es wohl auch, der Dir zu einer Extraportion Speed verholfen hat. Durch diese Kombination von Ehrgeiz, Können und Erfahrung bewegst Du Dich nun auf einem Level, der für viele Motorsportler nur sehr schwer zu erreichen ist.

Was mich immer wieder überrascht ist Deine Bereitschaft zum Risiko, Dein scheinbar unstillbares Verlangen nach Erfolg. Wenn ich zum Beispiel an die umstrittene Szene im Qualifying in Monaco in dieser Saison zurückdenke – da war ich platt. Solche Aktionen zeigen glaube ich sehr gut, wie Du gestrickt bist. Plakativ ausgedrückt würde ich sagen: Du bist ein Sieger-Krieger.

Konkurrenten seit 25 Jahren: Frentzen und Schumacher.
Getty Images

Konkurrenten seit 25 Jahren: Frentzen und Schumacher.

Deinen angekündigten Ausstieg aus der Formel 1 kann ich nicht nachvollziehen. Ich glaube einfach nicht, dass Du schon genug hast. Soweit ich Dich kenne, liebst Du den Motorsport, und deshalb vermute ich, der Abschied ist eine Vernunftentscheidung. Eine emotionale Begründung jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen. Ehrlich gesagt würde es mich nicht überraschen, wenn Du eines Tages wieder in ein Renncockpit steigst. Ich denke schon, dass Du in irgendeiner Form am Motorsport festhalten wirst, denn da kommst Du her, das hat Dich geprägt. Der Motorsport war und ist Deine unerschöpfliche Energiequelle.

Die Chance, dass Du am Sonntag zum achten Mal Formel-1-Weltmeister wirst, lag statistisch gesehen bei vielleicht zwanzig Prozent. Ich habe Dir die Daumen gedrückt. Und wenn ich Dir ein Abschiedsgeschenk machen würde, dann wäre es wahrscheinlich eine kleine, hübsche Skulputur – nämlich ein Bleifuß. Irgendwann werden wir uns sicher wieder einmal über den Weg laufen.

Bis dahin alles Gute,
Heinz-Harald Frentzen

aufgezeichnet von Jürgen Pander



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