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15. November 2010, 17:13 Uhr

Geldsegen nach Formel-1-Titel

"Vettel hat die Lena-Chance"

Von Florian Haas

Jung, dynamisch, unverbraucht und bald viel reicher: Marketing-Professor Markus Voeth sagt Weltmeister Sebastian Vettel eine goldene Zukunft als Werbe-Ikone voraus. Vettels größter Vorteil sei es, wenig mit dem jungen Michael Schumacher gemeinsam zu haben.

Es ist kaum zu glauben aber wahr: Sebastian Vettel hat keinen Manager. Die überschaubare Fan-Kollektion vertreibt er über seine Internetseite, als Werbefigur ist der neue Formel-1-Weltmeister bisher kaum in Erscheinung getreten. Laut einer Studie kannten ihn bis vor kurzem nur gut die Hälfte der Deutschen.

Das ändert sich jetzt, sagt Markus Voeth, Marketing-Professor an der Universität Hohenheim.

Der 23-Jährige habe mit dem WM-Titel seinen Werbewert enorm erhöht und blendende Aussichten, sich den sportlichen Erfolg versilbern zu lassen. "Er ist wie Phönix aus der Asche aufgestiegen", sagt Voeth. "Deshalb wird Vettel in den nächsten Tagen viele Anrufe bekommen."

Laut Voeth werden nun viele Firmen Vettel künftig für Werbekampagnen buchen wollen. Gründe gibt es nach Ansicht des Werbe-Experten viele: Vettel wirke jugendlich, dynamisch, unverbraucht. Besonders interessant mache ihn sein Alter. Sein Image sei eher unbesetzt, seine Persönlichkeit noch nicht ausgereift - das mache ihn interessant für Firmen aus unterschiedlichsten Branchen und zum potentiellen Werbeträger "für alles vom Haarwaschmittel bis zu Ernährungsprodukten", so Voeth.

Etablierte und traditionsbewusste Marken täten sich zwar keinen Gefallen mit der Werbefigur Sebastian Vettel, glaubt Voeth. Aber gerade die Verantwortlichen bei dynamischen und jungen Marken sollten darüber nachdenken, dem bisher jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte ein Angebot vorzulegen: "Man müsste sich womöglich gar nicht fragen: 'Passt er zu uns?' Sondern: 'Können wir ihn passend machen?'"

Anderer Charakter als Michael Schumacher

Genau das sei der Unterschied zum jungen Michael Schumacher, mit dem Vettel laut Voeth keine Gemeinsamkeit hat. Schumacher habe von Karrierebeginn an für bedingungslose Erfolgsorientierung gestanden, notfalls einen Gegner ins Kiesbett geschubst. "Die Charakterzüge sehe ich bei Vettel nicht."

Für einen Vermarktungserfolg spreche zudem die Sportart. Die Formel 1 hat in Deutschland einen hohen Stellenwert und lenkt als Individualsport die Aufmerksamkeit stark auf den Fahrer, sprich: den Werbeträger. Willi Weber, langjähriger Manager von Michael Schumacher, glaubt sogar, dass sich Vettels Marktwert durch den WM-Titel um das Zehnfache gesteigert habe.

Ob der Wahl-Schweizer Vettel diesen Imagegewinn nutzen wird, um seinen Kontostand signifikant zu erhöhen, ist jedoch fraglich.

Bislang hat der neue Weltmeister kaum Interesse an Werbe-Auftritten gezeigt. Im Gegenteil. Vettel hat stets betont, keinen Manager zu benötigen. Exklusivverträge mit Red Bull könnten interessierten Unternehmen den Zugang zu ihm erschweren. Und auch Marketing-Professor Voeth sieht trotz aller Zuversicht Unwägbarkeiten. Er sagt: "Eine enttäuschende Platzierung in der kommenden Saison kann alle Werbe-Aktivitäten zunichtemachen." Zudem sei der Last-Minute-Triumph von Abu Dhabi überraschend, aber in den Augen einiger womöglich etwas glücklich gewesen. Außerdem sei Vettel im Unterschied zu Tennislegende Boris Becker oder Michael Schumacher nicht der erste Deutsche, der es in einer Sportart ganz nach oben geschafft hat. "Das nimmt der Leistung aus sporthistorischer und marketingtechnischer Sicht an Dimension."

"Vettel darf keine Eintagsfliege bleiben"

Vettel müsse seinen Erfolg zudem in den kommenden Jahren bestätigen. Denn um es zur Werbe-Ikone und zum Markensymbol zu schaffen, sei nachhaltiger Erfolg unabdingbar. "Er muss schauen, dass er keine Eintagsfliege bleibt", sagt Voeth und ergänzt: "Vettel hat die Lena-Chance: Lande ich einen Hit oder beweise ich, dass ich langfristig oben dabei sein kann?"

Allerdings sei auch das kein Garant für ewigen Erfolg. Michael Schumacher ist für Voeth der Verlierer der Saison. Zum einen sei er in der Fahrerwertung nur Neunter geworden, zum anderen ist ein anderer Deutscher Weltmeister geworden. "Das hat viel Markenwert vernichtet." Schumacher habe sich mit der Rückkehr in die Formel 1 keinen Gefallen getan, sagt Voeth. Die Zuschauer hätten gesehen, dass er nicht an Leistungen von früher anknüpfen kann; noch dazu gäbe es mit Vettel nun einen legitimierten Nachfolger. "Das hat Schumacher schwer beschädigt."

Ein großer Gewinner ist dagegen neben der Sportart auch RTL. Im Schnitt sahen gut 6,3 Millionen Zuschauer zu, gut eine Million mehr als im Vorjahr. Der Marktanteil stieg auf über 40 Prozent. Es war die stärkste Formel-1-Saison seit 2006 für RTL. Auch dank Vettel. Dementsprechend überschwänglich lobte Sportchef Loppe den neuen Weltmeister. "Die Autonation Deutschland hat einen neuen Helden."

Und womöglich einen neuen Werbestar.

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