Gescheiterter FIA-Chef Mosley Kapitulation eines Kämpfers

Sein Anspruch auf Alleinherrschaft ist endgültig gescheitert: Der Rückzug des Fia-Chefs Mosley rettet die Formel 1 vor dem Zerfall, nun triumphieren die etablierten Rennställe. Die Niederlage des Briten beendet eine fast zwanzigjährige Amtszeit, in der oft gestritten, aber auch viel erreicht wurde.

Von Frieder Schilling


Es ist tatsächlich vorbei. Der Streit in der Formel 1 ist beigelegt, der Sport soll wieder im Vordergrund stehen. Alles jubelt. Bis auf einen. Max Mosley, noch bis Oktober Präsident des Automobilweltverbands, hat verloren. Seine erste große Niederlage in 18 Jahren als Leitwolf der Fia ist gleichzeitig seine einzige von Bedeutung. Sie beendet seine Karriere als Funktionär, sichert jedoch den Fortbestand der populärsten Motorsportserie der Welt. Die Ankündigung des Briten am Mittwochmittag, auf eine erneute Kandidatur zu verzichten, war der einzige Weg, die Formel 1 in ihrer jetzigen Bauweise am Leben zu erhalten.

Hermann Tomczyk, einziger Deutscher im World Motor Sport Council der Fia, beschrieb die Stimmung in der Pariser Sitzung als "sachlich und ergebnisorientiert". Der Sportpräsident des ADAC übte aber auch Kritik an den Geschehnissen der zurückliegenden Monate. "Es hat der Sache sicherlich geschadet, dass von vornherein starre Positionen nach außen getragen wurden und sich die ganze Diskussion dann über die Medien abgespielt hat", sagte Tomczyk SPIEGEL ONLINE. "Hier wäre eine bessere Abstimmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit sicherlich zielführender gewesen."

Sieger sind die etablierten Rennställe, zusammengeschlossen in der Fota, die von der Fia laut Tomczyk nach wie vor "nicht als Gegner, sondern als Partner" betrachtet wird. Der konsequente Zusammenhalt von Ferrari, McLaren-Mercedes, BMW, Renault, Toyota, Red Bull, Toro Rosso und Brawn GP ließ Mosley letztlich scheitern. Dessen beabsichtigten Regeländerungen für die kommende Saison, vor allem die Budgetgrenze in Höhe von 45 Millionen Euro, riefen schnell massiven Widerstand der Rennställe hervor. Alle Treffen zur Kompromissfindung endeten ergebnislos.

Es folgte vergangenen Freitag die Ansage der Fota, eine selbständige Rennserie ins Leben zu rufen. Mosley drohte kurz damit die Teams zu verklagen, sprach noch am Dienstag von "einem Angriff auf das Recht der Fia, die Formel-1-Weltmeisterschaft zu regulieren". Aggressiver Überlebenskampf oder letzte Zuckungen im Bewusstsein des unvermeidlichen Untergangs?

Die Fota jedenfalls jubelt. Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug sagte: "Das ist ein großartiger Erfolg für die Formel 1" und prognostizierte im Stile eines Siegers: "Ohne die Konfrontationen der letzten Monate wird unser Sport noch viel besser werden." Kurz nach der Sitzung veröffentlichte die Fia die endgültige Starterliste für 2010. Sie entspricht der vorläufigen, die bereits vor zwölf Tagen von Mosley bekanntgegeben wurde.

Fia-Liste für Saison 2010

Brawn GP
Red Bull Racing
Toyota
Ferrari
McLaren-Mercedes
Williams
Renault
BMW Sauber
Toro Rosso
Force India
Campos (neu)
Manor (neu)
US F1 (neu)
Alle 13 Rennställe werden nun ein weniger geändertes Regelwerk vorfinden, als es Mosley gerne gesehen hätte. "Im nächsten Jahr wird im wesentlichen nach den gleichen Regeln gefahren wie 2009", bestätigte Tomczyk SPIEGEL ONLINE. In der den monatelangen Streit beherrschenden Frage um eine Budgetgrenze habe man sich auch geeinigt: "Es wurde einvernehmlich ein Weg zur Kostenreduzierung vereinbart. Man will Ende 2011 auf das Niveau der neunziger Jahre zurückkehren", so Tomczyk. Konkrete Zahlen aber gibt es noch nicht.

In die große Freude über die gesicherte Zukunft der Formel 1 und die Abdankung Mosleys hinein muss jedoch auch an die Leistungen des 69-Jährigen erinnert werden. 1991 übernahm er - per Kampfabstimmung - den Vorsitz der Fisa, aus der zwei Jahre später die Fia hervorging. Es folgte 1994 das schwarze Wochenende der Formel 1, als der Brasilianer Ayrton Senna und der Österreicher Roland Ratzenberger in Imola tödlich verunglückten. Mosley setzte sich fortan vehement für mehr Sicherheit ein.

Fia World Motor Sport Council
Das World Motor Sport Council der Fia besteht aus insgesamt 26 Personen, mit Fia-Präsident Jean Todt an der Spitze. Zudem gehören unter anderem Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone sowie ein Vertreter von Ferrari stellvertretend für die Hersteller zum World Council. Das Gremium ist innerhalb der Fia zuständig für die Verwaltung des internationalen Motorsports, die kontinuierliche Verbesserung der Sicherheitsstandards in allen Bereichen des Motorsports, die Einführung von Reglements für alle Formen des Motorsports und Serien rund um die Welt sowie die generelle Entwicklung des Motorsports, besonders im Jugendbereich und in den Entwicklungsländern. Das World Council verabschiedet beispielsweise unter anderem die Regeln und den Terminkalender der Formel 1.
(sid)
Die enorm widerstandsfähigen Monocoques (Cockpitzellen) wurden eingeführt, ein System zur Sicherung des Nackens der Piloten (HANS), auf vielen Strecken weite Auslaufzonen geschaffen. Und seine oftmals gegen den Widerstand vieler Teams durchgesetzten Maßnahmen zeigten Erfolg: Bis heute hat es keinen tödlichen Unfall bei den Fahrern in der Formel 1 mehr gegeben. Eine beeindruckende Statistik, bedenkt man, dass bis 1994 über 30 Piloten ihr Leben im Rennauto ließen.

Errungenschaften, die niemand bestreiten wird. Was Mosley über die Jahre seiner Regentschaft hinweg angreifbar machte, war sein Führungsstil. Der Rechtsanwalt trat oft arrogant auf, setzte seine Ideen und Entscheidungen gegen jeden Widerstand durch. Beispielsweise bei der Spionageaffäre um Ferrari und McLaren-Mercedes. Trotz unklarer Beweislage setzte die 100-Millionen-Dollar-Strafe durch. Damit der deutsch-britische Rennstall diese akzeptierte, drohte Mosley damit, weitere Details ans Licht zu bringen, die sogar den Ausschluss von McLaren-Mercedes hätten bedeuten können.

Seine Unnachgiebigkeit und seinen Machtanspruch demonstrierte Mosley auch im Zuge der sogenannten Sexvideo-Affäre 2008. Rücktrittsforderungen prasselten nur so auf ihn ein, sogar Formel-1-Vermarkter und Freund Bernie Ecclestone riet zum Rückzug, Mosley aber war nicht zu vertreiben. Dem SPIEGEL sagte Mosley im März 2009, seine Position sei nach der Affäre "stärker als früher". Da hatte er bereits die Vertrauensfrage gestellt und eine große Mehrheit in der Fia erhalten. 103 der 169 stimmberechtigten Mitglieder votierten damals für ihn.

Sein letzter großer Sieg.

Mit Material der dpa

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