GP von Deutschland Das verrückteste Rennen der Saison

Startunfälle, Ausfall von Michael Schumacher, ein Fan, der die Strecke stürmte, Safetycar, Alesis Highspeed-Crash, verpatzte Boxenstopps, kaputte Reifen, ein Finale im Wolkenbruch und ein siegreicher Rubens Barrichello als absoluter Held. Das Rennen von Hockenheim ließ die Herzen der Motorsportfans höher schlagen.


Während die Silberpfeile frei Fahrt haben, machen Michael Schumacher und Giancarlo Fisichella Bakanntschaft mit dem Kiesbett
AFP

Während die Silberpfeile frei Fahrt haben, machen Michael Schumacher und Giancarlo Fisichella Bakanntschaft mit dem Kiesbett

Hockenheim - Der Fluch der ersten Kurve hat Michael Schumacher ausgerechnet beim "Heimspiel" in Hockenheim um ein Haar die WM-Führung gekostet und seinem Teamkollegen Rubens Barrichello den ersten Sieg seiner Formel-1-Karriere beschert. Während Schumacher bereits nach wenigen Metern von dem Italiener Giancarlo Fisichella im Benetton regelrecht "abgeschossen" wurde, nutzte "Rubinho" im "Rennen meines Lebens" vom 18. Startplatz aus die Gunst der Stunde und behielt im strömenden Regen auf fast profillosen Slicks den Durchblick. Für einen Skandal sorgte ein offenbar geistig verwirrter Mann, der minutenlang neben der Strecke stand und die Piste vor den fahrenden Autos überquerte, ehe er von Sicherheitskräften überwältigt wurde.

Barrichellos Triumph war der erste Sieg eines brasilianischen Formel-1-Fahrers seit Ayrton Senna am 7. November 1993 in Adelaide. "Rubinho" ist damit plötzlich sogar zum Titelkandidaten geworden. "Ich möchte diesen Sieg Ayrton widmen, denn er hat mein Leben verändert. Es ist ein guter Tag, um an ihn zu denken", stammelte ein von Emotionen überwältigter Barrichello und erinnerte an den am 1. Mai 1994 in Imola tödlich verunglückten Nationalhelden Senna.

Rubens Barrichello. Tränenüberströmt auf dem Siegerpodest
DPA

Rubens Barrichello. Tränenüberströmt auf dem Siegerpodest

In der WM-Wertung behielt Schumacher dank Barrichello, der die Mercedes-Silberpfeile von Weltmeister Mika Häkkinen (Finnland) und David Coulthard (Schottland) auf die Plätze zwei und drei verwies, auch im elften von 17 WM-Läufen mit 56 Zählern die Führung vor den punktgleichen Häkkinen und Coulthard (beide je 54). Barrichello darf sich als Vierter (46) ebenfalls noch Titelhoffnungen machen.

14 Tage nach der Kollision mit dem Brasilianer Ricardo Zonta in Zeltweg wurde Schumacher beim Chaos-Grand-Prix von Deutschland vom italienischen Benetton-Piloten Giancarlo Fisichella nach nur 500 Metern "abgeschossen". Geisterstimmung machte sich nach dem Ausfall des zweimaligen Weltmeisters aus Kerpen unter der Mehrzahl der 84.000 Zuschauer breit, in der Ferrari-Box schlugen die Mechaniker und Schumi-Manager Willi Weber fassungslos die Hände vors Gesicht.

Stocksauer machte sich Schumacher zurück auf den Weg ins Fahrerlager. "Wieder mal hat mich jemand von hinten rausgeschoben. Ich hatte nicht mal die Möglichkeit, ins Rennen einzugreifen. Die Fahrer hinter einem müssen eigentlich aufpassen, was man macht. Er kann nicht einfach im gleichen Moment rüberfahren wie ich. Er ist hinten und muss schauen. Wenn überhaupt, muss Fisichella früher einlenken", sagte Schumacher. Die Entschuldigung des Italieners konnte Schumi nicht beruhigen: "Das hilft mir nicht viel. Beim ersten Mal kann man es abhaken, doch beim zweiten Mal geht das einem schon tierisch auf den Keks. Vielleicht bin ich wieder der Schuldige. Das scheint sich ja inzwischen einzubürgern."

Fisichella konnte Schumachers Kritik nicht verstehen und wies die Schuld von sich. "Es tut mir zwar leid für Michael, doch es war nicht mein Fehler. Ich hatte einfach keinen Platz zum Ausweichen", sagte der Italiener und machte dem Deutschen seinerseits Vorwürfe: "Er sollte damit aufhören, beim Start Zickzack zu fahren, dann wäre dieser Crash vielleicht nicht passiert. Ein Spurwechsel ist okay, aber nicht zwei oder drei."

Auch Mercedes-Sportchef Norbert Haug, sonst als "Schumi-Fan" bekannt, ließ leise Kritik am Fahrstil des Kerpeners anklingen: "Ich tue mich schwer damit, Fisichella einen Fehler nachzusagen." Der dreimalige Weltmeister Niki Lauda wurde deutlicher: "Fisicho hatte keine Chance. Er konnte nirgends hin, als auf Schumacher aufzufahren. Das war ein ganz normaler Rennunfall. Wenn Michael sich die Szene später auf Video ansieht, wird er sicher eine Mitschuld feststellen."

Die Ferrari-Ehre rettete überraschend Barrichello, der unter normalen Umständen nie gewinnen darf, solange "Chef-Pilot" Schumi noch im Rennen ist. Barrichello lieferte im 123. Grand Prix seiner Karriere eine fahrerische Meisterleistung, nahm im Parc Ferme die Glückwünsche des strahlenden Schumacher entgegen und weinte bei der Siegerehrung wie ein kleines Kind in die brasilianische Fahne, die er fest umklammert hielt. "Rubinho" fuhr trotz strömenden Regens auf profillosen Slicks weiter, während der bis dahin führende Häkkinen sofort Regenreifen aufziehen ließ. Der Finne musste sich nach insgesamt 45 Runden mit einem Rückstand von 7,4 Sekunden mit dem zweiten Platz begnügen.

Vierter hinter Coulthard wurde der Engländer Jensen Button im Williams-BMW. Ralf Schumacher kam als einziger deutscher Fahrer ins Ziel, verfehlte als Siebter im Williams-BMW knapp die Punkteränge. Der Mönchengladbacher Heinz-Harald Frentzen musste nach starker Leistung auf ebenfalls profillosen Slicks auf der regennassen Strecke in Runde 39 mit einem Elektronik-Defekt seines Jordan an dritter Stelle liegend aufgeben. Auch Prost-Pilot Nick Heidfeld (Mönchengladbach) kam nicht ins Ziel.

Für Schumacher war es der vierte Ausfall in den letzten fünf Rennen. Der Kerpener, der nach bislang fünf Siegen seit dem Saisonstart die Spitzenposition behauptet, wurde damit auch in seinem fünften Anlauf aus allen Träumen gerissen, erstmals das "Heimspiel" mit Ferrari zu gewinnen. 1995 triumphierte Schumacher als erster Deutscher in Hockenheim - damals allerdings noch mit Benetton.



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