GP von Japan Showdown auf der Achterbahn

Am Sonntag kann Michael Schumacher zum dritten Mal Formel-1-Weltmeister werden und eine über zwanzig Jahre andauernde Dürre im Ferrari-Lager beenden. Während Konkurrent Mika Häkkinen einen Kurzurlaub auf Hawaii einlegte, hat der Kerpener zusätzliche Trainingseinheiten absolviert.


Michael Schumacher: Haben ihn die höheren Formel-1-Mächte auf der Rechnung?
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Michael Schumacher: Haben ihn die höheren Formel-1-Mächte auf der Rechnung?

Suzuka - Ein Sieg oder wenigstens zwei Punkte mehr als sein Rivale Mika Häkkinen - und Michael Schumacher wäre schon am Sonntag am Ziel seiner Träume. "Ich würde gerne schon in Suzuka den Sack zu machen", kündigte der zweimalige Champion aus Kerpen vor dem möglicherweise titelentscheidenden Großen Preis von Japan (7.30 Uhr MESZ/live in RTL und Premiere World) an. Auf ein dramatisches Saisonfinale wie in den vergangenen beiden Jahren in Fernost könnte der 31-Jährige gut und gern verzichten. Am liebsten würde der WM-Spitzenreiter jetzt auf der "Achterbahn" im Freizeitpark von Suzuka ohne großes Auf und Ab "das Ding nach Hause fahren".

"Die Vorzeichen stehen gut", sagte Schumacher angesichts seiner komfortablen acht Punkte Vorsprung auf den finnischen McLaren-Mercedes-Konkurrenten zuversichtlich. Zugleich warnte er jedoch vor überzogener Euphorie. "Jeder hat gesehen, was Mika in Indianapolis passiert ist: Sollte ich jetzt ausfallen und er gewinnen, wäre die ganze Situation wieder umgekehrt."

Auch aus der Sicht von Jordan-Pilot Heinz-Harald Frentzen ist das Rennen noch völlig offen. "Der vermeintliche psychologische Vorteil von Schumacher ist trotz seines Vorsprungs nicht überzubewerten, denn Mika hat nichts mehr zu verlieren. Er muss aufs Ganze gehen. Und in der Vergangenheit hat er mehrfach bewiesen, dass er das auch kann." Sollte Häkkinen in Japan wirklich gewinnen, darf Schumacher seine Hoffnungen wenigstens zwei weitere Wochen am Leben halten. "Sollte es in Japan nicht klappen, habe ich in zwei Wochen später in Malaysia noch eine Möglichkeit", gibt der Ferrari-Pilot zu, dass er insgeheim alle theoretischen Möglichkeiten geprüft hat.

Dem Traum, als erster Pilot seit Jody Scheckter 1979 wieder die Fahrerkrone nach Maranello zu holen und danach seinen "Pass wegwerfen zu können", wie es sein Manager Willi Weber einmal ausgedrückt hat, war Schumacher in den letzten Jahren vergeblich hinterhergelaufen. 1996 (WM-Dritter hinter dem Williams-Duo Damon Hill und Jacques Villeneuve) war der Ferrari trotz dreier Schumi-Siege noch nicht konkurrenzfähig. 1997 scheiterte Schumacher im "Rammstoß-Finale" von Jerez an Villeneuve, 1998 im Saisonfinale in Suzuka an Häkkinen und einem geplatzen Hinterreifen. Im letzten Jahr hatte ein Beinbruch den Kerpener im WM-Rennen entscheidend gestoppt, Häkkinen setzte sich in Suzuka gegen Schumachers Teamkollegen Eddie Irvine durch.

Um den Sieg in Japan zu erringen, hat der Ferrari-Star zuletzt noch zusätzlichen Stress auf sich genommen. Während WM-Rivale Häkkinen nach dem Ausfall in Indianapolis ein paar Tage auf Hawaii ausspannte, absolvierte Schumacher in Mugello Testfahrten. "Ich habe noch keine Zeit für Ferien, ich will Weltmeister werden, und dafür muss ich arbeiten. Noch haben wir den Titel nicht endgültig in der Tasche", sagt Schumacher, der sich nach zusätzlichen Fernseh- und PR-Terminen am Sonntagnachmittag auf den Weg nach Japan gemacht hatte: "Ich bin schon ein bisschen gestresst, aber das, und noch viel mehr, nehme ich gerne in Kauf, um den Titel endlich wieder nach Maranello zu holen."

Dass Schumacher das schafft, davon ist auch sein "Vorgänger" Scheckter überzeugt. "Es war schön, so viele Jahre den Titel 'Letzter Ferrari-Weltmeister' zu tragen. Aber ich schätze, den werde ich jetzt verlieren", erklärte der Südafrikaner englischen Medien: "Schumacher verdient den Titel, er und das Team haben in diesem Jahr so hart gearbeitet."

Lobeshymnen hin oder her: Ein Spaziergang wird der Grand Prix von Japan für Schumacher nicht. In den letzten beiden Jahren in Japan war Mika Häkkinen das Maß der Dinge. Jetzt peilt der Silberpfeil-Pilot dort den dritten Sieg in Folge an, um seine Chance auf die Titelverteidigung zu wahren. Denn gewinnt der Finne am Sonntag das Rennen oder landet er vor Schumacher, fällt die WM-Entscheidung auf jeden Fall erst im letzten Rennen am 22. Oktober in Malaysia. "Ich habe eine spezielle Beziehung zu Japan, hier habe ich meine beiden WM-Titel gewonnen, hier stand ich 1993 zum ersten Mal auf dem Siegerpodest. Diese Rennstrecke hat mir immer Glück gebracht", sagt Häkkinen.

Seinen Ausfall wegen eines Motorschadens in Indianapolis, den ersten nach zwölf Rennen in Folge in den Punkten, hat der "Fliegende Finne" gut weggesteckt. "In dieser Phase der WM wäre es reine Energieverschwendung, sich über einen solchen Ausfall unverhältnismäßig aufzuregen", sagte er der Fachzeitung "Motorsport aktuell": "Nichts ist verloren. Acht Punkte Rückstand, das sieht nach einer ganzen Menge aus. Aber ich lag schon einmal 24 Punkte zurück, das sah nach einer erheblich größeren Menge aus. In dieser Saison gab es so viele unerwartete Wendungen, dass die acht Punkte so gut wie nichts bedeuten."

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