GP von Malaysia Der Feind im eigenen Haus

Vor dem zweiten Rennen der Formel-1-Saison hat sich BMW-Sauber als dritte Kraft hinter Ferrari und McLaren-Mercedes etabliert. Doch der Rennstall steht unter Druck, denn der zweite Anlauf zum Titel muss sitzen. Ein Fahrer hofft bereits auf den ersten Sieg.

Von Jörg Schallenberg


Wie schnell es eigentlich gehen soll, darüber ist man sich bei BMW-Sauber nicht immer einig. Fragt man beispielsweise den Motorsportchef, die Fahrer und einen Sprecher des Rennstalls, ab wann denn mit Siegen und Titeln in der Formel 1 zu rechnen ist, erhält man zur Zeit ziemlich unterschiedliche Angaben. Doch optimistisch geben sich alle: Irgendwann zwischen 2008 und 2010 soll der Weltmeister weiß-blau tragen, und der erste Sieg könnte, zumindest nach Meinung von Nick Heidfeld, bereits am kommenden Sonntag beim Großen Preis von Malaysia (9 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) fällig sein.

BMW-Piloten Heidfeld (l.), Kubica, Chef Theissen (M.) in Malaysia: Es darf nur aufwärts gehen
AFP

BMW-Piloten Heidfeld (l.), Kubica, Chef Theissen (M.) in Malaysia: Es darf nur aufwärts gehen

Zwei Gründe sprechen tatsächlich dafür: Im feuchtheißen Klima von Sepang müssen die Piloten mitunter mit extremen Wetterkapriolen fertig werden. "Ich habe dort schon unglaubliche Wolkenbrüche erlebt" sagt Heidfeld, "dann steht sofort alles unter Wasser." Wie weiland Michael Schumacher gilt der 29-Jährige als Liebhaber rutschiger Pisten. Wobei die wahre Kunst bei schlechtem Wetter ohnehin darin besteht, vorbeischliddernden Konkurrenten vom Typ Takuma "Ist es nass, geb ich richtig Gas" Sato auszuweichen.

Der zweite Grund besteht in der drohenden Strafversetzung von Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen. Wenn dessen Motor, wie von den Mechanikern befürchtet, nach dem Freitagstraining ausgetauscht werden muss, rutscht der Sieger von Melbourne beim Start um zehn Plätze nach hinten. Dann stünden einem Erfolg von BMW-Sauber eigentlich nur noch die McLaren-Mercedes im Wege, bei denen das eine oder andere Mal ja schon eine Panne vorgekommen sein soll.

Doch abseits aller Wenns und Abers besteht die wahre Überraschung dieser Saison darin, wie weit BMW in der Aufbauphase nach dem Partnerwechsel von Williams zu Sauber 2006 bereits gekommen ist. In seltener Eintracht lobten die Medien den Rennstall nach Melbourne zur "dritten Kraft" in der Formel 1 empor, was nicht nur bedeutete, dass man den schwächelnden Weltmeister Renault, sondern auch namhafte und finanziell stärkere Konkurrenten wie Toyota und Honda etwas überraschend abgehängt hat.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE führte Motorsportchef Mario Theissen jüngst die Vorteile seines Teams auch auf "enge Verbindungen zwischen Renntechnologie und Serientechnologie" zurück – im Gegensatz zu den weiten Wegen beim ewigen Geheimfavoriten Toyota, dessen Konzernzentrale in Tokio, die Formel-1-Filiale jedoch in Köln residiert. Allerdings ist man beim japanischen Rennstall offenbar mittlerweile auch zu der Erkenntnis gekommen, dass die mäßigen Ergebnisse möglicherweise nicht nur am Auto liegen. Schon meldet die "Bild", dass Toyota Heidfeld ein Angebot für 2008 unterbreitet habe, dass in gewohnter Klotzigkeit wesentlich besser dotiert sein soll als die schlappen 7,5 Millionen Euro Jahresgehalt bei BMW.

Heidfeld dürfte dieses Gerücht gerade recht kommen, obwohl die Chancen, bei Toyota in den kommenden Jahren einen Titel zu gewinnen, knapp unter Null liegen. Zwar traut Theissen seinem Fahrer zu, Weltmeister zu werden, dennoch ist der WM-Neunte des Vorjahres intern nicht unumstritten. Auf Nachfragen, ob BMW denn mit Heidfeld für die kommenden Jahre plant, gibt sein Chef keine eindeutigen Antworten. Dass mit Sebastian Vettel das wohl größte deutsche Rennsporttalent bereits in den Startlöchern steht, sorgt beim weiß-blauen Rennstall für eine latent angespannte Atmosphäre.

Bereits zu Saisonbeginn äußerte sich Heidfeld kritisch darüber, dass Vettel stets beim Training am Freitagmorgen ans Steuer darf, schließlich mangele es dem 19-Jährigen an Erfahrung, zudem gehe den Stammpiloten damit Übungszeit verloren. Theissen sagte SPIEGEL ONLINE zu dieser Kritik: "Was die Freitagsfahrer angeht, da haben Nick und ich eine unterschiedliche Meinung. Das wurde aber ganz konstruktiv besprochen. Ich sehe es so: Wenn ein Rennfahrer nicht das Bedürfnis hätte, immer im Auto zu sitzen, dann würde ich die Stirn runzeln. Aber das wird offen besprochen und dann auch akzeptiert."

Beigelegt ist der Disput damit allerdings nicht. Heidfeld weiß, dass er in diesem Jahr unter besonderer Beobachtung steht, zumal sein Kollege Robert Kubica neben Vettel und McLaren-Mercedes-Neuling Lewis Hamilton ebenfalls zu den ganz großen Hoffnungen der Formel 1 für die Zukunft zählt. Verständlich, dass es ihm angesichts dieser Situation mit dem Siegen nicht schnell genug gehen kann, während an anderer Stelle im Team Wert darauf gelegt wird, nicht zu früh zu hohe Erwartungen zu wecken.

Denn nicht nur Heidfeld, sondern auch sein Arbeitgeber steht unter Druck. Gemein betrachtet ist BMW seit dem Einstieg in die Formel 1 im Jahr 2000 keinen Schritt weiter gekommen. Bereits in der Debütsaison platzierte sich das Team auf Rang drei – hinter Ferrari und McLaren-Mercedes. Danach ging es steil aufwärts, bis 2003 der Konstrukteurstitel nur um 14 Punkte verfehlt wurde (144 zu 158 gegenüber Ferrari). Der Sprung nach oben aber blieb aus, Renault und Toyota zogen vorbei. Die Hauptkritik für den Abstieg traf jedoch die Konstrukteure von Williams.

Nach der Trennung und der Sauber-Übernahme liegt alle Verantwortung bei Theissen und BMW. Der zweite Anlauf auf den Formel-1-Thron darf nicht auf halbem Wege stecken bleiben. Was bei der Titeljagd stört, soll möglichst schon in diesem Jahr eliminiert werden. Und das gilt nicht nur für kaputte Getriebeteile, wie sie Kubica zum Saisonstart ausbremsten. In dieser Saison fährt BMW vor allem gegen einen Gegner: den eigenen Anspruch.

(mit Material von sid)



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