GP von Spanien Für Silber zählt nur Gold

Zwei Piloten, zwei WM-Anwärter: Lange lag McLaren-Mercedes nicht mehr so aussichtsreich im Rennen um den Titel. Der technisch anspruchsvolle Kurs in Barcelona wird im Zweikampf mit Ferrari den weiteren Weg der Silberpfeile weisen. Die Vorzeichen für eine Fortsetzung des Aufstiegs sind gut.


Es war ein grausames Wochenende für McLaren-Mercedes. Die Boxencrew verpatzte das Qualifying und nahm Juan-Pablo Montoya jede Chance auf einen vorderen Startplatz. Im Rennen stellte der Kolumbianer ("Ich glaube, es war die Traktionskontrolle") seinen Wagen schon nach 19 Runden ins Kiesbett. Kimi Räikkönen erschien verspätet an der Strecke - einfach so, er hatte sich die Zeit noch ein wenig im Hotel vertrieben. Auch auf dem Circuit de Catalunya in Barcelona hatte es der Finne nicht so mit der Zeit, diesmal unfreiwillig: 1,4 Sekunden fehlten dem Mercedes-Piloten auf Fernando Alonso im Renault. Selbst Motorsportchef Norbert Haug musste nach dem Spanien-Grand-Prix 2006 feststellen: "Wir sind zu langsam."

Mercedes-Pilot Alonso: Gelöst ins Heimrennen
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Mercedes-Pilot Alonso: Gelöst ins Heimrennen

Ein Jahr ist seither vergangen und die Zeiten haben sich geändert. Vorne ist zwar immer noch dort, wo Alonso fährt. Der Weltmeister fährt inzwischen aber Silber. Und statt eines Juan-Pablo Montoya, der "nicht immer das mögliche Resultat nach Hause" (Haug) brachte, sitzt nun Lewis Hamilton im Mercedes. Die britische Presse feiert ihren Landssohn bereits als neuen Senna und die drei Podestplätze, die der 22-Jährige in seinen bislang drei Rennen einfuhr, lassen nicht minderes erwarten. Formel-1-Rekord sind sie allemal.

Und auch die Silberpfeile werden ihrem Namen und den Ansprüchen der Marke Mercedes wieder gerecht: Als einziges Team hatte McLaren-Mercedes bislang nicht mit technischen Problemen zu kämpfen. Selbst Konkurrent Ferrari blieb nicht unbeschadet und musste Felipe Massa nach Getriebeproblemen beim Saisonauftakt in Melbourne von Platz 16 ins Rennen schicken. Die Tatsache, dass der Brasilianer, in der WM-Wertung fünf Punkte hinter den punktgleichen Alonso, Hamilton und Räikkönen (22), dieses Malheur bis heute nicht aufgeholt hat, zeigt, wie eng es im Vierkampf um den Titel, im Duell zwischen Ferrari und Mercedes, zugeht.

Und auch wenn Haug BMW und Renault im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE noch nicht abschreiben wollte. So gut standen die Chancen für den britisch-deutschen Rennstall seit Mika Häkkinens WM-Triumph 1999 noch nie. Denn dass von Renault-Chefingenieur Pat Symonds ("Einen großen Sprung erwarten wir nicht") bescheidene Töne zu hören sind und sein Pilot Giancarlo Fisichella den Renault eine "Missgeburt" nennt, spricht nicht für genügend Potential des amtierenden Weltmeister-Autos zur Titelverteidigung. Auch Alonso geht von einem WM-Kampf zwischen Ferrari und Mercedes aus: "Letztes Jahr gab es Michael. Dieses Jahr gibt es Kimi, Felipe und Lewis." BMW und Nick Heidfeld traut der 25-Jährige höchstens einen Grand-Prix-Sieg zu, was sich mit den Aussagen der Münchner selbst deckt, die auch wenig Chancen sehen, vorne eingreifen zu können.

Bleibt also nur Ferrari. Und die große Möglichkeit, das zu leisten, was der Mutterkonzern erwartet. Nämlich nicht weniger, als dass "Mercedes vorne steht", wie Konzernchef Dieter Zetsche vor der Saison verlauten ließ. Der Druck scheint das Team 2007 zu beflügeln. Besonders, da er sich auch aus dem Team heraus entwickelt - aus der Tatsache, dass mit Alonso der Weltmeister ("Der derzeit kompletteste Fahrer", Haug) das eigene Auto lenkt. Selbstgemachter Druck ist für den ehemaligen Journalisten Haug denn auch "so wichtig wie das Benzin im Tank zum Zünden des Motors".

Und der hält in dieser Saison den Ansprüchen bislang stand. Frontspoiler an Frontspoiler reisen die Teams nach Spanien, "zur Prüfstrecke schlechthin", wie Haug es formuliert. "Wer hier aus eigener Kraft gewinnen kann, ist dazu auch auf allen anderen Grand-Prix-Kursen in der Lage", so der 54-Jährige. Die schnellen Kurven und die lange Vollgasstrecke auf der Zielgeraden machen die Strecke zu diesem technischen Gradmesser.

Vier Wochen sind seit dem letzten Rennen in Bahrain vergangen. Viel Zeit zur Vorbereitung, viel Zeit zur Weiterentwicklung. Von einer Vorentscheidung um die WM-Krone beim ersten Grand Prix des Jahres in Europa will dennoch niemand sprechen. Vielmehr von einem neuen Abschnitt der Saison. "Ab Barcelona ist Alonso Favorit", glaubt Renault-Ingenieur Symonds. Der Spanier gilt im Vergleich mit Räikkönen als der bessere Analytiker. Und die Weiterentwicklung des Autos wird entscheidend für den Erfolg sein, auch im Hinblick auf den WM-Titel.

Gute Aussichten also für Alonso vor dem Heimrennen, das für den amtierenden Weltmeister auch abseits der technischen Faktoren mit den Jahren noch nicht an Bedeutung verloren hat. "Wenn ich einen Grand Prix auswählen müsste, den ich gewinne, würde ich zweifellos immer Spanien nehmen", so Alonso. Als großer Widersacher auf dem Weg zum Heimsieg könnte sich der zweite Mann im Mercedes erweisen. "Im Moment sehe ich Hamilton mit den besten Chancen von allen", sagt beispielsweise Niki Lauda.

Von einer hierarchischen Ordnung nach Weltmeister und Neuling spricht bei McLaren-Mercedes sowieso niemand. Das Team genießt die Möglichkeiten. Ebenso den Druck, der aus den Möglichkeiten erwächst. "Ich werde dieses Jahr noch gewinnen, das habe ich im Gefühl", unterstreicht Hamilton als jüngstes Mitglied den selbstbewussten Umgang des Teams mit den hohen Erwartungen. Für Silber zählt in dieser Saison nur Gold. Denn dass Alonso unpünktlich zum Training kommt, Hamilton im Kiesbett landet oder die Boxencrew vergisst, den Benzinhahn aufzudrehen, daran denkt bei Mercedes in dieser Saison keiner mehr.



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