Grand Prix von Italien Renaults Verschwörungstheorie

Zum Abschied winkt der achte Titel: Michael Schumacher ist nach seinem Sieg in Monza wieder im WM-Rennen. Renault-Pilot Fernando Alonso und dessen Teamchef Flavio Briatore sehen sich als Opfer. Für sie steht der Verursacher ihrer Misere fest.

Von Stephan Gröne


Vor dem Heimrennen in Monza hatte sich die Scuderia größte Mühe gegeben, das Team der Ahnungslosen zu mimen. Trotzdem war es keine Überraschung, was auf den geschmack- und schmucklos verteilten Handzetteln zu lesen war, die Ferrari direkt nach dem Rennen im Autodromo di Monza verteilte: "Michael Schumacher beendet seine Karriere am 22. Oktober in Sao Paulo."

Was sich zuvor 53 Runden abgespielt hatte, wird den Rennfans im nächsten Jahr leider vorenthalten werden: Schumacher und sein designierter Nachfolger bei Ferrari, Kimi Räikkönen, duellierten sich um den Sieg. Der Finne, der seine letzten Fahrten im McLaren-Mercedes offensichtlich unbeschwert herunterspulen kann, hatte seinen Pole-Position-Vorsprung in die erste Kurve gerettet und war im Verbund mit Schumacher mühelos dem Rest des Feldes enteilt.

Die Entscheidung zwischen den beiden an der Box. Während Räikkönen nach 15 Runden nachfassen musste, tankte der Deutsche erst zwei Runden später. Zeit genug, um seinen Ferrari am Mercedes vorbeizuschieben. Räikkönen ließ sich zwar bis ins Ziel nicht recht abschütteln, war aber letztlich nicht schnell genug, um dem Rekordchampion das letzte Ferrari-Heimspiel zu verderben. Warum auch, schließlich möchte der 26-Jährige seine neuen Chefs nicht schon vor Arbeitsbeginn verärgern.

Dass die Ferrari-Fans trotz aller Abschieds-Wehmut Grund zum Feiern hatten, lag neben Schumachers Triumph allen voran an Weltmeister Fernando Alonso. Der Spanier war schon im Qualifying an den äußeren Umständen und am Automobilweltverband Fia verzweifelt. Kurz vor Ende der Session hatte er sich mit einem Plattfuß in die Renault-Box gerettet, um wenige Sekunden vor Ultimo noch eine schnelle Runde hinzulegen, die ihn zumindest in die dritte Startreihe befördert hätte.

Völlig überraschend legte Ferrari allerdings Protest wegen einer angeblichen Behinderung von Schumachers Teamkollegen Felipe Massa ein. Außer der Scuderia war diese niemand aufgefallen. Noch überraschender gab die Fia dem Einspruch statt und stufte Alonso auf Rang zehn zurück. Hörbar entsetzt ließ er sich zu einer wilden Attacke hinreißen: "Ich fuhr meine Runde, ohne jemanden absichtlich zu blockieren. Ich liebe den Sport, liebe die Fans, die hierherkommen, viele von Spanien, aber ich sehe die Formel 1 nicht mehr als Sport an."

Einen Stempel drückte er dem Rennen dennoch auf, wenn auch in dieser Art sicher nicht gewollt. Unmittelbar nachdem ihn seine rasante Aufholjagd – unter anderen schluckte er den verblüfften BMW-Piloten Robert Kubica, der später der erste Pole auf einem Formel-1-Treppchen werden sollte - verkündete schwarzer Rauch das vorzeitige Ende seines Arbeitstages. "Technische Probleme muss man akzeptieren", sagte Renault-Teamchef Flavio Briatore. Was er nicht akzeptieren wollte, war, was im Qualifying passiert war: "Wir haben verstanden, wie die Dinge laufen. Es ist schon alles entschieden. Sie haben entschieden, den Titel an Schumacher zu geben, und so wird es passieren", polterte der Italiener in einem Interview mit dem Fernsehsender Rai.

Verschwörungstheorien sind dieser Tage aller Orten in Mode, ob die Fia wirklich ein Interesse daran haben kann, Schumacher zum achten WM-Titel zu verhelfen, kann bezweifelt werden. Schließlich wird er in der nächsten Saison nur noch zuschauen und nicht als Jäger oder Gejagter für Topquoten sorgen.

Ein Nachfolger, der den für die Formel 1 so wichtigen deutschen Markt bei Laune hält, ist nicht wirklich in Sicht. Schumachers Bruder Ralf quälte seinen Toyota auf Platz 15 und verließ wortlos den Ort des Dramas, Nico Rosberg schied mit einem defekten Williams als Erster aus, Nick Heidfeld sicherte sich als Achter immerhin ein Pünktchen im BMW Sauber, vergab aber eine mögliche Top-Platzierung durch einen miserablen Start inklusive einer Durchfahrtstrafe wegen überhöhter Geschwindigkeit in der Boxengasse.

Für Michael Schumacher sind es zwar nur noch drei Rennen, auf diese bereitet er sich allerdings höchst motiviert vor: "Jetzt möchte ich mich auf die letzten Rennen konzentrieren und die Sache eventuell mit dem achten Titel zu Ende bringen." Der Showdown in Europa brachte ihn mit seinem 90. Sieg in der WM-Wertung vorerst bis auf zwei Pünktchen an Alonso heran. Schon im nächsten Rennen in Schanghai könnte er erstmals seit fast zwei Jahren wieder in Führung gehen, in Suzuka und Interlagos den achten Triumph absichern. Und spätestens dann wird Alonso von seinem Sport vollends die Schnauze voll haben.



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