Großer Preis von Frankreich Pole auf Position

Gefeiert, begehrt, gejagt: Robert Kubica geht nach seinem Sieg in Kanada erstmals als Favorit ins Rennen. Kann er dem Druck standhalten? In seiner Heimat wird der BMW-Sauber-Pilot begeistert gefeiert, ein Konkurrent soll ihn bereits auf der Einkaufsliste haben.

Von Jörg Schallenberg


Fußball? Europameisterschaft? War da was? Wenn es ein Land in Europa gibt, in dem Sportbegeisterte an diesem Wochenende nur noch begrenztes Interesse an den kickenden EURO-Viertelfinalisten haben, dafür aber einem ganz gewöhnlichen Formel-1-Rennen entgegenfiebern wie noch nie, dann ist das, natürlich - Polen.

BMW-Sauber-Pilot Kubica: "Normalerweise kein Titelanwärter"
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BMW-Sauber-Pilot Kubica: "Normalerweise kein Titelanwärter"

Seit Robert Kubica vor zwei Wochen in Montréal als erster polnischer Fahrer ein Formel-1-Rennen gewann und damit auch noch die Spitze der Fahrerwertung übernahm, ist der 23-Jährige in seiner Heimat zum Sporthelden schlechthin aufgestiegen. Dabei waren das Interesse an und die Kenntnisse über die Formel 1 in Polen bislang eher rudimentär, wie Kubica kürzlich auf SPIEGEL ONLINE spottete.

Doch nun - nachdem sich die polnischen Fußballer bei der EM sang- und klanglos verabschiedet haben - sind die polnischen Medien plötzlich voll mit enthusiastischen und teilweise abstrusen Geschichten über Kubica und liefern reichlich Regel- und Faktenkunde für angehende Formel-1-Fans.

Angesichts solcher Begeisterung, die weit über die Grenzen Polens hinausgeht, bremst Kubica vor dem Grand Prix in Magny Cours am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) die Erwartungen. "Normalerweise bin ich kein Titelanwärter", verkündete er bei der ersten Pressekonferenz am Rennort.

Doch angesichts der Pannen und kuriosen Fehler, die sich die favorisierten und im Idealfall auch schnelleren Konkurrenten von Ferrari und McLaren-Mercedes zuletzt in unschöner Regelmäßigkeit leisteten, könnte der Begriff "Pole Position" in dieser Saison eine neue Bedeutung bekommen. Ob er will oder nicht - Kubica geht in Frankreich erstmal als Top-Favorit ins Rennen, zumal Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes wegen seines Boxen-Crashs von Montréal um zehn Plätze nach hinten versetzt starten muss. Es wird schwer für den Briten, diesen Rückstand aufzuholen, denn das Überholen ist in Magny Cours kaum möglich.

So wird sich Kubica wohl vor allem mit Kimi Räikkönen und Felipe Massa im Ferrari auseinandersetzen müssen, die in den vergangenen beiden Rennen allerdings arg schwächelten: Massa wurde Dritter und Fünfter, Räikkönen kam gar nicht ins Ziel, auch weil ihm Hamilton in Montréal ins Heck fuhr.

Allerdings gilt der Kurs in Frankreich mit seinen engen Kurven als ausgesprochene Ferrari-Strecke. Drei der vier letzten Rennen dort gewann die Scuderia, und Weltmeister Räikkönen hofft bereits auf die Wiederholung seines Mini-Comebacks in der vergangenen Saison, die auch wechselhaft für ihn begann: "Letztes Jahr startete meine Saison hier praktisch neu - und genau so etwas brauche ich jetzt auch."

Ungewohnt offen verkündete der sonst so zurückhaltende Finne zudem, dass er sich gar nicht erinnern könne, "so eine dermaßen große Lust aufs Gewinnen" gehabt zu haben. Jene Beobachter, die Räikkönen immer mal wieder Motivationsprobleme unterstellen, werden diese Aussage mit Interesse notiert haben - passt sie doch nur zu gut zu den Gerüchten, dass Ferrari neben Fernando Alonso auch gern Kubica verpflichten möchte. Dessen Referenzen sind auch abgesehen von den Resultaten exzellent. Vom Polen ist bekannt, dass er sich total auf die Formel 1 konzentriert und neben dem Rennsport keine auffälligen Interessen pflegt oder wilde Partys feiert. Oder all dies zumindest gut verbirgt.

In Magny Cours wird Kubica allerdings eine neue Qualität unter Beweis stellen müssen - seine Fähigkeit, auch dem Druck als Gejagter standzuhalten. Sein Chef Mario Theissen hat da gar keine Bedenken: "Niemand, der nach sieben Rennen die Weltmeisterschaft anführt, steht zufällig an der Spitze." Bislang galt allerdings als ausgemacht, dass BMW-Sauber immer noch eine Leistungslücke gegenüber Ferrari zu schließen hat - und dies während der laufenden Saison nicht mehr schaffen kann.

Sollte dem weißblauen Team aber in Magny Cours erneut ein Sieg gelingen, muss man die Perspektive, mit der man auf diese abwechslungsreiche Formel-1-Saison blickt, allmählich verändern. Die Frage wäre dann nicht mehr, wie weit BMW-Sauber noch von Ferrari und McLaren-Mercedes entfernt ist - sondern warum es diesen Teams einfach nicht gelingt, ihre vermeintliche technische Dominanz in entsprechende Ergebnisse umzusetzen.

Der Große Preis von Frankreich könnte als Auftakt der Europarennen tatsächlich, wie von Räikkönen erhofft - ein Wendepunkt sein. Unklar ist nur, in welche Richtung es dann gehen wird.

Mit Material von Reuters und dpa.



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