Hamilton-Drama Peinlicher Patzer, frustrierte Fahrer

Lewis Hamilton wollte sich beim Grand Prix in China als jüngster Formel-1-Weltmeister feiern lassen. Aber es kam alles ganz anders. Fernando Alonso ist vor dem letzten Saisonrennen wieder dicht dran. Doch im Kampf um die WM-Krone könnte es einen lachenden Dritten geben.

Von Stephan Gröne


"Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech hinzu" - selten einmal traf das alte Zitat des ehemaligen Fußballers Jürgen Wegmann genauer ins Ziel als beim Grand Prix von China. Zumindest aus der Sicht von Lewis Hamilton. Der Brite erlebte in Shanghai im Kiesbett der Boxeneinfahrt sein ganz persönliches Waterloo - und das ausgerechnet an dem Tag, an dem er sich zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte krönen wollte. Dass die Zeremonie auf das letzte Rennen in Interlagos vertagt werden muss, haben sich Hamilton und McLaren-Mercedes selbst zuzuschreiben. Denn zum ersten Mal in der Saison versagte das bisher beinahe perfektionierte Zusammenspiel des Teams.

Wobei auch das Wetter nicht ganz unschuldig war. Der befürchtete Taifun "Krosa" ließ sich zwar nicht blicken, schickte aber ein paar Regenwolken nach Shanghai. Auf nasser Strecke zogen alle Teams zum Start Mischreifen (Intermediates) auf. Bei Rennhalbzeit trocknete die Piste jedoch mehr und mehr ab, die Zeit des Pokerns begann. McLaren verzockte sich gründlich und verspielte den Sieg in der Box.

Beim ersten planmäßigen Stopp schickten die Verantwortlichen Hamilton ohne Reifenwechsel zurück auf die Piste. Der vermeintliche Vorteil - mehr Bodenhaftung auf nassem Asphalt - entpuppte sich schnell als erstes Domino-Steinchen in Richtung Rennausfall. Denn die abtrocknende Piste verwandelte Hamiltons Gummis in einen Hauch von Nichts, in Führung liegend verlor er nach und nach die Kontrolle über sein Fahrzeug.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt erwartete jeder einen weiteren Stopp inklusive des unvermeidlichen Reifenwechsels. Aber McLaren hoffte weiter auf Regen und schickte seinen Wunderknaben sehenden Auges ins Debakel. Der ließ sich noch zu einem Duell mit dem späteren Sieger Kimi Räikkönen (Ferrari) hinreißen, das er schnell verloren geben musste. Als er seine Unterlegenheit endlich einsah, war es zu spät. Ausgerechnet in der Einfahrt zur Boxengasse rutschte er von der Strecke, hilflos steckte er im Kies fest und musste zum ersten Mal in seiner noch jungen Karriere ein Rennen vorzeitig beenden. "Überall an der Strecke ist Asphalt, wir haben das einzige Kiesbett getroffen", bilanzierte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug kopfschüttelnd.

Eine ausgewachsene Katastrophe für den britisch-deutschen Traditionsrennstall. Ohne Not wurde ein scheinbar sicherer Matchball auf den WM-Titel vergeben, was McLaren-Boss Ron Dennis zu verniedlichen versuchte: "So ist der Motorsport. Du gibst dein Bestes und dann passieren solche Sachen."

Doch die lauwarmen Erklärungsversuche vermochten die Schwere des Fehlers nicht zu erklären. Während der frühere Rennfahrer und jetzige Premiere-Experte Hans-Joachim Stuck fassungslos auf seinem Sofa saß und McLaren einen "Hornochsenverein" schimpfte, zeigte sich Hamilton wenig einsichtig: "Die Entscheidung war richtig, wir haben Pech gehabt. Es gibt noch ein Rennen. Wir liegen immer noch vorne. Ich werde attackieren, wir greifen an."

Allerdings muss sich Hamilton in Interlagos nicht nur Räikkönen vom Leib halten, sondern vor allem Fernando Alonso. Der amtierende Weltmeister liegt nach seinem zweiten Platz nur noch vier Zähler hinter seinem ungeliebten Teamkollegen und kann sich wieder berechtigte Hoffnungen auf den dritten Titel nach 2005 und 2006 machen.

Nach der chaotischen Spionage-Affäre, die Alonso durch Selbstanzeige erst ins Rollen brachte, hat er sich im Team allerdings völlig isoliert. Seine kruden Verfolgungstheorien, die in seinem Heimatland angeblich sogar zu einem Einbruch der Mercedes-Verkaufszahlen führten, haben die Stimmung endgültig auf Eiszeit-Niveau abgekühlt.

Kaum einer aus der großen McLaren-Mercedes-Familie würde Alonso beim Showdown in Brasilien den Titel gönnen. Auch deshalb sieht er sich auf einer "Mission Impossible". "Ich weiß, dass das nicht leicht wird, Lewis vier Punkte abzunehmen. Um die Weltmeisterschaft zu gewinnen, muss noch etwas Dramatisches passieren," fabulierte Alonso vor der Weltpresse nebulös und versteckte noch schnell einen kleinen Sabotage-Vorwurf.

Vielleicht profitiert ja Räikkönen von diesem Kleinkrieg bei McLaren. Denn schon einmal gewann der lachende Dritte die WM. Beim letzten Dreikampf um den Titel im Jahre 1986 lag Alain Prost vor dem Rennen in Adelaide scheinbar aussichtslos hinter den Williams von Nigel Mansell und Nelson Piquet zurück. Doch der Franzose profitierte von einem Reifenplatzer Mansells und gewann nicht nur das Rennen vor Piquet, sondern auch den Titel.



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