Haugs Warm-Up "Hart wird es werden"

Den Triumph vor Augen: Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug hofft, dass der Grand Prix von Brasilien nicht unfair verläuft. Die Rennkommissare sollen "knallhart durchgreifen". Den Heimvorteil für Ferrari-Pilot Felipe Massa fürchtet er nicht.


SPIEGEL ONLINE: Am Sonntag kann Ihr Pilot Lewis Hamilton Weltmeister werden. Erinnern Sie sich noch, wann Sie ihn das erste Mal bei einem Rennen erlebt haben? (Bevor er zu McLaren-Mercedes kam) Was war Ihr Eindruck?

Haug: Ich kenne Lewis seit zehn Jahren. Damals fuhr er Kart, war sehr erfolgreich und er kam immer mal wieder mit seinem Vater bei einem Formel-1-Rennen vorbei. Richtig eng arbeiten wir seit 2004 zusammen, als Lewis zunächst zwei Jahre in der Formel-3-Euroserie mit einem Dallara-Mercedes im Rahmenprogramm der DTM fuhr und jedes zweite Wochenende bei uns war. Danach kam ein Jahr in der GP-2-Meisterschaft im Rahmenprogramm der Formel 1 und seit letztem Jahr fährt Lewis in unserem Formel-1-Team.

Pilot Hamilton, Chef Haug: Krönung einer zehnjährigen Bekanntschaft?
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Pilot Hamilton, Chef Haug: Krönung einer zehnjährigen Bekanntschaft?

Ich erinnere mich sehr gut an seinen ersten Formel-3-Sieg, 2004 am Norisring, das war ein sehr spezieller, und solche speziellen Siege schaffte Lewis anschließend sehr viele, in Formel 3, GP 2 und in der Formel 1, wie zuletzt auch in China. Mein Eindruck war vor über vier Jahren am Norisring nicht anders als heute, nämlich dass Lewis ein ganz besonderer Rennfahrer mit jeder Menge Talent und Fahrinstinkt ist. Lewis ist obendrein ein feiner und gescheiter Kerl, charakterlich absolut stark, höflich, zuvorkommend – auch wenn das seine unmittelbaren Gegner im Rennauto verständlicherweise teilweise anders empfinden und gelegentlich auch anmerken.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich hätte es schon vergangenes Jahr mit dem Titel klappen sollen. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an das Saisonfinale 2007 beim GP von Brasilien denken?

Haug: Dass wir 2007 neun Punkte Vorsprung hätten haben müssen, um in Brasilien Weltmeister zu werden. Aber: Es sind nicht so viele Fahrer, die jedes Jahr im letzten Rennen um den Titel fahren. Keiner von allen Rivalen, gegen die Lewis seit Beginn seiner Formel-1-Karriere im letzten Jahr fährt, hat das geschafft. Lewis weist nach diesen 34 Rennen die mit Abstand beste Punktebilanz aller Fahrer auf und das zeigt, dass er auf dem richtigen Weg ist. Außerdem wäre Lewis heute bereits Weltmeister, hätte Massa nicht nach zweifelhafter Entscheidung den Sieg in Spa am Grünen Tisch erhalten, nachdem er auf der Strecke deutlichst von Lewis geschlagen worden war. Auch ohne die Punkte von Spa wollen wir am Wochenende in Brasilien den Titel holen.

Zur Person
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Norbert Haug, geboren am 24. November 1952, ist Motorsportchef bei Mercedes und verantwortlich für das Formel-1-Team McLaren-Mercedes. 1998, 1999 und 2008 gewann der Rennstall unter seiner Leitung die Fahrer-Weltmeisterschaft, 1998 auch den Konstrukteurstitel.
SPIEGEL ONLINE: Am Sonntag gibt es ein Heimspiel für Felipe Massa. Aber bekommen die Fahrer tatsächlich viel von der Stimmung auf den Rängen mit? Welche Bedeutung hat der Heimvorteil in der Formel 1?

Haug: Ich fürchte, wenn sie beim Fahren viel mitbekommen, sind sie entweder zu langsam oder nicht aufs Wesentliche konzentriert. Der Hype eines Heim-Grand Prix muss nicht zwangsläufig zur besten Leistung stimulieren und damit ein Vorteil sein. Wir hatten in Silverstone und Hockenheim gleich zwei Heimrennen, die Lewis zwar gewann, beim ganzen Drumherum dabei aber extremen Belastungen ausgesetzt war. Lewis muss am kommenden Sonntag nicht gewinnen, Massa muss. Es gibt neben unseren beiden Fahrern nicht viele Gegner, die Felipe nach aktuellem Kräfteverhältnis und bei normalem Rennverlauf daran hindern können. Allerdings ist für das Rennen Regen angekündigt und zwei von drei Regenrennen in diesem Jahr hat Hamilton souverän gewonnen, beim dritten, in Monza, war er – als 15. gestartet – überaus überzeugend unterwegs. Aber: Auch das ist für Brasilien keine Erfolgsgarantie. Wir müssen clever und umsichtig agieren, dabei den notwendigen Speed generieren und absolut zuverlässig sein. Hört sich ganz schön anspruchsvoll an und genau das ist es auch. Aber, ich bin sicher, wir können das, wie schon oft in diesem Jahr und zuletzt in China gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Befürchten Sie angesichts der Konstellation in der Fahrerwertung ein überaus hartes Rennen, bei dem es zu unfairen Attacken kommen könnte?

Haug: Das hoffe ich nicht. Hart wird es werden, unfair hoffentlich nicht – das hatten wir schon und die uns aberkannten und Massa zugesprochen Punkte von Spa sowie Massas Rempelaktion in Japan haben Lewis viel mehr als die vier Zähler gekostet, die ihm augenblicklich zum WM-Titelgewinn fehlen. Ich wünsche allen Betrachtern ein hartes, faires und spannendes Rennen, das die Zuschauer weltweit genießen können und das den krönenden Abschluss einer absolut bemerkenswerten und wertvollen Formel-1-Saison bildet. Der Beste soll dabei den Titel holen – durch Rempeleien und Blockaden darf diese WM jedenfalls nicht entschieden werden und ich hoffe, dass die sportliche Überwachung knallhart durchgreift, sollten sich am Titelkampf Unbeteiligte rempelnd oder blockierend einmischen. Gleiches gilt natürlich für die beiden Titelaspiranten.

Die Fragen stellte Jörg Schallenberg



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