Haugs Warm-Up Highspeed auf der Insel

Zahlreiche Hochgeschwindigkeits-Passagen und hohe Belastungen für die Bremsen: Mercedes-Sportchef Norbert Haug sieht beim GP von Kanada große Herausforderungen auf Piloten und Autos zukommen. In Montréal hofft er auf eine ähnliche Triumphfahrt wie im Vorjahr.


SPIEGEL ONLINE: Nach dem Regenrennen von Monaco geht es in Montréal zurück auf eine normale Piste. Befürchten Sie, dass in Kanada wieder die Ferrari dominieren werden?

Formel-1-Kurs Montreal (2006): Hohes Tempo, gute Bremsen nötig
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Formel-1-Kurs Montreal (2006): Hohes Tempo, gute Bremsen nötig

Haug: Montréal würde ich nicht gerade als "normale Piste" bezeichnen. Die Strecke ist ein Straßenkurs auf der Ile de Notre Dame auf der 1976 Wettbewerbe der Olympischen Spiele stattgefunden haben. Die Strecke fordert die Bremsen mehr als jede andere, es wird vier Mal pro Runde von 300 km/h und mehr auf 100 km/h und weniger verzögert. Außerdem gibt es eine lange Gerade, die rund 15 Sekunden Vollgas der zirka 75 Sekunden Fahrzeit ausmacht. Wir haben gute Erinnerungen an den Grand Prix von Kanada, Lewis Hamilton gewann dort vor einem Jahr seinen ersten Grand Prix und beendete 16 seiner insgesamt 23 Formel-1-Rennen auf dem Podium. 2005 siegten wir in Montréal mit Kimi Räikkönen. Trotzdem kann am kommenden Wochenende natürlich alles ganz anders ausgehen und wir rechnen - wie bei allen bisherigen sechs Rennen 2008 - mit starker Konkurrenz.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fahrer liegen in diesem Jahr in der Fahrerwertung weit auseinander. Was fehlt Heikki Kovalainen noch, um an der Spitze mitfahren zu können?

Haug: Ihm fehlen ganz einfach die Punkte, die er ohne seine nicht verschuldeten Zwischenfälle gemacht hätte. Das Safety Car in Melbourne nahm Heikki vier Punkte, er wurde Fünfter statt Zweiter. Ein Felgenbruch in Barcelona kostete eine mögliche Podiumsplatzierung. Ein vom Konkurrenten aufgeschlitzter Reifen kostete Heikki in Istanbul die Siegchance, ein Softwareproblem verhinderte zuletzt in Monaco das Einlegen des ersten Ganges beim Vorstart und vereitelte erneut eine Siegchance. Heikki müsste gut und gerne mindestens 20 Punkte mehr eingefahren haben, er hat den Speed dazu.

SPIEGEL ONLINE: In Monaco haben Adrian Sutil und Sebastian Vettel überrascht. Welchem von den jungen deutschen Formel-1-Piloten trauen Sie am ehesten den Sprung in ein Spitzenteam zu - und warum?

Zur Person
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Norbert Haug, geboren am 24. November 1952, ist Motorsportchef bei Mercedes und verantwortlich für das Formel-1-Team McLaren-Mercedes. 1998, 1999 und 2008 gewann der Rennstall unter seiner Leitung die Fahrer-Weltmeisterschaft, 1998 auch den Konstrukteurstitel.
Haug: Beide sind gut, natürlich war es enttäuschend, dass Kimi den viertplatzierten Sutil kurz vor Rennende im Heck traf und so seine Punkteausbeute vereitelte. Auch solche Erfahrungen gehören allerdings zum Lernprozess eines Rennfahrers und machen die Guten nur noch stärker. Vettel war in Monaco gut und kalkuliert unterwegs, das freut mich für ihn und das freut mich für sein Team Toro Rosso, denn dort sitzen und werken um Gerhard Berger, Franz Tost und Giorgio Ascanelli engagierte Vollblutracer.

SPIEGEL-ONLINE-LESER: Wie sehen Sie die Entwicklung im Reifenbereich innerhalb der letzten Jahre? War die damalige Entscheidung gegen Slicks sinnvoll und ist die Abkehr von dieser Entscheidung richtig?

Haug: Ich halte die Entscheidung von damals für richtig. Sie ist bereits zehn Jahre alt, 1998 wurde zum ersten Mal mit den sogenannten Rillenreifen gefahren und wir gewannen mit Mika Häkkinen unseren ersten Formel-1-Weltmeistertitel und wurden Konstrukteursweltmeister. Autos mit weniger Grip rutschen mehr und fordern so den Fahrer mehr, weniger Aufstandsfläche bringt längere Bremswege und bessere Chancen zum Ausbremsen. Die Slick-Regel muss nächstes Jahr erst beweisen, ob mit ihr die Rennqualität verbessert werden kann.

Das Interview führte Jörg Schallenberg; die letzte Frage stellte unser Leser Martin Herrmann aus Berlin-Spandau.



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