Haugs Warm-up "Keiner macht mehr Punkte als Lewis"

Vor dem Großen Preis von Frankreich verteidigt Mercedes-Sportchef Norbert Haug seinen Piloten Lewis Hamilton. Den Erfolg vom Erzkonkurrenten BMW-Sauber sieht er gelassen - und hofft darauf, dass am Sonntag nicht zum letzten Mal ein Formel-1-Rennen in Magny-Cours stattfindet


SPIEGEL ONLINE: Am Sonntag wird das wohl letzte Formel-1-Rennen in Magny-Cours ausgetragen. Mal ehrlich - werden Sie diese Strecke sehr vermissen?

Formel-1-Pilot Hamilton (in Montréal): Unerfahren erfolgreich
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Formel-1-Pilot Hamilton (in Montréal): Unerfahren erfolgreich

Haug: Ich bin mir nicht so sicher, ob diesbezüglich das letzte Wort gesprochen ist. Der Veranstalter des Grand Prix in Magny-Cours meldet für das Rennen am Wochenende einen gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent gestiegenen Ticketverkauf, was bemerkenswert ist. Die Region berichtet von einem Umsatzplus von 100 Millionen Euro durch den Grand Prix. Ich erwarte, dass um den Verbleib des Formel 1-Rennens in Magny-Cours gekämpft wird. Wir wurden schon letztes Jahr von Medienvertretern zu Abschiedsworten aufgefordert und haben diese auch gesprochen - letztlich nur, um uns alle dieses Jahr wieder in Magny-Cours zu treffen. Ich mag die Strecke durchaus, sie hat das Gegenteil eines mondänen Umfelds, es geht dort ausschließlich um Racing. Und in diesem Jahr natürlich nebenher um die Fußball-Europameisterschaft, die man abends im Fahrerlager prima verfolgen kann.

SPIEGEL ONLINE: Der letzte - und einzige - McLaren-Mercedes-Sieg in Magny-Cours datiert aus dem Jahr 2000 - warum lag Ihnen dieser Kurs nie?

Haug: Wir waren öfter knapp am Sieg dran. 1999 fuhr Mika Häkkinen aus der zweiten Hälfte des Feldes auf Rang zwei, 2002 führte Kimi Räikkönen, kam als Spitzenreiter als Erster auf die nicht angezeigte Ölspur des Toyota von Allan McNish in der engen Adelaide-Haarnadelkurve, und hatte so keine Chance, korrekt zu bremsen. So schenkte er Michael Schumacher den Sieg, der bei diesem Rennen dann auch bereits vorzeitig Weltmeister wurde. 2005 war Räikkönen schneller als jeder andere, musste nach einem Motorwechsel allerdings statt von Platz drei auf Platz 13 losfahren, um von dort aus nach einer bemerkenswerten Aufholjagd überzeugender Zweiter zu werden. Man kann nicht sagen, dass uns die Strecke grundsätzlich nicht liegt.

Zur Person
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Norbert Haug, geboren am 24. November 1952, ist Motorsportchef bei Mercedes und verantwortlich für das Formel-1-Team McLaren-Mercedes. 1998, 1999 und 2008 gewann der Rennstall unter seiner Leitung die Fahrer-Weltmeisterschaft, 1998 auch den Konstrukteurstitel.
SPIEGEL ONLINE: Die Saison verläuft für die Favoriten McLaren Mercedes und Ferrari ziemlich wechselhaft. Wird sich am Ende BMW-Sauber durchsetzen, obwohl sie nicht das stärkste Auto haben - weil das Team am konstantesten ist und am wenigsten Fehler macht?

Haug: Abwarten, die Saison ist lang, wir sind gerade erst kurz nach dem ersten Drittel. Ferrari hat vier von sieben Rennen gewonnen, wir zwei und BMW-Sauber eines. BMW-Sauber hat beim letzten Grand Prix einen verdienten Doppelsieg eingefahren, nachdem der zuvor dominierende Lewis Hamilton nach bewusst längerem Tankstopp, um im nächsten Stint länger als jeder Gegner fahren zu können, in der Boxengasse auf Räaikkönen im Ferrari auffuhr. BMW ist im neunten Jahr in der Formel 1 aktiv, hat schon vor fünf Jahren gegen Ferrari und uns mit BMW-Williams um den WM-Titel gekämpft und in der Folge vor drei Jahren das solide Sauber-Team übernommen, das mittlerweile 16 Jahre Formel 1-Erfahrung gesammelt hat, die ersten beiden davon gemeinsam mit Mercedes-Benz ...

SPIEGEL ONLINE: ... aber erst mit BMW könnte es jetzt zum Titel für Sauber reichen. Ging ja schnell für diese relativ neue Kombination.

Haug: Wir haben 1997 im dritten Jahr unserer Zusammenarbeit mit McLaren - genau nach 34 Grand Prix - erstmals gewonnen, wurden ein Jahr später sowohl Fahrer- als auch Konstrukteursweltmeister und im Jahr darauf Fahrer-Weltmeister. BMW verfügt heute natürlich über größere Ressourcen, gute Fahrer und alles, was man zum Siegen braucht. Kein Wunder also, sondern gute Arbeit. BMW war vor fünf Jahren mit Williams WM-Titelaspirant, so wie heute mit Sauber. Seither ist viel Geld ins eigene Team investiert und in einem wettbewerbsintensiveren Umfeld, als es dies je zuvor gab, gute Arbeit geleistet worden. Kompliment dafür und erneut - wie bereits 2005 - willkommen im Club.

Leserfrage: Es scheint, Sie haben zwei exzellente Fahrer, ein Top-Auto, aber zu wenig Feedback, um das Potenzial des Autos voll auszuschöpfen. Rächt sich jetzt die Entscheidung, zwei "Anfänger" zu verpflichten?

Haug: Überhaupt nicht. Sie hören und lesen solche Aussagen sicherlich hier und da. Klar ist, dass ein Fahrer mit 100 Grand Prix als erfahrener filtals einer mit 24, wie sie Lewis oder Heikki als Erfahrungsschatz haben. Tatsache ist aber, dass kein Fahrer in den 24 Grand Prix, in denen Lewis an den Start ging - dies schließt seinen Ausfall beim letzten Rennen in Kanada mit ein - mehr Punkte gemacht hat als Lewis Hamilton. Und deshalb hat kein konkurrierender Fahrer zwischen März 2007 und 21. Juni 2008 in 16 Monaten mit 24 Grand Prixs erfolgreichere Arbeit abgeliefert als Hamilton.

Die Fragen stellte Jörg Schallenberg, die Leserfrage kommt von Siegbert Roessler aus Dielheim



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