Imola-Vorschau Alles eine Frage der Reifen

Bei Ferrari geraten die Hoffnungen auf eine Rückkehr an die Spitze der Formel 1 vor dem Grand Prix von San Marino zusehends zu einer Frage des Glaubens. Aber der hilft nicht immer. Bessere Reifen dagegen schon. Doch das wollen die Verantwortlichen beim italienischen Rennstall nicht so recht wahr haben.

Von Jörg Schallenberg


Bridgestone-Mitarbeiter (l.), Schumacher: "Sind auf interessante Dinge gestoßen"
DPA

Bridgestone-Mitarbeiter (l.), Schumacher: "Sind auf interessante Dinge gestoßen"

Es ist letztlich immer und überhaupt alles eine Frage der Perspektive. Und des Glaubens natürlich, gerade in diesen Tagen. Vor allem des festen Glaubens daran, was man selbst sagt. Bei Ferrari wird der Glaube verbreitet, die neuen Regeln sein für das schlechte Abschneiden zum Saisonauftakt verantwortlich. Dass sich der eigene Reifenlieferant Bridgestone konstant unfähig zeigt, das richtige Gummi anzumischen, fällt dabei gänzlich unter den Tisch.

Kürzlich antwortete Ferraris Technischer Direktor Ross Brawn in einem Interview auf die Frage, warum sein Team plötzlich derart abrutschen konnte, wie folgt: "Es ist das neue Reglement. Das Hauptproblem für Ferrari ist, dass für die Qualifikation und das Rennen nur ein Satz Reifen zugelassen sind." Man liest den Satz noch einmal, und da steht immer noch: Es ist das neue Reglement. Nicht: Es sind die neuen Reifen. Dann schlägt man im Regelwerk nach, und siehe da: Tatsächlich müssen alle Teams mit einem Satz Pneus auskommen, nicht nur Ferrari.

Es sind Aussagen wie diese, die selbst bei glühenden Fans von Michael Schumacher leise Zweifel hervorrufen, ob es denn beim Heimrennen in Imola am Sonntag tatsächlich zum ohnehin eher halbherzig angekündigten Comeback des Titelverteidigers kommen wird. Zumal von Bridgestone auch merkwürdig vieldeutige Töne zu hören sind. Der Technische Direktor Hisao Suganuma interpretierte die letzten Tests so: "Wir sind auf ein paar interessante Dinge gestoßen, die unsere Reifenauswahl für den nächsten Grand Prix beeinflusst haben." Wer es glaubt.

Zugegeben, man kann diesen Satz auch mit einem ermutigenden Augenzwinkern lesen. Aber wie er zu verstehen sein könnte, bleibt eine Frage der Perspektive. Und die hat sich verändert. Vielsagendes Schweigen in Maranello galt in den letzten Jahren zumeist als Zeichen stiller Siegesgewissheit - nun klingen die knappen Kommentare zu eigenen Siegchancen eher wie ein Ausdruck tiefer Verunsicherung.

Denn spätestens seit dem gescheiterten Debüt des neuen F 2005 in Bahrein steht fest: Schumacher und Barrichello haben zwar endlich das richtige Auto (wenn auch mit noch wackliger Technik), aber die falschen Reifen. Und weil Ferraris Fast-Exklusiv-Lieferant Bridgestone - der sonst nur noch die Hinterherfahrer von Minardi und Jordan versorgt - im Vergleich zum Konkurrenten Michelin nur über einen Bruchteil an Testergebnissen verfügt, besteht eigentlich kein Grund zur Annahme, dass Ferraris Nachteil in Sachen Gummi im Laufe dieser Saison noch ausgeglichen werden kann.

Schumacher mit Bridgestone-Reifen: Garaus für den Gummi
DPA

Schumacher mit Bridgestone-Reifen: Garaus für den Gummi

Überraschend kommt diese Entwicklung nicht gerade. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Probleme bei Bridgestone. Schumacher und Barrichello konnten diese jedoch teilweise durch den ungehemmten Verbrauch der weniger belastbaren Reifen ausgleichen. Nun müssen sich beide bereits im Qualifying bremsen, um ihren Gummis nicht bereits vorzeitig den Garaus zu machen. So betrachtet hat Ross Brawn sogar Recht, wenn er sich über die neuen Regeln beklagt. Nur - die sind nicht das Problem, sondern zeigen es auf.

Schumacher setzt auf Psycho-Tricks

Nimmt man den bisherigen Verlauf der Saison als Maßstab, wird Ferrari in diesen Monaten für jenen Eigensinn bestraft, der lange Zeit als ein Geheimnis des Erfolges galt. In der durchaus verbissenen Entschlossenheit, alles anders zu machen als die anderen und damit die eigene Einmaligkeit herauszukehren, hat man zumindest in Sachen Reifen schlicht eine falsche Politik betrieben - und zudem die Auswirkungen der lange bekannten Regeländerungen schwer unterschätzt.

Besonderes Pech in dieser misslichen Lage: Anders als in der vergangenen Rennsaison schwächelt die Konkurrenz nicht müde vor sich hin. Neben Renault droht mittelfristig auch Toyota zum ernsthaften, vielleicht gar davoneilenden Konkurrenten zu erwachsen - was nebenbei darauf hindeutet, dass jene Teams, bei denen sowohl der Motor als auch der Rest des Autos im gleichen Haus gefertigt werden, sich anscheinend in breiter Front gegen jene durchsetzen, bei denen zwei Firmen, womöglich in zwei Ländern, parallel vor sich hinwerkeln.

Doch das wird bei Ferrari, dem Vorreiter dieses Prinzips, kaum jemanden trösten. Ein wenig scheint es so, als hätte das Team jetzt himmlischen Beistand nötig. Am Ende wird zumindest der Glaube an die eigenen Ausreden nicht zum Titelgewinn reichen.

Alonso (l.), Schumacher: "Ich würde ihn vorbeilassen"
AP

Alonso (l.), Schumacher: "Ich würde ihn vorbeilassen"

Zumal mit Renault-Pilot Fernando Alonso ein Konkurrent voraus fährt, der nicht nur fest an sich und sein Auto, sondern auch an den Titelgewinn glaubt. Daran werden auch Schumachers Psycho-Tricks im Vorfeld des Rennens nicht viel ändern können. Schumacher - derzeit mit 24 Punkten Rückstand auf Alonso - riet dem WM-Führenden: "Wenn ich Alonso wäre und einen drängelnden Schumacher hinter mir hätte, wüsste ich, was ich machen würde: Ich würde ihn vorbeilassen". Ob er selber daran glaubt?

Glaubt man Schumachers Manager Willi Weber, denkt der siebenfache Weltmeister über die vorzeitige Verlängerung seines Vertrages über das Jahr 2006 hinaus nach: "Ich bin doch bei Ferrari in einer optimalen Situation. Hier treffe ich stets auf offene Türen", so Schumacher. Sollte der Ferrari-Pilot nicht verlängern, wird wohl ausgerechnet Alonso in der kommenden Saison durch diese offenen Türen zu seinem roten Dienstwagen gehen.



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