Interview mit Jacques Villeneuve "Für mich war Ferrari nie ein Mythos"

In einem Interview äußert sich der ehemalige Formel-1-Weltmeister Jacques Villeneuve über die Fortschritte bei BAR, seinen Fahrstil, die Schumacher-Brüder und ein Leben nach der Formel 1.


Jacques Villeneuve: "Ich fahre nicht mit geschlossenen Augen"
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Jacques Villeneuve: "Ich fahre nicht mit geschlossenen Augen"

Herr Villeneuve, Sie waren 1997 Weltmeister und haben in Ihrer Karriere elf Grand Prix gewonnen. Seit vier Jahren warten Sie aber auf Sieg Nummer zwölf. Haben Sie in dieser Zeit mal den Wechsel zu BAR bereut?


Jacques Villeneuve:

Nein, bereut habe ich diesen Schritt nie. Die erste Saison war zwar eine große Enttäuschung, weil ich ein Siegerauto erwartet hatte, aber der Wagen ständig zusammenbrach. Inzwischen herrscht eine Aufbruchsstimmung im Team, jeder gibt 150 Prozent. Solange ich spüre, dass es weiter bergauf geht, ist es okay.


Ist es nicht frustrierend, als Weltmeister der Konkurrenz hinterher zu fahren?


Villeneuve: Als Weltmeister ist das sogar einfacher. Hätte ich noch keinen Titel, würde mir das nötige Selbstvertrauen fehlen. Aber ich habe die WM bereits einmal gewonnen, und ich weiß, dass ich es noch einmal schaffen kann. Das gibt mir die Kraft, die anderen zu motivieren.


Haben Sie einen Zeitplan, bis wann Sie dem Team eine Chance geben?


Villeneuve: Nein, nicht mehr. Im ersten Jahr bei BAR hatte ich einen. Als dieser nicht aufging, habe ich es gelassen. Aber ich glaube daran, dass ich irgendwann mit BAR Weltmeister werden kann.


Fast jeder Formel-1-Pilot träumt von einem Engagement bei Ferrari. Auch Jacques Villeneuve?


Villeneuve: Ferrari war für mich nie der Mythos wie für einige andere. Ich bin in der Box von Ferrari aufgewachsen, als mein Vater dort fuhr. Daher fehlt der große Reiz. Aber für mich ist Ferrari derzeit das beste Team.


Ist deshalb Michael Schumacher Ihr WM-Favorit?


Villeneuve: Michael ist der große Favorit, weil er im absolut besten Auto sitzt. David Coulthard ist für mich aber der beste Fahrer in dieser Saison, doch das Team hat ihn hängen lassen. Das Auto ist einfach zu unzuverlässig. Ralf Schumacher hat bislang eine sensationelle Saison absolviert, aber BMW ist noch schwer einzuschätzen.


Frank Williams hat vor kurzem gesagt, der einzige Unterschied zwischen Michael und Ralf Schumacher sei das Geld. Können Sie sich dieser Aussage anschließen?


Villeneuve: Sicher nicht, zwischen den beiden ist noch ein großer Unterschied. Ralf war immer der jüngere Bruder, und der Ältere war erfolgreich. Michael hat drei Weltmeisterschaften gewonnen, das muss Ralf erst einmal nachmachen.


Der Unfall von Melbourne: Villeneuve kracht in die Mauer, Wagenteile fliegen durch die Luft
AP

Der Unfall von Melbourne: Villeneuve kracht in die Mauer, Wagenteile fliegen durch die Luft

Zu Beginn der Saison standen Sie massiv in der Kritik, nachdem in Melbourne nach Ihrem Unfall mit Ralf Schumacher ein Streckenposten tödlich verletzt wurde. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?


Villeneuve: Ich bin mit dem Tod aufgewachsen, ich war erst elf, als mein Vater verunglückte. Daher habe ich gelernt, mit diesen Dingen umzugehen.


Sie haben den Ruf eines Risiko-Fanatikers. Gefällt Ihnen dieses Image?


Villeneuve: Ja, es gefällt mir. Aber es ist ein kontrolliertes und kalkuliertes Risiko. Ich fahre nicht mit geschlossenen Augen, das wäre dumm. Ich liebe es, schnell zu fahren, etwas zu erreichen. Aber ich muss mir nicht selbst Angst machen.


In der Formel 1 geht der Trend zu Familie. Für Sie auch?


Villeneuve: Das ist eine Charaktersache. Der eine wie Michael Schumacher braucht die Familie, der andere ist lieber allein und verbringt seine Freizeit mit seinen Freunden. So ein Typ bin ich. Ich will auch mal eine Familie haben, aber erst nach meiner Karriere. Momentan will ich mich damit nicht belasten.


Werden Sie nach Ende Ihrer aktiven Laufbahn der Formel 1 in irgendeiner Weise erhalten bleiben?


Villeneuve: Oh Gott, nein. Ich bin gerne Formel-1-Fahrer, aber sobald meine Karriere vorbei ist, will ich sicher nichts mehr mit dem Zirkus zu tun haben. Das steht fest.


Also kehren Sie in Ihre Heimat Kanada zurück?


Villeneuve: Ich liebe Kanada. Aber ich glaube nicht, dass ich dort leben möchte. Ich bin in Europa aufgewachsen und erzogen worden. Daher zieht es mich dahin zurück. Ich bin in der Schweiz zur Schule gegangen. Da hat es mir sehr gut gefallen.


Das Gespräch führte Delia Fischer, sid

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