Interview mit Montoya "Der Feigste bin ich nicht"

Der Kolumbianer Juan Pablo Montoya gilt als Heißsporn der Formel 1 und fährt in seiner dritten Saison für den BMW-Williams-Rennstall. Mit SPIEGEL ONLINE unterhielt sich der Sieger des Monaco-Grand-Prix über das Leben als Rennfahrer, seine Sucht nach Geschwindigkeit und leidige Testfahrten.


Juan Pablo Montoya nach seinem Sieg in Monaco: "Ohne Gegner läuft die Zeit oft zäh"
REUTERS

Juan Pablo Montoya nach seinem Sieg in Monaco: "Ohne Gegner läuft die Zeit oft zäh"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Montoya, seit zweieinhalb Jahren fahren Sie in der Formel 1. Ist das Leben im Grand-Prix-Zirkus so, wie Sie es erwartet haben?

Juan Pablo Montoya: Besser.

SPIEGEL ONLINE: Was ist besser?

Montoya: Ich dachte, dass wäre der totale Stress. Ich hatte befürchtet, an nichts anderes mehr denken zu können. Aber man lernt, mit allem umzugehen: den vielen Terminen, der großen Aufmerksamkeit, den langen Besprechungen mit den Ingenieuren und Ähnlichem. Ich bin entspannt geblieben. Ich mag das Leben hier.

SPIEGEL ONLINE: Sie vermissen nicht das Playboyleben, das die Formel 1 früher prägte?

Montoya: Nein. Die Zeiten haben sich geändert. Die Formel 1 ist sehr professionell. Es geht nicht darum, möglichst cool auszusehen, sondern erfolgreich zu sein. Den Sponsoren würde es kaum gefallen, wenn ich mir die Haare rot färben würde. Die würden mich doch fragen: "Bist Du verrückt geworden?" Sowas passt nicht zu dem Image von BMW.

SPIEGEL ONLINE: Ein Grand Prix dauert zwischen anderthalb und zwei Stunden. Denken Sie währenddessen jede Sekunde nur ans Rennen?

Montoya: Ein Grand Prix ist kein Sonntagsausflug. Du musst dich konzentrieren. Aber wenn du gegen Ende des Rennens nicht unter Druck stehst und das Auto nur noch ins Ziel bringen musst, schaltest du im Kopf eine Art Autopilot ein. Da kann es schon einmal passieren, dass man sich ablenken lässt.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Ihnen das passiert?

Montoya: Vor zwei Jahren in Silverstone zum Beispiel: Am Ende der Zielgeraden stand eine große Videowand, und ich sah darauf plötzlich, wie Patrick Head (Technischer Direktor des BMW-Williams-Team, Anm. d. Red.) an der Boxenmauer tobte und schrie. Ich habe wahnsinnig lachen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Michael Schumacher behauptet, dass er manchmal an seine Familie denkt, wenn er eine Gerade herunterfährt. Können Sie das nachvollziehen?

Formel-1-Rennfahrer Montoya: "Ein Grand Prix ist kein Sonntagsausflug"
REUTERS

Formel-1-Rennfahrer Montoya: "Ein Grand Prix ist kein Sonntagsausflug"

Montoya: Wenn er mit einer halben Minute Vorsprung führt und sein Wagen eine Sekunde schneller ist als alle anderen, kann das sein. Aber normalerweise führt man nie so überlegen, nicht einmal Michael.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bekannt für riskante Überholmanöver. Am vergangenen Sonntag sind Sie mit Michael Schumacher auf dem Nürburgring sogar kollidiert. Halten Sie sich für den mutigsten Rennfahrer?

Montoya: Sagen wir mal so: Der Feigste bin ich jedenfalls nicht.

SPIEGEL ONLINE: Muss in Ihrem Alltag alles genauso schnell-schnell gehen?

Montoya: Meistens ja. Wenn etwas zu tun ist, erledige ich es am liebsten sofort. Ich warte nicht gerne.

SPIEGEL ONLINE: Vergehen zwei Stunden im Rennen genauso schnell wie zwei Stunden abseits der Piste?

Montoya: Das hängt davon ab, wie das Rennen so läuft. Ist es spannend, rast die Zeit wie zwanzig Minuten. Anders bei Testfahrten: Du fährt 30 Runden, ohne zu stoppen, und drückst aufs Tempo und drückst und drückst. Aber ohne Gegner läuft die Zeit oft sehr zäh.

SPIEGEL ONLINE: Sie mögen die montonen Probefahrten außerhalb der Grands Prix nicht?

Montoya: Doch, schon. Du bist dabei selbst dein Gegner. Du weißt: Wenn du hier schnell bist, wirst du es auch bei den Rennen sein. Du merkst, was dein Auto und du dann leisten können.

SPIEGEL ONLINE: Im Straßenverkehr sind Sie offenbar auch gerne flott unterwegs. Vor zwei Monaten sind sie auf einer französischen Autobahn mit 204 Stundenkilometer geblitzt worden - erlaubt war Tempo 130. Sie sind mit einem Fahrverbot belegt worden. Schränkt Sie das sehr ein?

Montoya: Das trifft mich nicht wirklich. Es gilt nur für Frankreich und Monaco ...

SPIEGEL ONLINE: ... das Problem ist nur, dass Sie in Monaco wohnen. Gehen Sie jetzt zu Fuß einkaufen?

Montoya: Ja. Kein Problem: Der Supermarkt ist nicht allzu weit weg von meiner Wohnung und das Fitnesscenter bloß einen Häuserblock entfernt. Wenn ich zum Flughafen nach Nizza muss, nehme ich den Helikopter. Und in zwei Monaten wird das Fahrverbot sowieso abgelaufen sein.

SPIEGEL ONLINE: Das Vorurteil, Rennfahrer würden überall rasen, haben Sie indes bestätigt.

Montoya: Ich fahre nun einmal gerne zügig. Aber in Monaco? Zeigen Sie mir mal, wo das dort gehen soll! In der Formel 1 sitze ich in einem der schnellsten Wagen. Warum sollte ich es auch im Stadtverkehr drauf anlegen, der Schnellste zu sein?

Das Interview führte Detlef Hacke



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