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27. März 2002, 14:36 Uhr

Interview mit Ralf Schumacher

"Wir sind definitiv der Favorit"

Ralf Schumacher und sein BMW-Williams-Team haben sich für den Großen Preis von Brasilien am Ostersonntag (19 Uhr MEZ) viel vorgenommen. In São Paulo soll Ferrari erneut das Nachsehen haben.

Ralf Schumacher: "Jeder Sieg tut irgendwo gut"
REUTERS

Ralf Schumacher: "Jeder Sieg tut irgendwo gut"

Hat Ihnen der Sieg in Malaysia besonders gut getan, nachdem es im Winter auch aus dem eigenen Team Kritik gegeben hatte?


Ralf Schumacher:

Jeder Sieg tut irgendwo gut. Kritik gab es schon immer in diesem Geschäft, und wenn es mal nicht so gut läuft, ist sie als Erstes wieder da. Ich habe mir das nicht so zu Herzen genommen.

Hätten Sie in Kuala Lumpur auch gewonnen, wenn Ihr Bruder Michael und Ihr Teamkollege Juan Montoya nicht in der ersten Kurve aneinander geraten und weit zurückgefallen wären?


Schumacher: Davon gehe ich aus, weil einfach das Auto perfekt war. Meine Rundenzeiten waren bei einer Ein-Stopp-Strategie so gut, dass beide nicht in der Lage gewesen wären, den nötigen Abstand herauszufahren, um zu gewinnen. Es war eines der einfachsten Rennen für mich.

Vor Saisonbeginn waren Sie mit Prognosen noch vorsichtig.


Schumacher: Für meine Zurückhaltung werde ich im Team oft kritisiert. Aber wenn ich nicht weiß, wo wir stehen, kann ich mich auch nicht äußern. Jetzt sieht das anders aus. Ich bin schon der Meinung, dass wir in São Paulo und Imola Ferrari schlagen können, weil wir da auch im letzten Jahr stärker waren.

Fühlt man sich also bei BMW-Williams als Favorit für die nächsten beiden Rennen?


Schumacher: Für diese Rennen würde ich uns als Team definitiv als Favorit sehen. Im letzten Jahr lag Juan Montoya in Brasilien in Führung und hätte auch gewonnen, wenn ihm nicht Jos Verstappen aus Versehen ins Heck gekracht wäre. Deshalb glaube ich schon, dass es für uns gut laufen sollte.

Kann man nach den ersten beiden Rennen schon eine echte Standortbestimmung machen?


Schumacher: Wir wissen, dass wir zurzeit vor McLaren liegen und das halten wollen. Wir waren schneller als Ferrari, aber das waren wir im letzten Jahr in Malaysia, Brasilien und San Marino auch. Deshalb müssen wir noch abwarten, zudem Ferrari ja noch mit dem alten Auto unterwegs war, auch wenn ich der Meinung bin, dass ihnen das neue Auto nicht viel bringen wird.

Warum trauen Sie Ferrari keinen großen Sprung zu?


Schumacher: Wenn das neue Auto so viel schneller wäre, dann wäre Ferrari sicher das Risiko eingegangen, damit zu fahren. Es handelt sich wohl um zwei bis vier Zehntelsekunden, und dafür war man nicht bereit, die ersten Rennen aufs Spiel zu setzen.

Sehen Sie an Ihrem Auto das Potenzial, in der ganzen Saison besser sein zu können als Ferrari?


Schumacher: Das ist schwer zu sagen. Dafür müsste unser Auto haltbarer sein als im letzten Jahr. Das war der entscheidende Faktor, warum Ferrari Weltmeister geworden ist. Wir haben zum Glück viele schnelle Strecken im Programm, und wir haben im Winter nicht geschlafen. Auf Highspeed-Strecken sehe ich uns vorne, weil unser Auto da sehr effizient ist. Auf Strecken, die viel Abtrieb fordern, haben wir immer noch ein paar Probleme. In der Aerodynamik sind wir noch etwas schlechter als Ferrari.

Sehen Sie eine Chance auf den WM-Titel?


Schumacher: Im Moment ist die Möglichkeit da, und wir werden alles dafür tun, dass wir sie nutzen können. Williams hat schon mehrere Titel gewonnen, mit BMW und Michelin haben wir gute Partner. Deshalb ist der Titel schon möglich. Es gehört ein bisschen Glück dazu - und vielleicht ein bisschen Unterstützung von Ferrari.

BMW führt erstmals nach 19 Jahren, Williams nach fünf Jahren wieder in der Konstrukteurs-WM. Wie wichtig ist diese Wertung für einen Fahrer?


Schumacher: Eher zweitrangig. Wenn man aber mal vorne steht, will man den Platz auch verteidigen, am liebsten bis zum Ende der Saison.

Im letzten Jahr ist Ihnen Rubens Barrichello in Sao Paulo ins Auto gefahren. Setzt er sich bei seinem Heimrennen zu sehr unter Druck?


Schumacher: Ich denke, nachdem er in den ersten beiden Saisonrennen nicht zu Ende gefahren ist, wird er diesmal wohl etwas besonnener sein. Ich hoffe, dass ich es schon im Qualifying erledigen kann, dass ich nicht mit ihm in Berührung komme.

Ab dem Rennen in Brasilien gibt es in der Formel 1 eine neue Strafe. Fahrer können bei Regelverstößen für das nächste Rennen mit einem Abzug von zehn Startplätzen belegt werden. Was halten Sie davon?


Schumacher: Ich finde das nicht schlecht, weil es sicher dazu beitragen wird, dass die Fahrer vorsichtiger sind. Das Problem ist nur, dass es keine Konstanz in den Entscheidungen gibt.

Ändert sich durch das neue Motorenregelement ab 2004 - nur noch ein Motor pro Wochenende - etwas für die Fahrer?


Schumacher: Das ist nur eine technische Herausforderung. Wenn der Motor funktioniert, ist es mir egal, ob er neu oder alt ist.

Wenn man dann aber bei einem Schaden zehn Startplätze verliert ...


Schumacher: ... ist das ärgerlich, aber das wird sicher jedem mal passieren.

BMW-Williams setzt auf zwei Spitzenfahrer. Bringt es das Team weiter, Informationen von zwei Top-Piloten zu bekommen?


Schumacher: Es bringt das Team auf jeden Fall weiter, und es hilft auch immer dem Fahrer, der um die WM kämpft. Man nimmt sich zwar unter Umständen gegenseitig Punkte weg, aber man hat zwei Fahrer, die gewinnen und Michael Schumacher besiegen können. Bei Ferrari ist Michael stärker als der Teamkollege. Für ihn ist die Gefahr größer, dass einer von uns ihm Punkte wegnimmt als Rubens Barrichello uns.



Aufgezeichnet von Thomas Straka, sid

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