Irrer Pistengänger Bekehrung auf dem Asphalt von Silverstone

Fast wäre es in Silverstone zu einer Katastrophe gekommen, als ein Zuschauer auf die Strecke stürmte. Die F1-Piloten konnten dem Mann gerade noch ausweichen. Dabei wollte der ungebetene Gast nur Gottes Wort verkünden.


Wahsinn pur: Ein Zuschauer auf der Strecke
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Wahsinn pur: Ein Zuschauer auf der Strecke

Silverstone - "Lest die Bibel. Die Bibel hat immer Recht." Das stand auf den Plakaten, die Neil Horan am Sonntagnachmittag bei seinem Ausflug auf den Rennkurs von Silverstone trug. Der Laienpriester war den heranrasenden Boliden entgegen gelaufen. Auch am Montag wurde der aus dem irischen Kerry stammende Londoner von der Polizei in Northampton verhört.

Der 56-Jährige, der bei seiner lebensgefährlichen Aktion einen Kilt trug, muss sich wegen "unerlaubtes Betretens" der Piste in einem besonders schweren Fall verantworten. Ihm droht eine Haftstrafe bis zu drei Jahren. Sollte Horan nicht straffähig sein, könnte er auch in eine psychatrische Anstalt eingewiesen werden.

"Friedenstanz" für Saddam Hussein

Horan war beim Grand Prix von Großbritannien nach einer Kletterpartie über den Zaun in der zwölften Runde auf die Strecke gestürmt und hatte die Fahrer zu riskanten Bremsmanövern gezwungen. Erst ein herbeigeeilter Streckenposten warf den Mann zu Boden und zerrte ihn von der Piste. Die nachfolgende Safety-Car-Phase wirbelte das komplette Klassement durcheinander.

Nach Recherchen britischer Zeitungen war Horan 1995 von der katholischen Kirche ausgeschlossen worden, nachdem er eine "glorreiche neue Welt" gepredigt hatte. Vor sechs Monaten machte er dem irakischen Diktator Saddam Hussein per Brief das Angebot, einen "Friedenstanz" in einem traditionellen irischen Kostüm aufzuführen. Im vergangenen Jahr hatte der Ire vor dem britischen Parlament gegen den Krieg demonstriert und im Rahmen seiner Kampagne sogar einen Brief vom britischen Premierminister Tony Blair erhalten.

Erinnerungen an den Hockenheimring wurden wach

"Das war ein Anschlag, kein Kavaliersdelikt. Da muss man strikt durchgreifen, dieser Mann darf nicht ungeschoren davonkommen", forderte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, "man muss halt in Zukunft alle fünf Meter einen Sicherheitsmann an den Zaun stellen." Gelassener reagierte Weltmeister Michael Schumacher. "Ich musste diesem Menschen ausweichen, aber wirklich gefährlich war das nicht. Der wollte nur seine Show abziehen. Ich weiß nicht, was solche Leute treibt", sagte der Ferrari-Pilot, der beim Sieg seines brasilianischen Teamkollegen Rubens Barrichello Vierter geworden war.

Einen ähnlichen Zwischenfall wie in Silverstone hatte es am 30. Juli 2000 auf dem Hockenheimring gegeben. Damals hatte ein Franzose gleich zweimal die Rennstrecke gestürmt und damit gegen seine Entlassung in einem Werk von Mercedes-Benz protestieren wollen. "Wir sind gebrannte Kinder und werden deshalb peinlichst darauf bedacht sein, dass bei unserem Rennen nichts passiert", sagte Hartmut Tesseraux, Pressesprecher der Hockenheimring GmbH.

Barrichello siegte schon einmal bei einem Chaosrennen

Dass die Anzahl der Streckenposten beim nächsten F1-Rennen (1. bis 3. August) aufgestockt und das Sicherheitspersonal "nachgeschult" wird, wollte Tesseraux nicht bestätigen: "Bereits seit dem damaligen Vorfall ist unser Auge noch wacher. Wir haben schon damals entsprechende Maßnahmen getroffen. Allerdings wollen wir diese nicht öffentlich machen, damit die Wirkung nicht verpufft."

Bei den beiden Rennen mit Zuschaueraktionen auf der Strecke hieß der Sieger übrigens Rubens Barrichello. "Jetzt werden wieder alle Kollegen sagen, dass das ein Brasilianer war", lautete der wohl nicht ganz ernst gemeinte Kommentar des Scuderia-Fahrers, der zwei seiner insgesamt sechs Grand-Prix-Siege unter besonders schwierigen Bedingungen erringen konnte.

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